Landtagswahl 2018: „So schlecht war die CSU noch nie“ – Worüber die Wähler in Bayern enttäuscht sind
In Tracht zur Wahlurne: Viele Wähler in Bayern sind über die CSU frustriert.
Foto: dpaEigentlich bliebe Andreas Lorenz (CSU) noch ein ganzer Tag, um die Wähler zurückzuerobern, die seiner Partei so plötzlich den Rücken gekehrt haben. Er könnte die Unentschlossenen umgarnen, ihnen Flyer und Brezeln in die Hand zu drücken, ihre Seelen streicheln.
Doch Lorenz mag nicht mehr kämpfen. Er hat resigniert. Am Samstag vor der Bayerischen Landtagswahl lümmelt er am Rande seines eigenen Wahlkampstandes in München-Solln herum, als würde ihn das ganze Spektakel nichts mehr angehen. Auf dem Tisch liegen Parteiprospekte. Grüne Äpfel mit weißem CSU-Zuckerguss glänzen in der warmen Oktobersonne. Neben Lorenz wiegt sich eine Fahne mit seinem Konterfei im Wind. Den Ehering, der dort an seinem Ringfinger funkelt, trägt er heute nicht.
Doch das fällt keinem der Passanten auf, die vor dem Stand stehen bleiben und mit Lorenz Mitstreitern diskutieren. Schließlich vergräbt Lorenz seine Hände tief in den Taschen und steht abseits. Statt zu werben, spöttelt er vor sich hin. Seit zehn Jahren sitzt der 47-Jährige für die CSU im Landtag. Am heutigen Sonntag, davon ist der Abgeordnete aus dem Münchener Süden überzeugt, wird sich bestätigen, was er schon seit dem Sommer befürchtet. „Ich werde mein Mandat wahrscheinlich verlieren.“
Bayern wählt heute einen neuen Landtag. 9,5 Millionen Bürger sind aufgerufen, darunter 600.000 Erstwähler. Glaubt man den Prognosen, droht der Partei von Andreas Lorenz eine historische Niederlage. Ein politisches Erdbeben, das die CSU von der Saale bis zur Isar durchschütteln wird. Und das auch ihre Position in Berlin beeinträchtigen dürfte.
Bei um die 35 Prozent verorten die Demoskopen die Partei. Ein solches Ergebnis wäre das Ende der absoluten Mehrheit in Bayern und damit ein schwerer Knacks für das Selbstbewusstsein der Christsozialen.
Zum Vergleich: Wegen einem Wahlergebnis von 43,4 Prozent musste Günther Beckstein 2008 als Regierungschef abtreten. Damals fehlten der CSU nur zwei Sitze zur Alleinregierung. Von so einem Ergebnis kann die CSU zehn Jahre später nur träumen.
Neben der AfD dürften vor allem die Grünen mit ihren Spitzenkandidaten Katharina Schulze und Ludwig Hartmann an der Wählerbasis der CSU nagen. Die Ökopartei, die immer stärker in die Mitte strebt, erreicht laut Umfragen 19 Prozent. Damit wären die Grünen erstmals in Bayerns Geschichte zweitstärkste Partei.
Die Grünen auf der Erfolgswelle
Auch CSU-Mann Lorenz glaubt, dass eine Grüne ihm das Direktmandat wegschnappen wird. Und das obwohl, so Lorenz, sie anders als er fast keinen Wahlkampf gemacht habe. „Sie surft – ohne etwas dafür zu tun – auf einer Erfolgswelle.“ Einer Erfolgswelle, die die Grünen derzeit durch den Freistaat trägt.
Sie profitieren etwa von der harten Rhetorik der CSU-Oberen in der Flüchtlingspolitik, die ihnen liberal und christlich geprägte CSU-Wähler und Mitglieder zugetrieben hat. Dann von den Dauerquerelen in der Union. Außerdem ist es den Grünen gelungen, das Thema Umwelt und Heimatschutz glaubwürdig zu besetzen und sich gleichzeitig bürgerlich zu geben.
So kommt es, dass schon ein Pulk von Fotografen und ein Kamerateam auf den grünen Hoffnungsträger Hartmann wartet, als er am Wahlsonntag um kurz nach neun Uhr beim Alten-Servicecentrum in seinem Stimmkreis in München-Haidhausen vorbeispaziert, um zu wählen.
Die Haare stehen ihm zu Berge. Bis drei Uhr in der Früh war er im „Kneipenwahlkampf“ unterwegs. Den Nachmittag will er mit seinem Sohn verbringen, bevor es dann in den Landtag geht, wo die Fraktionen dem Wahlergebnis entgegenfiebern werden.
Obwohl Hartmann dunkle Schatten unter den Augen hat, wirkt er gut gelaunt. „Jetzt kann ich eh nix mehr falsch machen“, lächelt er, bevor er hinter der Wahlkabine verschwindet. Kameras klicken. Als er sich wenig später wieder auf den Heimweg macht, rufen Passanten dem 40-Jährigen „viel Glück!“ und „heute gewinnen!“ zu. Der steht noch etwas verlegen vor den Fotografen und reibt sich die Hände in der kühlen Morgenluft. „Dann pack ma’s wieder“, sagt er und läuft in Richtung seines Wohnorts am Pariser Platz.
Für ihn haben Menschen wie Klaus Kauwe gestimmt. Aus Sicht des 73-jährigen Sozialarbeiters hat die CSU „nun auch die letzten Sympathien mit ihrem Rechtsruck“ verspielt. Ähnlich ergeht es einer etwa 50-Jährigen Software-Vertrieblerin aus München-Haidhausen, für die Klimaschutz besonders wichtig ist. Sie findet zwar, es müsse einen „vernünftigen Grenzschutz“ geben und da seien die Grünen ihr zu lax. Doch „so schlecht wie jetzt“ fand sie "die CSU noch nie“. Die Partei wolle die Mitte repräsentieren, dabei habe sie sich von der AfD immer weiter nach rechts treiben lassen.
Die Frau mit den schulterlangen braunen Haaren, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, meint damit Parolen wie den von Söder verwendete Begriff „Asyltourismus“ oder Seehofers Freude über die Abschiebung von 69 Geflüchteten nach Afghanistan an seinem 69. Geburtstag.
Der CSU fehlten zudem Zukunftskonzepte, das Duo Seehofer/Söder symbolisiere außer Traditionsgetue und dem ewigen Bayerndünkel nichts Neues. „Obwohl Söder jung ist, macht er Alte-Männer-Politik“, sagt sie bevor sie ihre Luis Vuitton Tasche auf den Gepäckträger schnallt und davonradelt.
Immerhin eine junge Frau, die ganz schnell zum Wandern in die Berge fahren will, sagt vor dem Altenzentrum, sie werde der CSU ihre Stimme geben. Sie hätten die Streitigkeiten zwischen Seehofer und Angela Merkel zwar auch genervt, aber das sei ihr lieber, als „AfD zu wählen“.
Seehofers Schlingerkurs
Ob es ihr genug andere nachtun, um den streikenden Wahlkämpfer Lorenz doch noch in den Landtag zu bugsieren? Der ist frustriert darüber, dass die Menschen, sich in den vergangenen Wochen weniger für Bayern interessiert hätten, dafür mehr für die Konflikte zwischen CSU und CDU.
Erst sprengte der Dissens um Zurückweisungen von Geflüchteten an der Grenze beinahe die Regierung, dann wankte die Große Koalition im Streit um den Noch-Chef des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen. An beiden Situationen war CSU-Parteichef maßgeblich beteiligt. Er gilt vielen als Hauptverantwortlicher für den Wählerschwund bei der CSU.
„Es ist schon schizophren“, meint Lorenz. „Kein Mensch würde bezweifeln, dass es in Bayern besser läuft als anderswo.“ Tatsächlich führt der Freistaat in Punkto Sicherheit, Bildung und Arbeit die deutschlandweiten Rankings an und auch der Wirtschaft geht es gut.
Aber an seinem Infostand wollten sich die Leute immer nur über die Aussagen des Parteivorsitzenden Seehofer und dessen Schlingerkurs auslassen. „Der Mist“, Lorenz meint die sinkenden Umfragen, habe mit Seehofers Rücktritt vom Rücktritt im Juli begonnen.
Seither sei die CSU auf Talfahrt. Sollte die Partei tatsächlich harte Verluste verkraften müssen, solle bitteschön der gesamte Parteivorstand am Montag nach der Wahl zurücktreten, sagt Lorenz bitter lächelnd.
Auch aus Sicht des Berliner Politikwissenschaftlers Oskar Niedermayer hätte ein Einbruch der CSU vor allem Konsequenzen für Parteichef Horst Seehofer. „Seehofer hat nur eine Chance, die Wahl unbeschadet zu überstehen, wenn die CSU deutlich besser abschneiden würde, als es die momentanen Umfragen nahelegen“, sagte er dem „Handelsblatt“.
Gauweiler verteilt Schokolade
Lorenz blickt sich um. Ein paar Meter weiter hat die SPD einen Stand aufgebaut. Er ist außer einer Handvoll Genossen, die darüber sprechen, was sich bei der SPD verändern muss, komplett verwaist. Die lokale SPD-Kandidatin räumt verzweifelt ein, dass sogar ihre Tochter die Grünen wählen werde.
Die SPD diskutiert mal wieder mit sich, die Grünen frohlocken, die CSU resigniert? Nicht ganz. Denn Lorenz hat sich an diesem Samstag prominente Unterstützung dazu geladen: Peter Gauweiler. Der 69-Jährige, komplett in Tracht, denkt gar nicht daran aufzugeben.
Gauweiler drückt jedem, der nicht schnell genug an ihm vorbeikommt, ein Ritter Sport in die Hand. „Schokolade macht gute Laune“, scherzt er und legt einer alten Frau, die sagt, „der Söder konn doch nix dafür, was di in Berlin versauen“, behutsam die Sorte „Knusperflakes“ auf den Gehwagen. „Des stimmt schon“, sagt Gauweiler, der alte Menschenfänger, einfühlsam, „dafür konn er nix“.
Schnell bildet sich eine Traube um den Politikhaudegen. Am Revers seines eleganten Jankers haften Broschen mit den Gesichtern von Franz-Josef-Strauß und König Ludwig II. Bekäme die CSU bei der Wahl weniger Stimmen, würde sich doch nur Berlin freuen und das Erfolgskonzept Bayern wäre gefährdet, sagt er. Er gibt sich überzeugt, dass die CSU über 40 Prozent der Stimmen erhalten werde.
Über 40 Prozent?! „Wenn doch nicht“, lächelt Gauweiler verschmitzt, „dann sag ich einfach, was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“