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Kommentar zur Afrika-KonferenzGefährlicher Pessimismus

Unter dem Eindruck der Migrationskrise verfinstert sich der Blick nach Süden. Die Darstellung Afrikas als irreparabler Krisenkontinent droht zur selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden. Ein Kommentar.Moritz Koch 12.12.2017 - 10:23 Uhr Artikel anhören

Millionen Menschen leiden in Afrika an den Folgen von Bürgerkrieg und Dürre.

Foto: dpa

Es gab eine Zeit, sie liegt nur ein paar Jahre zurück, da wurde vom Aufstieg Afrikas geschwärmt, von neuen Schwellenmärkten südlich der Sahara: Auf die asiatischen Wachstumstiger würden die afrikanischen Wirtschaftslöwen folgen, so der hoffnungsvolle Glaube. Experten der Vereinten Nationen und des Internationalen Währungsfonds berieten auf Afrika-Konferenzen nicht mehr vornehmlich über Kriege, Krankheiten und Dürrekatastrophen. Sie sprachen über ungenutztes Potenzial, nachhaltige Entwicklung und die „demografische Dividende“ einer jungen, erfolgshungrigen Bevölkerung.

Diese Zeit ist vorbei. Afrika ist von seiner Vergangenheit als Krisenkontinent eingeholt worden. Unter dem Eindruck der Migrationskrise verfinstert sich der Blick nach Süden. Die Aufbruchsstimmung, getragen vom Rausch an den Rohstoffmärkten, war ein Intermezzo. In vielen afrikanischen Ländern bleibt das Wachstum hinter den Erwartungen zurück, von der wachsenden Bevölkerung wird es buchstäblich aufgezehrt. Und so drängt das Bild der unverbesserlichen Elendsregion zurück in das Bewusstsein der europäischen Öffentlichkeit. Berichte über das Leid in libyschen Flüchtlingslagern, die Verzweiflung der Hungernden in Südsudan und die Brutalität von Stammeskriegern im Osten Kongos speisen in den Industriestaaten ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht – und der Angst. Es breitet sich die düstere Ahnung aus, dass Europa der Bevölkerungsexplosion im Süden und der Migrationslawine, die ihr folgen dürfte, nicht wird standhalten können.

Der Afrika-Pessimismus ist nicht nur übertrieben, er ist auch gefährlich. Denn er droht zur selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden. Ja, die Probleme scheinen überwältigend zu sein: von Korruption über Epidemien bis hin zu Terrorismus und Staatszerfall. Doch wer resigniert, lässt die Investitionsgelegenheiten verstreichen, die zu Keimzellen einer selbsttragenden Wirtschaftsentwicklung werden könnten.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries sind jetzt mit einer großen Wirtschaftsdelegation nach Afrika gereist, sie besuchen Ghana und Gambia und wollen ein Zeichen der Zuversicht setzen. Siemens hofft auf einen Großauftrag für Gasturbinen, Merck plant den Bau einer Impfstoffanlage, auch Mittelständler versuchen, neue Märkte zu erschließen. Wer investiert, weiß, dass er nicht den Istzustand zum Maßstab seiner Entscheidungen machen darf, sondern das Potenzial. Die Afrikaner sind nicht mehr „die Verdammten dieser Erde“, von denen Frantz Fanon, der Vordenker der Dekolonisierung, in den 1960er-Jahren schrieb. Bei aller Not: Der Kontinent strotzt vor Energie und Lebensfreude. Europa ergraut, die Zukunft spielt im Süden.

Eines hat die Diskussion über Fluchtbewegungen zweifellos erreicht: Sie hat der Erkenntnis zum Durchbruch verholfen, dass das Schicksal von Europäern und Afrikanern verknüpft ist und dass Entwicklungszusammenarbeit nicht als Akt der Selbstlosigkeit betrachtet werden sollte, sondern als sicherheitspolitische Notwendigkeit. Die Koexistenz von Reichtum und Rückständigkeit kann nicht mehr fortbestehen wie gehabt, das Wohlstandsgefälle zwischen Europa und Afrika verursacht einen Flüchtlingsstrom, den der Klimawandel, der afrikanische Staaten mit besonderer Härte trifft, noch verstärkt. Der amerikanische Autor Tom Friedman teilt die Welt in Regionen der Ordnung und Regionen der Unordnung ein und sagt einen Ansturm auf die Regionen der Ordnung voraus. Kein Zaun der Welt wird ihn aufhalten. Nur Perspektiven für Afrikaner in Afrika.

Die deutsche Regierung hat ihre G20-Präsidentschaft genutzt, um einen Schwerpunkt auf Afrika zu legen. Doch was bleibt außer schönen Bildern, Festreden und Hochglanzbroschüren? Gipfelbeschlüsse und Absichtserklärungen müssen in konkrete politische Maßnahmen übersetzt werden. Das ist die eigentliche Arbeit – und sie hat gerade erst begonnen.

Eine pauschale Antwort auf die Entwicklungsprobleme des Kontinents kann es nicht geben. Afrika ist keine Einheit, es besteht aus 54 Einzelstaaten, einige verharren in der Armutsfalle, andere reformieren sich und hofieren internationale Investoren. In vielen afrikanischen Ländern reift die Überzeugung heran, dass der Kontinent eine zweite Unabhängigkeitsbewegung braucht. Auf die politische Unabhängigkeit muss die wirtschaftliche Unabhängigkeit folgen, die Emanzipation von klassischer, westlicher Entwicklungshilfe. Der ghanaische Präsident Nana Akufo-Addo hat das gerade erst sehr eindrucksvoll erläutert: „Wir können die Politik unseres Landes, unserer Region, unseres Kontinents nicht länger danach ausrichten, welche Art von Unterstützung die westliche Welt uns gibt. Es hat nicht funktioniert, und es wird nicht funktionieren.“

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