Roland Koch über Helmut Kohl: „Er hat Menschen persönlich an sich gebunden“
Der damalige Kanzler bei der Einheitsfeier am 3. Oktober 1990 vor dem Reichstagsgebäude.
Foto: dpaBerlin. Altkanzler Helmut Kohl ist im Alter von 87 Jahren gestorben. 16 Jahre lang hatte er als Bundeskanzler die Geschicke des Landes gelenkt und in dieser Zeit die Deutsche Einheit durchgesetzt und den Euro auf den Weg gebracht. Der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch war langjähriger Weggefährte Kohls und hat schon vor dessen Tod bedauert, dass die CDU und Deutschland nicht über Kohls Fehler hinwegsehen konnten. Im Interview erzählt Koch, was den Weltpolitiker ausgemacht und am Ende seines Weges beschäftigt hat.
Herr Koch, Helmut Kohl hat die CDU ein viertel Jahrhundert lang als Vorsitzender geprägt. Welche Rolle hat er für ihre politische Sozialisation gespielt?
Als Helmut Kohl 1973 Bundesvorsitzender wurde, war ich Jugendlicher und gerade Mitglied der Jungen Union geworden. Insofern bin ich sozusagen mit Helmut Kohl groß geworden. Als ich 1983 stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungen Union wurde, war er nicht nur Parteichef, sondern auch Kanzler. Er stand somit gewissermaßen am Beginn meiner politischen Arbeit auf nationaler Ebene. Er war für mich nicht nur ein wichtiger, sondern ein hochspannender Gesprächspartner. Daraus ist später eine persönliche Freundschaft geworden.
Der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) war ein Wegbegleiter und Freund Helmut Kohls.
Foto: dpaWann hatten Sie Ihre erste Begegnung mit ihm?
Das weiß ich sehr genau. 1979 war ich als junger Kreisvorsitzender mit 21 Jahren das erste Mal auf einem CDU-Bundesparteitag. Im Vorfeld hatte der Landesverband Nordrhein-Westfalen eine kleine Liste ausgegeben, wer als Beisitzer in den Bundesvorstand zu wählen sei und wer nicht. Alle Kandidaten unter 40 Jahren waren von dieser Liste gestrichen worden, sollten also nicht gewählt werden. Da habe ich das erste - und ich glaube das einzige - Mal in der Geschichte der CDU Deutschlands auf einem Bundesparteitag eine Personaldebatte zur Wahl der Beisitzer beantragt. Der Parteitag befand sich schon in Auflösung. So etwas war nicht vorgesehen im Regiebuch des Präsidiums. Ich ging nach vorne, las die Liste vor - und sprengte damit die Absprache. Ich erreichte, dass Matthias Wissmann wieder in den Bundesvorstand gewählt wurde. Leidtragender war der erste im Alphabet auf dem Zettel, Herr von Bismarck, damals Vorsitzender des Wirtschaftsrates. Der Vorgang bescherte mir am Abend des Parteitags ein Gespräch mit Helmut Kohl. Ein paar Wochen später rief dann Wolfgang Schäuble an und ließ ausrichten, Helmut Kohl wolle mit mir in Bonn reden. So lernte ich also auch Wolfgang Schäuble kennen.
Erarbeitete man sich also den Respekt Helmut Kohls, indem man mutig auftrat?
Na, Helmut Kohl wollte schon wissen, wer sich da erdreistete, den Parteitag aus den Angeln zu heben und merkte sich so etwas auch, keine Frage.
Kohl galt als exzellenter Netzwerker. Rief er Sie danach auch regelmäßig an?
Natürlich waren diese Kontakte zu Beginn unbedeutend und selten. Als stellvertretender Chef der Jungen Union wurde es dann mehr. Und als ich dann 1990 Fraktionsvorsitzender im hessischen Landtag wurde, zeigte Helmut Kohl deutliches Interesse. Ein Jahr später war ich zudem stellvertretender Vorsitzender der CDU-Programmkommission und habe am Grundsatzkapitel geschrieben. An den Beratungen dieser Kommission nahm Kohl regelmäßig teil. Auf diese Art und Weise entstand eine Beziehung. Dann rief er öfter an, auch schon mal morgens um acht Uhr. Seine Büroleiterin Juliane Weber stellte durch. Kohl hatte eine Idee, die er vortrug - oder wollte einfach nur meine Arbeit kommentieren.
Sie standen also unter ständiger Beobachtung?
Er wollte meine Meinung zu bestimmten Dingen hören, wollte auch wissen, wie wir auf Landesebene bestimmte Dinge beurteilten. Ein Beispiel: Er wusste selbstverständlich um meine Beziehung zum Dalai Lama. Und natürlich stritten wir dann heftig, als er mitten in der Tibet-Debatte die Chinesische Volksarmee besuchte. Das geschah aber alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Wissen darum, dass wir uns nie in der Öffentlichkeit als Gegner begegnen würden, hat meines Erachtens unser Verhältnis geprägt. Er konnte sich auf mich verlassen. Und ich mich auf ihn.
„Kohl war für mich nicht nur ein wichtiger, sondern ein hochspannender Gesprächspartner“.
Foto: picture-alliance/ dpaErklärt das, weshalb sie sich als „Kohlianer“ bekannten?
Dazu habe ich auch öffentlich immer gestanden. Damit war für ihn natürlich klar, dass wir uns intern durchaus heftig streiten konnten, ich das aber nicht zur öffentlichen Profilierung nutzen würde. Das bot mir durchaus die Chance, Dinge zu beeinflussen.
Was hat Sie denn an ihm so begeistert?
Kohl hat seinen Gesprächspartnern immer gezeigt und auch vermittelt, dass ihn über die jeweils tagesaktuelle Frage hinaus der nächste Schritt, die langfristigen Folgen interessierten. Er hinterfragte die Dinge und zeigte, dass es ihm um mehr ging, als aktuelle Probleme zu lösen.
Haben Sie ein Beispiel?
Ich erinnere mich gerne an die Abende mit uns Nachwuchspolitikern der Jungen Union im Kanzlerbungalow. Natürlich haben wir erst darüber geredet, ob dieser oder jener Minister gerade etwas Kluges oder weniger Kluges getan hat. Sein Interesse war da mäßig. Kamen wir aber auf Europa, dann legte er los: „Erstens, zweitens, drittens…“ Es ging um die Frage, woraus Kriege entstanden sind; darum, wie sich die Menschen vom geeinten Europa überzeugen lassen und warum alles dafür getan werden muss, ein einheitliches Europa zu schaffen. Wohlgemerkt, ich meine die frühen 80er-Jahre. Da ging es noch gar nicht um Globalisierung und jene Beschleunigung, die wir heute allenthalben erleben. Und dennoch ging es ihm um die Gestaltung von Gesellschaft und um die langen Linien der Geschichte.
Ist er sich dem denn treu geblieben während der Kanzlerschaft?
Oh ja, er ist sich diesen Linien und Grundsätzen über all die Jahre treu geblieben. Er war sich dabei auch nie unsicher. Bei Wahlen, da war er unsicher, ob er nun gewinnen oder verlieren würde. Auch auf dem Bremer Parteitag war er unsicher, ob er den Umsturzversuch überstehen würde. Das alles für sich mag ihn Tage und auch Nächte beschäftigt haben. Es hat ihn aber nicht davon abgebracht, weiter zu den Menschen zu stehen, denen er vertraute. Nach meinem Wissen war das auch mit den internationalen Partnern nicht anders. Wenn es um Kompromisse ging, hat er die Linien verlängert und gesagt: Wollen wir doch mal sehen, wo wir beide im Geschichtsbuch stehen wollen.
Lässt sich sein Führungsstil als den eines Patriarchen mit dickem Telefonbuch, Elefantengedächtnis, Vertraulichkeit und Günstlingswirtschaft beschreiben?
Das gehört alles dazu. Helmut Kohl hat Menschen persönlich an sich gebunden. Dabei muss ich betonen, dass er sich sehr für Menschen interessiert hat. Er wollte wissen, wer der neue Bezirksvorsitzende der CDU irgendwo war und um wen es sich handelte. Da ging es nicht darum, ob dieser Neue in sein „System“ passte. Es war eher die Frage: Was passiert da gerade? Dabei half ihm, dass er die Partei aus einer mit ihm gewachsenen Struktur heraus führte. Seinen Einfluss hat er immer ein Stück weit daraus abgeleitet, dass er das Interesse an den Menschen hatte. Das war übrigens nicht anders im Verhältnis zu Staatschefs wie Michail Gorbatschow oder Francois Mitterand. Um historische Entwicklungen, um Stimmungen und Entscheidungen verstehen zu können, helfen Akten nur bedingt weiter. Kohl hat sich hingesetzt und gesagt: „Erzähl mir etwas über Deine Familie.“ Danach hat er dann von seiner Familie erzählt. Am Ende sagte er dann: Unsere Beamten haben uns hier noch 20 Punkte hingelegt, die wir abhaken müssen. Zeit haben wir nicht mehr viel, aber lass uns mal gucken.
Klingt nach einem Schlitzohr.
Natürlich hat er diesen Umgang mit anderen auch taktisch eingesetzt. Aber es war in einer Atmosphäre, in der man nicht mehr streitig und übellaunig irgendwelche Voten von Ministerialdirektoren abgearbeitet hat. Es entstand vielmehr ein Klima, bei dem man sehr offen reden konnte. Diese Kultur hat Kohl auf internationaler Ebene gepflegt, aber eben auch auf der unteren Ebene, etwa auf Parteitagen.
„Meine Lebenserfahrung nach fast elf Jahren in der EG: Wenn irgendwo Geld gebraucht wird, wendet man stumm den Blick auf die Deutschen.“
Kohl vor Journalisten am 22. Juni 1993 auf dem EG-Gipfel in Kopenhagen
Foto: ap„Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht.“
Kohl im Mai 1998
Foto: AFP„Er ist ein moderner kommunistischer Führer, der sich auf Public Relations versteht. Goebbels, einer von jenen, die für die Verbrechen der Hitler-Ära verantwortlich waren, war auch ein Experte in Public Relations.“
Kohl in einem Interview mit dem US-Nachrichtenmagazin „Newsweek“ im Oktober 1986 über Michail Gorbatschow
Foto: dpa„Wir gehen nach Berlin – aber nicht in eine neue Republik.“
Kohl im Juli 1999 in Anspielung an die sogenannte Bonner Republik
Foto: dpa„You can say you to me.“
Kohl zu Margaret Thatcher – nichtwissend, dass das englische You das höfliche Sie und das Du gleichermaßen bedeutet.
Foto: ap„Ich rede vor Ihnen als einer, der in der Nazizeit nicht in Schuld geraten konnte, weil er die Gnade der späten Geburt und das Glück eines besonderen Elternhauses gehabt hat.“
Kohl am 24. Januar 1984 in einer Rede vor der Knesset in Israel
Foto: dpa„Wahlkampf ist ein Marathonlauf. Es kommt nicht darauf an, wer auf den ersten Metern vorn liegt, sondern wer am Schluss gewinnt.“
Kohl in einem Zeitungsinterview 1998
Foto: Reuters„Essen und Trinken - das steht für Freude am Leben.“
Kohl (hier mit seinem Amtskollegen Jacques Chirac zur Eröffnung der ANUGA in Köln 1997
Foto: ap„Nur wenn Europa mit einer Stimme spricht und seine Kräfte bündelt, kann es sein Gewicht angemessen zur Geltung bringen.“
Kohl im Jahr 1992 in Oxford
Foto: Reuters„Was wir brauchen, ist eine geistig-moralische Wende.“
Helmut Kohl (Mitte) mit dem Kanzlerkandidaten der CDU/CSU, Franz Josef Strauß (2. von links), und anderen im August 1980 in Mannheim.
Foto: dpa„Wer sich nicht selbst imponiert, kann niemand anderem imponieren.“
Helmut Kohl am Rednerpult des Bundestages im Jahr 1982
Foto: dpa„Der Wind des Zeitgeistes weht heute da und morgen da. Und wer sich danach richtet, der wird vom Winde verweht.“
Kohl als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident im Jahr 1975.
Foto: dpa„Die Visionäre von gestern sind die Realisten von heute.“
Bundeskanzler Helmut Kohl mit dem CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß
Foto: dpa„Ein Land mit Kindern ist ein Land mit Zukunft. Kindern Leben zu schenken, sie groß zu ziehen, ist dem Tun des Försters vergleichbar, der einen Baum pflanzt und weiß: Wenn dieser Baum Schatten spendet, wird er selbst nicht mehr sein.“
Kohl mit Angela Merkel im Jahr 2000.
Foto: Handelsblatt„Wer ja sagt zur Familie, muss auch ja sagen zur Frau.“
Kanzlerin Merkel vor Kohl-Portrait
Foto: dpa„Von deutschem Boden muss in Zukunft immer Frieden ausgehen.“
Helmut Kohl mit dem gestürzten Kanzler Schmidt
Foto: dpa„Ich bin kein Denkmal. Die stehen ziemlich einsam in der Gegend.“
Helmut Kohl im Wahlkampf 1990
Foto: ap„Ich habe versucht, ehrlich zu sein, aber in Maßen.“
Kohl mit Papst Johannes Paul II. im Jahr 1996
Foto: ap„Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“
Helmut Kohl am Rednerpult
Foto: ap„Ich weiß nicht, was der französische Staatspräsident Mitterand denkt, aber ich denke dasselbe.“
Kohl während eines CDU-Parteitags im Jahr 1991
Foto: dpa„Früher hat man den Hut gar nicht tief genug ziehen können, und heute wechselt man die Straßenseite, nur um nicht Grüß Gott sagen zu müssen.“
Kohl im Jahr 2000 über Parteifreunde
Foto: ap„Deutschland - ein kollektiver Freizeitpark.“
Helmut Kohl im Oktober 2009
Foto: dpa„Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte bei den Staatsessen herum, so dass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musst.“
Zitat aus dem „Spiegel“
Foto: Reuters„Das ist ein ganz großer Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null.“
Das soll Kohl in den Gesprächen mit dem WDR-Journalisten Schwan über den Ex-Bundespräsidenten Wulff gesagt haben.
Foto: ap„Gorbatschow ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte.“
Kohl über Gorbatschow im „Spiegel“. Der Altkanzler soll davon überzeugt gewesen sein, dass die Schwäche Moskaus zum Zusammenbruch der DDR geführt habe.
Foto: dpa„Mir war klar, dass Richard sich selbst für den Klügsten und Allermoralischsten hält.“
Kohl über den ehemals ersten Mann im Staat, Richard von Weizsäcker
Foto: ImagoIst diese Art der Politik denn heute auf internationaler Ebene noch denkbar?
Natürlich gibt es heute eine unglaubliche zeitliche Vertaktung. Das paternalistische Regieren, das Helmut Kohl repräsentiert hat, ist deutlich schwerer geworden. Gerhard Schröder hat ganz nüchtern die Relationen abgearbeitet, besonders auch zu den kleinen europäischen Ländern, in dem er die Kraft auf einige wenige große konzentrierte. Zu den Erfolgen von Angela Merkel gehört, dass sie im Umgang mit den europäischen Staats- und Regierungschefs das System Kohl wieder voll etabliert hat. Sieüberlegt sehr genau, wo sie wann in welche Hauptstädte reist und mit wem sie wie oft spricht. Das Geheimnis der Politik von Helmut Kohl lag darin, Zuwendung zu zeigen in Situationen, in denen man es in der Position des Stärkeren eigentlich nicht brauchte.
Er gab dem anderen – insbesondere den Führern der kleineren Staaten in Europa, immer das Gefühl, dass er um die Bedürfnisse und die wechselseitigen Abhängigkeiten wusste und sie respektierte. Dieses Grundprinzip gilt heute wieder, auch wenn wir einen Vladimir Putin und Angela Merkel nie gemeinsam in der Sauna sehen werden. In dem einen persönlichen Umgang klappt es besser, in dem anderen weniger gut. Aber es hat bei den internationalen Beziehungen kaum etwas mit Parteipolitik zu tun. Diese zweite sehr menschliche Ebene ist von erheblicher Bedeutung für politische Erfolge.
Dieses Prinzip dürfte auch sein Verhandlungsgeschick im Prozess hin zur deutschen Einheit begründen. Wie haben Sie die Zeit damals mit ihm erlebt?
In diesen hektischen Tagen war ich Abgeordneter im Hessischen Landtag. Da hielt sich der Kontakt zum Kanzler Kohl in Grenzen. Ich habe aber vieles über meinen Freund Franz Josef Jung damaliger Generalsekretär der hessischen CDU wahrgenommen, der da einen ganz engen Kontakt zu Helmut Kohl hatte. Wären die beiden nicht auf die Idee gekommen wären, den Demokratischen Aufbruch zu integrieren…
…also in die CDU aufzunehmen…
… und mit einem Wahlkampf-Urvieh wie Franz Josef Jung in eine Wahl zu ziehen, dann wäre die Deutsche Geschichte sicher etwas anders geschrieben worden. Es war eine sehr persönliche Entscheidung Kohls mit Leuten seines Vertrauens sehr eng zusammenzuarbeiten. Auch das alles wieder in seinem Stil: Du machst das jetzt, sagte er zu Jung und schickte ihn in die untergehende DDR. Dann telefonierten sie sicher täglich, um den Wahlerfolg der CDU vorzubereiten.
Das größte parteipolitische Verdienst dürfte in dem Umstand liegen, dass er in den 70er Jahren die CDU komplett umgekrempelt hat, weg von der Honoratiorenpartei Adenauers, hin zu einer Mitgliederpartei. Teilen Sie den Befund?
Der politische Lebensweg Helmut Kohls ist sehr von dem Willen und der Bereitschaft geprägt, Dinge aufzubrechen und zu verändern: sei es in Rheinland-Pfalz, in der CDU, in Deutschland und in Europa. In den 70er Jahren war er ein Reformator. Er war die nächste Generation deutscher Politiker nach Willy Brandt und Helmut Schmidt; ein junger Mann, der kurz Ministerpräsident eines Landes war, dass er furios umgekrempelt hatte. Und dann stand er plötzlich auf der bundespolitischen Bühne. Durch die Niederlage gegen Rainer Barzel im Kampf um den Bundesvorsitz hatte er gelernt und dann zwei Jahre später gewonnen. Den großen Mitgliederzuwachs muss man sicher in der Rückschau relativieren.
Es war die Zeit der Polarisierung in der Gesellschaft. Wer sich dem Mainstream entgegenstemmen wollte, musste sich organisieren. Dem gab er Gesicht und Stimme. Ich denke beispielsweise an die Schulpolitik. Es waren weniger seine Reden, die die Menschen überzeugte, er brachte vielmehr ein gestimmtes Lebensgefühl zum Ausdruck. 1976 hat er dann mit 48,6 Prozent für die Union bei der Bundestagswahl einen furiosen Start auf Bundesebene hingelegt, auch wenn es nicht zur Regierungsmehrheit langte.
Übrigens sehe ich da interessante Parallelen zwischen Helmut Kohl und Angela Merkel: So wie die wichtigste Wahl für Angela Merkel jene 2003 war, bei der sie nicht Kanzlerkandidatin war, so war es für Helmut Kohl auch 1980 gewesen, als Franz-Josef Strauß Kanzlerkandidat der Union war. Die Souveränität, solche persönlich sehr schwierigen Situationen zu meistern sorgte dafür, dass sich die Reihen hinter beiden schlossen. So hatten dann beide nach ihren Erfolgen große Handlungsfreiheit. Das galt für Kohl bei seiner mutigen Art, wie er mit Kurt Biedenkopf und anderen die Partei umgekrempelt hat. Auch sein Antritt als Kanzler war davon geprägt: Auflösung des Parlamentes, die klare Haltung beim Nato-Doppelbeschluss gegen alle Umfragen. Natürlich hat er in seiner Kanzlerzeit viel aussitzen und verteidigen müssen. Aber der Antrieb Helmut Kohls ist der, eines wirklichen und in jeder Hinsicht mit viel Herzblut versehenen Reformators.
Wie haben Sie ihn denn als Menschen wahrgenommen?
Ich habe ihn immer als einen loyalen Menschen erlebt, was dann ja auch in eine Freundschaft mündete. Er hat mir sehr viel gegeben, weil er mir schon in sehr jungen Jahren das Gefühl gab, an meinen Einschätzungen interessiert zu sein. Für mich war er auch immer erreichbar. Ich weiß, dass das nicht allen so ging und auch nicht alle mit seinen Scherzen und seiner recht derben Art zurechtkamen. Er nahm etwa gern mal jemanden unter Feuer, auch in Gegenwart Dritter. Er hatte dabei aber nach meiner Ansicht nicht das Ziel zu verletzen. Ich habe ihn immer als einen sympathischen Menschen erlebt, der natürlich auch das Recht für sich beanspruchte, seine Interessen durchzusetzen.
Wie meinen Sie das?
Gelegentlich hat er mich als jüngeren Menschen benutzt aus seinem Trott auszubüxen.
Sie sind ausgerissen?
Er rief mich manches Mal an, nannte eine Zeit und sagte: Such‘ etwas aus, ich will jetzt mal in Frankfurt unter die Leute. Dann landete die Kanzlermaschine am Flughafen. Die Sicherheitsleute schimpften über den Regelverstoß, weil ihnen niemand vorher gesagt hatte, wohin es eigentlich gehen soll. Wir ließen uns dann trotzdem von Kohls Fahrer Ecki Seeber in die Stadt fahren. Es kam vor, dass Leute der Jungen Union einfach einen Tisch in einer Kneipe freigehalten hatten, ohne selbst zu wissen, wer da nun kam. Dann trat also der Hüne Kohl ein, setzte sich und bestellte einen Ring Fleischwurst. Ein anderes Mal sind wir in meinem Heimatkreis in einen Landgasthof gefahren, Ecki Seeber sagte zu mir: „Wenn ich nicht wüsste, dass Du es bist, würde ich meinen, wir werden entführt.“ Kohl wollte einfach raus, ohne dass vorher Spürhunde die Kneipe absuchten. Darüber hinaus hatten wir natürlich auch persönlich viel Zeit miteinander – weil wir uns aufeinander verlassen konnten.
Worüber sprachen sie denn privat, wenn das Leben eigentlich nur noch aus Politik und Sicherheitsvorkehrungen besteht?
Natürlich sprachen wir über den Beruf, aber auch etwa über technische Innovationen, die die Welt veränderten. Wir sprachen über unsere Familien und was seine Kinder in der Schule erlebten. Er fragte nach meinen Kindern. Wir haben kein Thema ausgelassen. Er interessierte sich natürlich auch für mein Streben, Ministerpräsident zu werden und war mir da auch ein guter Ratgeber, da er selbst lange und gerne Ministerpräsident gewesen war. Also, es gab allerhand zu besprechen.
Wie lange hat denn der Geist Kohls nachgewirkt, nachdem er nicht mehr Kanzler und Parteivorsitzender war?
Bis 2000 war er als Ehrenvorsitzender noch rege in den Parteigremien aktiv. Natürlich ist dann alles durch die Parteispendenaffäre abrupt beendet worden, vor allem der direkte Einfluss. Ob der Geist im Sinne der Art und Weise, wie man Politik macht, verschwunden ist – da habe ich meine Zweifel. Es könnte sein, dass auch die Generation nach ihm eine ganze Menge von Kohl gelernt hat, auch wenn manche es nicht zugeben. Man nennt dann die Dinge eben nicht mehr „aussitzen“, sondern „abwarten“ oder „alternativlos“.
Sie spielen auf Angela Merkel an, eine Politikerin der CDU, die Kohl entdeckte und die etwa ohne die Fusion mit dem Demokratischen Aufbruch vermutlich nicht einmal CDU-Mitglied geworden wäre. Das Verhältnis beider war am Ende ein schwieriges. Im Frühjahr 2016 hatte Kohl den ungarischen Regierungschef Viktor Orban bei sich zu Hause empfangen, ein vehementer Gegner von Merkels Flüchtlingspolitik. War das ein Affront oder war diese allgemeine Bewertung falsch?
Helmut Kohl und Viktor Orban verbindet eine lange Geschichte. Die deutsch-ungarischen Beziehungen waren nicht immer leicht und doch hat das Land Deutschland in einer entscheidenden Situation sehr geholfen. Orban war als junger Mann in das Geflecht der europäischen Politik Helmut Kohls eingebunden. Kohl sah ihn immer als einen Verbündeten an, der ihn nie im Stich gelassen hat. Mit dem Treffen wollte er sicher einen Kontrapunkt dazu setzen, wie Europa mit Ungarn in diesen Monaten umging. Ich glaube nicht, dass es eine Positionierung für die eine oder andere Politik in der Flüchtlingsfrage war. Es ging wohl eher darum zu sagen: Orban ist einer, der sich um die Freiheit verdient gemacht hat, um Ungarn und um Europa. Aber zweifelsohne hat die Flüchtlingskrise Helmut Kohl umgetrieben und natürlich auch die Probleme, die sie für Europa, aber auch für das Verhältnis zwischen CDU und CSU mit sich gebracht hat. Wobei man auch sagen muss, dass Kohl deutlich mehr und Heftigeres erlebt hat im Konflikt mit Franz Josef Strauß als Angela Merkel mit Horst Seehofer. In beiden Fällen aber hatten die Spannungen ihre Begründung. Sie waren immer wieder auch repräsentativ für die Spannungen, die es in der Wählerschaft von CDU und CSU gab.
Das Verhältnis von Kohl und Merkel war ja geprägt von der Parteispendenaffäre, die die CDU stark erschüttert hat - und auch das Denkmal Helmut Kohl als Kanzler der Deutschen Einheit und der europäischen Einigung. Mit etwas Abstand: War es richtig, ihm den Ehrenvorsitz der Partei zu nehmen?
Es kann keinen Zweifel geben, dass es ein Fehler von Helmut Kohl war, sich auf dubiose Altstrukturen der Parteifinanzierung einzulassen. Die beste Absicht rechtfertigt es nicht. Man kann nicht transparente Systeme schaffen und sie dann selbst intransparent machen. Da ist es auch egal, wer es war. Mit der Affäre ist er leider aus der Rolle, die ihm zustand und die er in Deutschland verdient gehabt hätte, herausgefallen.
Ist das die Tragödie seiner politischen Karriere?
Es ist sicherlich ein Stück eine Tragik. Für ihn in erster Linie – aber natürlich auch für Deutschland. Denn ein wichtiger Ratgeber mit einem großen Erfahrungsschatz stand so leider nicht mehr zur Verfügung. Dann kam sicher die Tragik seines Unfalls und seiner schweren Krankheit, die daraus entstanden ist, noch hinzu. Er konnte die Fähigkeit des Wortes nicht mehr so frei nutzen, wie er es gewollt hat und wie es für einen „Elder Statesman“ angemessen gewesen wäre. So musste er immer um Worte ringen. Diese beiden Dinge haben die Zeit für Helmut Kohl nach 1998 sehr schwer gemacht.
Ich persönlich bleibe bei meiner Haltung und Einschätzung: Wir als CDU, und da schließe ich mich ein, haben einen Punkt nicht erspüren können, an dem wir sagen konnten: Dankbarkeit und Stolz überwiegen die Fehler bei weitem – lasst uns ihn wieder als Ehrenvorsitzenden unserer Partei feiern. Insgesamt möchte ich klar sagen: Es hätte Deutschland gutgetan, wenn es väterlich und loyal durch seine Einlassungen begleitet worden wäre, so wie es etwa durch einen Helmut Schmidt geschah. Solche Vorbilder brauchen Menschen, sie braucht ein Land.
War Kohl am Ende ausgesöhnt mit der CDU und Angela Merkel, die sich in der Parteispendenaffäre als Generalsekretärin abgenabelt hatte?
Das Verhältnis zu Angela Merkel war immer ein zweigeteiltes. Sie war seine Entdeckung, worauf Helmut Kohl bis zuletzt stolz gewesen ist. Dass sich beide in der Parteispendenaffäre wechselseitig enttäuscht haben und Wunden zurück geblieben sind, ist das eine. Aber sie fanden immer soweit zueinander, dass ihnen bewusst war: Das Erbe, das sie verwalten ist größer als Trennendes.
In der Parteispendenaffäre haben Sie mal gesagt: Später einmal werden Straßen und Plätze nach Helmut Kohl benannt werden. Bleiben Sie dabei?
Davon bin ich immer noch überzeugt. Die historische Leistung ist so überwältigend und prägend für dieses Land, und viele Menschen sind ihm persönlich dankbar, dass diese Fehler in der Geschichte Helmut Kohls nicht fehlen, aber das historische Bild auch nicht prägen dürfen.
Es gab zum Ende auch noch eine persönliche Tragödie: Die um seine Familie und seinen Biografen.
Ich weiß, dass Helmut Kohl sich durch den Biografen hereingelegt gefühlt hat. Und juristisch hat er ja auch Recht bekommen. Da wollten Menschen die Geschichte umschreiben, wogegen er sich aufgrund seines Gesundheitszustandes nur noch schwer wehren konnte. Ganz nebenbei: Seine Frau hat nicht Helmut Kohl beherrscht, wie in den Medien zu lesen war. Die beiden haben sehr wohl gemeinsam gewusst, was sie taten. Helmut Kohl war nicht mehr der Sprache mächtig, aber Helmut Kohl hatte nicht seinen Kopf verloren. Seine Frau half ihm, sich zu artikulieren.
Die Kinder sahen das anders.
Für die Kinder war es nicht leicht. Sie mussten immer umgeben von Sicherheitskräften aufwachsen und das mit einem Vater, der nur selten zu Hause sein konnte. Dann wählte die eigene Mutter den Freitod. Da ist es doch wenig verwunderlich, wenn die zweite Frau nicht gerade mit offenen Armen empfangen wird. Als Helmut Kohl krank wurde, war sie für ihn da. Und natürlich musste sie schauen, dass er seinen Tagesablauf bewältigen konnte, was beinhaltete, dass sie auch die Verabredungen koordinierte. Daraus ein Abriegeln zu konstruieren, halte ich für unangemessen. Anders herum ist es richtig: Ohne Maike Kohl-Richter hätte Helmut Kohl vermutlich nicht ein so langes Leben verbracht.