Buffett-Manager Weschler: „Mir gefällt, wie Notare in Deutschland alles vorlesen“
„Je längerfristiger Sie investieren, desto mehr spricht für Aktien.“
Foto: Alex Kraus für HandelsblattTed Weschler ist Warren Buffetts Investment-Manager. Er führt Gespräche in Deutschland, obwohl er kein Deutsch kann. Er arbeitet mit Sparkassen zusammen, setzt sich aber nicht unter Druck. Die hohen Preise dämpfen seine Kauflaune. Umso wichtiger für ihn ist daher Vertrauen.
Herr Weschler, vor zwei Jahren hat Berkshire Hathaway in Deutschland sein erstes Unternehmen gekauft, den Motorradfachhändler Louis in Hamburg. Wie läuft das Geschäft dort?
Sehr gut. Die haben gerade ihre erste Filiale in der Schweiz aufgemacht, in einem Vorort von Zürich. Das Unternehmen passt sehr gut in die Berkshire-Familie.
Was erwarten Sie von Unternehmen, die in Ihren Konzern passen?
Wir mögen es, wenn die Manager Ihr Unternehmen wichtiger nehmen als sich selbst. Wenn sie die Firma so führen, als wäre es ihr Eigentum. Das macht für mich die Arbeit bei Louis sehr einfach.
Sind Sie schon einmal enttäuscht worden? Ist es Ihnen mal passiert, dass Manager nach einer Übernahme nicht mehr so motiviert arbeiten wie vorher?
Nicht, seit ich bei Berkshire arbeite. In meinem früheren Job ist mit das schon mal begegnet, aber sehr, sehr selten.
Warren Buffett hat angekündigt, weitere Unternehmen in Deutschland übernehmen zu wollen. Haben Sie Anfragen?
Wir führen einige Gespräche. Zum Teil arbeiten wir dabei auch mit Sparkassen zusammen, die sind ja praktisch überall vertreten. Aber wir setzen uns nicht unter Druck. Wir warten, bis wir das richtige Unternehmen gefunden haben, und der Preis muss auch stimmen. Bei uns gibt es keine Akquisitionsabteilungen, die ständig etwas kaufen muss. Ich habe früher mal in so einer Abteilung gearbeitet, da haben sie dann keine Zeit abzuwarten. Aber genau dann, wenn man sich unter Druck fühlt, passieren Fehler. Und das möchte ich gern vermeiden.
Warum sollte ein deutscher Mittelständler sein Unternehmen ausgerechnet an eine amerikanische Beteiligungsfirma verkaufen?
Wir arbeiten ganz anders als andere Beteiligungsfirmen. Das ist eine wichtige Botschaft. Wir kaufen Unternehmen ganz. Wir tauschen das Management nicht aus. Wir legen Wert darauf, dass die Kultur erhalten bleibt. Und diese Beteiligungen bleiben immer bei uns, wir verkaufen sie niemals weiter.
Gibt es Branchen, die Sie besonders interessieren?
Wir haben keine magische Formel, nach der wir bestimmte Branchen aussuchen. Wichtig ist uns, dass die Dynamik stimmt. Wir wollen die Chance sehen, dass das Unternehmen auch in zehn, 20 oder 30 Jahren noch gut dasteht. Was wir nicht mögen, sind Produkte mit kurzen Lebenszyklen, wie sie zum Teil in der Technologie-Branche vorherrschen.
Gibt es Beschränkungen beim Kaufpreis?
Da gibt es quasi keine Obergrenze. Unternehmen im Wert von mehreren Milliarden Dollar wären kein Problem für Berkshire. Unsere Tochtergesellschaften suchen in Deutschland zudem jedoch kleinere Übernahmeziele, die sie in ihr Geschäft integrieren können.
Berkshires Industrie-Tochter Precision Castparts hat Anfang des Jahres den Röhren-Spezialisten Schulz GmbH aus Krefeld übernommen.
Genau solche Deals würden wir ebenfalls gern öfter abschließen. Die Marmon-Gruppe, die ebenfalls zu Berkshire gehört, sucht zum Beispiel nach Kandidaten. Die hat wiederum 200 Töchter-Unternehmen und über sieben Milliarden Dollar Umsatz im Jahr.
Zurzeit sind viele Unternehmen sehr teuer.
Ja, das ist kein ideales Umfeld für uns. Warren legt ja immer extremen Wert auf Preis-Disziplin. Es ist einfach zu viel Geld im Finanzsystem. Wir neigen eher dazu, dann zu kaufen, wenn kein anderer sich traut. In Deutschland ist das Angebot an Firmen auch nicht sehr groß, weil die steuerlichen Bedingungen für Erben relativ günstig sind, da sind nicht so viele zu Verkäufen gezwungen.
Glauben Sie, dass die Preise in absehbarer Zeit sinken werden?
Ich mache nie kurzfristige Prognosen. Aber irgendetwas wird schon passieren in den nächsten zehn Jahre, was die Preise drückt. Das ist gibt uns dann mehr Kaufgelegenheiten, weil wir so eine starke Bilanz haben.
Ist es für Sie schwierig, in einem Land wie Deutschland mit einer völlig anderen Sprache und Kultur zu investieren?
Es ist eine Herausforderung. Ich spreche kein Deutsch, außerdem herrscht in Ihrem Land ein völlig anderes Rechtssystem. Aber wissen Sie was: Das ist auch eine Chance. Das bedeutet, dass es noch mehr auf Vertrauen ankommt, diese Schwelle ist dann besonders hoch. Und was die Kultur angeht: Mir gefällt die Art, wie die Notare in Deutschland vor der Unterzeichnung alles noch einmal vorlesen. Das ist ein Jahrhunderte altes Verfahren und steht im Gegensatz zur der Hektik, mit der sonst Dokumente ausgetauscht werden. Es gibt der Sache einen gewissen Ernst.
Woher wissen Sie, ob Sie einem Manager vertrauen können?
Man sitzt vor einer Übernahme viele Stunden in Gesprächen zusammen. Da muss man beurteilen können, wie ehrlich die Absichten der Verhandlungspartner sind. Deren Körpersprache hilft mir zu verstehen, was sie wirklich denken oder fühlen und wie sie über ihre Mitarbeiter denken. Das ist eine wichtige Voraussetzung für meinen Job.
Sie sind nicht nur für die Zukäufe in Deutschland verantwortlich. Sie verwalten gemeinsam mit Herrn Buffett und Ihrem Kollegen Todd Combs auch das 130 Milliarden Dollar schwere Aktienpaket. Was hat sie zum Einstieg bei Apple bewogen? Berkshire war doch sonst meist skeptisch gegenüber Tech-Unternehmen.
Für Apple ist Technik extrem wichtig. Aber für mich steht etwas anderes im Vordergrund – Apple ist eine Art Abonnement-Unternehmen. Leute, die sich einmal an diese
Marke gewöhnt haben, bleiben dabei, sie kaufen immer wieder Apple. Das funktioniert so ähnlich wie früher im Mediengeschäft Magazine, die immer weiter bestellt wurden. Mit so einem Geschäftsmodell können Sie hohe Margen erzielen.
Sie sind ein aktiver Investor im Aktienbereich. In der gesamten Branche sind aber vor allem passiv anlegende Fonds im Vorteil, weil die aktiven Manager meist schlechter als die Indizes abschneiden. Wieso lassen Sie sich davon nicht beirren?
Nun, Warren propagiert ja mehr als jeder andere die passive Anlage, besonders für Kleinanleger. Das ist eine Kostenfrage. Gerade bei den heute niedrigen Renditen ist es ein großer Unterschied, ob sie ein oder zwei Prozent für aktive Fonds zahlen oder nur vier bis fünf Zehntel für einen passiven.
Was machen Sie anders als gängige aktive Fonds?
Der Anspruch, hier bessere Ergebnisse zu erzielen, wäre vermessen, wenn wir nicht einen klaren Wettbewerbsvorteil hätten. Investmentfonds behalten ihre Aktien im Schnitt weniger als ein Jahr. Das ist doch Unsinn. Wir nehmen uns die Zeit, zu überlegen, wie eine Aktie in fünf Jahren dastehen wird. Dieser lange Horizont gepaart mit einem sehr konzentrierten Portfolio ist unser großer Wettbewerbsvorteil. Ich habe keine Ahnung, wie sich ein Kurs im nächsten halben Jahr entwickeln wird, ich suche einfach langfristig gute Unternehmen.
Nach welchen Kriterien treffen Sie ihre Auswahl? Beraten Sie sich dabei mit Warren Buffett und anderen Kollegen?
Wir gehen einmal in der Woche zusammen Mittagessen, aber wir treffen unsere Entscheidungen selbstständig. Ich arbeite dabei eher als Einzelkämpfer, stelle mich selbst infrage, spiele den Teufelsadvokaten gegenüber meinen eigenen Entscheidungen und analysiere sorgfältig, was bei einem Investment schief laufen könnte. Selbst, wenn eine Kurs einer Aktie sinkt, komme ich oft zu dem Ergebnis, dass ich nach dem Wissenstand im Moment der Entscheidung richtig gehandelt habe. Außerdem lese ich sehr viele Dokumente.
Was lesen Sie denn?
Ich lese zum Beispiel die Mitteilungen an die Börsenaufsicht, die die Unternehmen regelmäßig einreichen müssen. Und die Abschriften der Analystenkonferenzen.
Arbeiten Sie ähnlich wie Warren Buffett?
Warren analysiert eine Unmenge an Daten. Dabei findet er manchmal Muster, die andere noch nicht entdeckt haben. Er ist so gut in dem, was er tut, weil er schon so lange in dem Geschäft ist und unglaublich viele Datenpunkte sammeln konnte.
Berkshire hat Anfang des Jahres auch groß in Amerikas vier größte Fluggesellschaften investiert – eine sehr kompetitive Branche. Warum?
Die Dynamik ist heute anders als vor 20 Jahren. Damals konnte eine Airline im Schnitt nur 65 Prozent der Tickets pro Flug verkaufen. Heute sind wir bei 85 Prozent. Das hat große Auswirkungen auf die Marge. Das macht einen riesigen Unterschied für die Gewinnmarge, denn bei niedriger Auslastung ist die Versuchung zu groß, mit Preisnachlässen zu reagieren.
Würden Sie auch deutsche Luftverkehrs-Aktien kaufen?
Auf keinen Fall. Wie viele Streiks hatte die Lufthansa in den letzten Jahren, waren es nicht mehr als zwölf?
Air Berlin könnte auch einen starken Investor gebrauchen…
Das ist nichts für uns. Wir wollen ja sicher gehen, dass das Unternehmen auch noch in 20 oder 30 Jahren gut dastehen kann. Die Hürde ist zu hoch.
Berkshire legt großen Wert auf Integrität. United Airlines hatte erst kürzlich Ärger weil ein Fluggast brutal aus dem Flugzeug geschleift wurde. Bei Wells Fargo, Berkshires größten Beteiligung, gab es einen Skandal um Scheinkonten.
Integrität ist für uns ganz entscheidend. Das gilt für Berkshire, aber auch für unsere Beteiligungen. Wir investieren nie in ein Unternehmen, bei dem die Kultur von vorn herein nicht stimmt. Ja, bei Wells Fargo ist einiges schief gelaufen und wir nehmen das sehr ernst. Aber ich glaube trotzdem, dass die große Mehrheit dort gute Leute sind, die jeden Tag korrekt handeln wollen. Und was die Airlines angeht: Das ist ein operatives Problem. Wir sind passive Investoren.
Ihr Geschäft refinanziert sich zum großen Teil über die Rückversicherungen. Herr Buffett hat gesagt, dass diese Branche bis auf weiteres relativ schwach laufen wird. Kommt damit der Geldfluss bei Berkshire ins Stocken?
Das sehe ich auf absehbare Zeit nicht. Die Gewinnmargen im Versicherungsgeschäft sind dünner geworden, aber daraus kommt immer noch eine Menge Liquidität.
Wenn Sie an Deutschland und Europa denken, machen Ihnen dann die politischen Entwicklungen Sorgen?
Ich kann die möglichen Auswirkungen von Wahlen bei meinen Investitionen nicht mit einrechnen. Viele große Unternehmen haben sich über 100 Jahre oder noch mehr und durch sehr schwierige Zeiten gut gehalten. Anleihen stellen Verträge dar, die nicht geändert werden können. Aktien dagegen sind Anteile an Unternehmen, die sich flexibel anpassen können.
Aber Aktien sind zurzeit auch hoch bewertet.
Kommt auf den Vergleich an. In den USA bieten Anleihen eine Rendite von rund zwei Prozent, gemessen daran ist ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 gar nicht so schlecht. Warren hat immer gesagt, dass man bei der Bewertung der Aktien von dem Vergleich mit den Anleihe-Renditen ausgehen soll. In Deutschland gibt es einen besonders krassen Unterschied zwischen Anleiherenditen und Dividendenrenditen.
Aber die Anleiherenditen können auch wieder steigen.
Klar, das Risiko besteht. Aber es spricht viel dafür, dass sie noch länger niedrig bleiben. Je längerfristiger Sie investieren, desto mehr spricht für Aktien.
Herr Weschler, vielen Dank für das Interview.