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Gastbeitrag von Johannes LudewigHelmut Kohl – Pfälzer, Deutscher, Europäer

Helmut Kohl förderte die Vereinigung Europas stärker als jeder andere, weiß Johannes Ludewig. Sein auf Vertrauen aufgebautes Verhältnis zu anderen politischen Akteuren war immer wieder entscheidend. Ein Gastbeitrag des früheren Kanzleramtsmitarbeiters und engen Kohl-Vertrauten.Johannes Ludewig 01.07.2017 - 08:51 Uhr Artikel anhören

Johannes Ludewig ist Vorsitzender des Nationalen Normenkontrollrats. Er war Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bahn. Als Abteilungsleiter im Kanzleramt galt er als enger Vertrauter Helmut Kohls. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com

Foto: Handelsblatt

In Speyer schließt sich am 1. Juli 2017 der Lebenskreis eines Mannes, der in den zurückliegenden Jahrzehnten wie kein Zweiter unser Land und Europa neu gestaltet hat: Helmut Kohl. Was war das Besondere an ihm, was hat ihn ausgezeichnet, warum konnte er so Weitreichendes erreichen?

Sein Festhalten an grundlegenden Überzeugungen und Zielsetzungen, sein weitsichtiges Handeln sowie sein ungewöhnliches Geschick in der praktischen Umsetzung seiner Vorstellungen – dies waren Eigenschaften, die mich in den elf Jahren meiner Arbeit für und mit Helmut Kohl im Bonner Kanzleramt beeindruckt haben.

Als in den 1980er-Jahren viele in Westdeutschland die deutsche Einheit längst zu den Akten gelegt hatten, blieb sie für den Bundeskanzler fester Orientierungspunkt. Als Hunderttausende gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstrierten, setzte Helmut Kohl durch – woran Helmut Schmidt gescheitert war: den Beschluss des Deutschen Bundestags im November 1983 zu ebendiesem Nato-Doppelbeschluss.

In der Rückschau ist erkennbar: Seine Klarheit in dieser Kernfrage deutscher, europäischer und internationaler Politik führte zum Umdenken auf sowjetischer Seite. Er schuf damit die Voraussetzung, dass im November 1989 die Mauer fallen und die Teilung unseres Landes ebenso wie die Europas überwunden werden konnte. Auf Helmut Kohl war Verlass, auch wenn der Wind gegen ihn stand.

Hinzu kam: Für Helmut Kohl spielte ein altmodisches Wort eine zentrale Rolle: Vertrauen. Er wusste, dass wichtige politische Veränderungen nur erreicht werden können, wenn zwischen denen, die zu entscheiden haben, eine belastbare persönliche Beziehung besteht, die das Betreten von Neuland erst möglich macht. Dieses persönliche Vertrauensverhältnis hat Helmut Kohl in den 1980er-Jahren zu allen maßgeblichen Staats- und Regierungschefs aufgebaut, vor allem zu George Bush, François Mitterrand und, nach einigen Umwegen, auch zu Michail Gorbatschow.

Das unbedingte Vertrauen

Und er erreichte, dass dieses unbedingte Vertrauen in seine Person als berechenbarer, verlässlicher Partner von den Präsidenten der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs auf das sich abzeichnende neue, vereinte Deutschland übertragen wurde. Das war die manchmal übersehene große Leistung Helmut Kohls schon vor 1989, die das politische Handeln für die deutsche Einheit nach dem Fall der Mauer überhaupt erst möglich gemacht hat.

Sein auf Vertrauen aufgebautes Verhältnis zu anderen politischen Akteuren war immer wieder entscheidend. So am 10. November 1989, dem Tag nach dem Fall der Mauer. Helmut Kohl sprach vom Balkon des Schöneberger Rathauses zu den Bürgern Berlins. Noch während seiner Rede klingelte im Raum hinter dem Balkon das Telefon, Gorbatschow war am Apparat. Der Bundeskanzler wurde gerufen, und Gorbatschow sagte: „Mir wird berichtet, dass Kräfte von außerhalb der DDR dort aktiv sind, um einen Umsturz herbeizuführen. Was sagen Sie dazu?“

Kohl antwortete: „Ich versichere Ihnen, Herr Generalsekretär, dass dies in keiner Weise der Fall ist. Es sind die Menschen in der DDR, die Veränderungen verlangen.“ Sofort stand die bange Frage im Raum, wem würde Gorbatschow glauben – denen, die wollten, dass wie 1953 die Panzer rollen, oder Helmut Kohl. Heute wissen wir, er vertraute auf das Wort Helmut Kohls.

Im Oktober 1993 ging es um die Frage des Sitzes der zukünftigen Europäischen Zentralbank. Frankreich votierte für Paris, Deutschland für Frankfurt. Als die Zeit für eine Entscheidung drängte, flog Helmut Kohl zu François Mitterrand nach Paris.

 Das Abendessen im Élysée-Palast begann mit dem Austausch der bekannten Positionen. Dann begründete Helmut Kohl die deutsche Position. Er erläuterte die besondere Rolle der D-Mark als eines der wenigen nach zwei Weltkriegen verbliebenen nationalen Symbole im Gefühl der Deutschen. Wenn die D-Mark aufgegeben werden solle, müsse er zumindest etwas anderes Symbolträchtiges anzubieten haben.

Dossier zum Tod von Helmut Kohl

Einheitskanzler, Europa-Architekt und politische Künstlernatur

Mitterrand hörte dem Bundeskanzler aufmerksam zu, er schien das Besondere, das Ungewöhnliche in seinen Worten zu spüren. Er stellte noch einige Fragen. Dann am Ende des Abendessens sein Fazit: Frankreich werde den deutschen Vorschlag für Frankfurt unterstützen – eine Kehrtwendung, die ich für völlig unmöglich gehalten hätte, wenn ich nicht dabei gewesen wäre.

Wie war das möglich? François Mitterrand kannte Helmut Kohl gut genug, um zu verstehen, um wie viel es hier für Deutschland ging – und dass er darauf vertrauen konnte, dass Helmut Kohl dieses große Entgegenkommen bei anderer Gelegenheit honorieren würde.

Mitterrand ließ sich überzeugen

Ja, das Verhältnis zu Frankreich und seinem Präsidenten war von herausragender Bedeutung. Aber auch die Regierungschefs der kleinen Partner in Europa waren wichtig. Wie oft habe ich am Rande von größeren Treffen beobachtet, wie der Bundeskanzler sich Zeit nahm für jeden, wenn es manchmal auch nur wenige Minuten waren. Und er fand offenbar immer den richtigen Ton, die richtige Augenhöhe, denn gerade die kleineren Länder gehörten in Europa immer zu seinen größten Unterstützern.

Die bis heute spürbare Verbundenheit Jean-Claude Junckers, des ehemaligen Ministerpräsidenten von Luxemburg, mit ihm ist dafür ein gutes Beispiel. So konnte Helmut Kohl die Einigung Europas voranbringen – weiter als jeder andere.

Das Kohl‘sche Interesse an Menschen – und dies immer mitgetragen und gefördert von seiner ihn stets unterstützenden Ehefrau Hannelore – hatte noch eine weitere Facette: Kein Bundeskanzler hat mehr Talente für die Politik gewonnen als Helmut Kohl.

Zu seinen Mitstreitern schon in Rheinland-Pfalz gehörten Bernhard Vogel, Heiner Geißler, Johann Wilhelm Gaddum, Roman Herzog und Horst Teltschik, um nur einige zu nennen. Hinzu kamen Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker, Kurt Biedenkopf, Angela Merkel u. v. a.

Auch wenn die Zusammenarbeit nicht mit allen von ihnen von Dauer war, so bleibt es bemerkenswert, wie engagiert er als Sammler von Talenten unterwegs gewesen ist. Und an der Zusammenarbeit mit starken, ungewöhnlichen Persönlichkeiten war ihm gelegen, sie taten seinem Selbstbewusstsein keinen Abbruch – im Gegenteil.

Höhepunkt seines politischen Lebens war zweifellos die Wiedervereinigung des geteilten Deutschland. Die Bürger und Bürgerrechtler der DDR hatten mit ihrem friedlichen Kampf gegen die SED-Diktatur und dem Fall der Mauer am 9. November 1989 in bewundernswerter Weise deutsche Geschichte geschrieben. Dann, als die historische Chance sich auftat, war Helmut Kohl der Mann der Stunde. Als andere das Wort Wiedervereinigung noch nicht einmal in den Mund nehmen wollten, hat er die Gunst des Augenblicks erkannt und genutzt. Mit nahezu traumwandlerischer Sicherheit hat er die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit getroffen.

Höhepunkt Wiedervereinigung

Das zuvor von ihm aufgebaute Vertrauenskapital bei unseren wichtigen internationalen Partnern erwies sich jetzt als solides Fundament. Ich erinnere mich an ein Telefonat mit George Bush um die Jahreswende 1989/90, in dem dieser dem Bundeskanzler sinngemäß sagte: „40 Jahre haben wir zusammen für diesen Augenblick gearbeitet. Wenn du jetzt vorangehst, hast du von mir jede Unterstützung!“

Diesen Weg ist Helmut Kohl konsequent und entschlossen gegangen. Er hat dabei im Inland ebenso wie auf der internationalen Bühne alle Hindernisse aus dem Weg geräumt. Vor allem ist es ihm gelungen, das Vertrauen Michail Gorbatschows zu gewinnen – und damit dessen Zustimmung zur Beseitigung der deutschen Teilung und zum friedlichen Abzug von 370.000 sowjetischen Soldaten.

Gleichzeitig konnte er das Vertrauen der europäischen Partner zu Deutschland, auch zu dem neuen, größeren Deutschland in der Mitte Europas bewahren. In weniger als elf Monaten hat er erreicht, was kurz zuvor noch unerreichbar erschien.

Helmut Kohl war der Kanzler der Einheit, aber nicht nur bis zum 3. Oktober 1990. Aus zahllosen Gesprächen und Entscheidungssituationen weiß ich, dass Helmut Kohl sich als verlässlicher Partner Ostdeutschlands sah, gerade in den dramatischen Umbrüchen und Einbrüchen der ostdeutschen Wirtschaft, mit denen für viele zwischen Ostsee und Erzgebirge große, oft auch zu große persönliche Belastungen verbunden waren.

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Helmut Kohl wollte die Einheit nicht nur politisch, sondern auch in der Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort. Wann immer sich Schwierigkeiten auftaten und neue Lösungen gefunden werden mussten, war bei Helmut Kohl auf eines Verlass: im Zweifel für Ostdeutschland. Die vielen blühenden Landschaften, die wir heute in Ostdeutschland sehen, legen Zeugnis davon ab.

Wenn wir am Samstag in Straßburg und Speyer Abschied nehmen von Helmut Kohl, dann geben wir einem großen Deutschen und einem großen Europäer das letzte Geleit. Wir verneigen uns vor einem wahren Visionär und einem den Menschen zugewandten Realisten.

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