Zechenschließung Bottrop: Abschied vom „schwarzen Gold“: Letztes Stück Steinkohle an Steinmeier übergeben
Sieben Bergmänner übergaben die Steinkohle an den Bundespräsidenten.
Foto: ReutersBottrop, Düsseldorf. Eine Glocke ertönt, die Seile des Förderturms hinter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der auf einer Bühne am Bergwerk Prosper Haniel in Bottrop steht, setzen sich in Bewegung. Es dauert ein paar Sekunden, dann sind einige Lichtkegel im heraufgefahrenen Förderkorb zu erkennen.
Darin: Acht Bergmänner in weißer Bergmannstracht, schwarz verschmiert durch die Steinkohle. Sie steigen teils weinend aus dem Förderkorb. Einer von ihnen hält es in der Hand: das letzte Stück Steinkohle, das in Deutschland gefördert wurde.
Er übergibt den Autobatterie-großen Klumpen an den Bundespräsidenten, der eine Hand auf seine Schulter legt und fragt: „Schwerer Tag?“ Worte bekommt der Bergmann nicht heraus, er nickt nur mit gesenktem Kopf.
Mit dieser symbolischen Übergabe des letzten Stücks Steinkohle ist an diesem Freitag das Ende des Steinkohle-Abbaus in Deutschland besiegelt. Mehr als 150 Jahre lang wurde im Bergwerk Prosper Haniel in Bottrop Kohle abgebaut. Mit der Schließung jener letzten Steinkohlezeche Deutschlands endet eine Ära, die Generationen geprägt, aus dem Ruhrgebiet eine Metropolregion geformt und die Bundesrepublik zur Industrienation gemacht hat.
„Das ist in der Tat mehr als ein Stück Kohle, das ist Geschichte“, sagte Steinmeier. Es sei ein Tag der Trauer, und das nicht, weil der Schacht geschlossen werde, sondern weil eine Epoche zu Ende gehe. Es sei ein bewegender Tag, auch ein trauriger Tag, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). „Wenn man den eigenen Vater hat erzählen hören, wie das denn so war unter Tage, dann verbindet man natürlich nochmal etwas ganz Anderes mit den Bergleuten und allem was damit zusammenhängt.“
Für die letzten Bergmänner war es ein emotionaler Abschied.
Foto: ReutersVor 900 Jahren wurde die erste Steinkohle im Aachener Revier abgebaut. Seine Hochzeit erlebte der fossile Rohstoff im 19. Jahrhundert, an dessen Ende das „schwarze Gold“ 95 Prozent der weltweiten Energieversorgung ausmachte und mehr als 2,5 Millionen Menschen in Europa im Bergbau beschäftigt waren.
Das Ruhrgebiet war einst das größte Steinkohlerevier Europas. Zeitweise fanden dort mehr als eine halbe Million Menschen Arbeit, die mehr als 110 Millionen Tonnen Steinkohle pro Jahr förderten. Sie feuerten die Hochöfen der Eisen- und Stahlindustrie an, lieferten Grundstoffe für die chemische Industrie und wurden in den Häusern der Deutschen verheizt. „Ohne Kohle, und ohne diejenigen, die unter Tage dem Berg die Kohle abgerungen haben, wäre die Geschichte dieses Landes anders verlaufen“, sagte Bundespräsident Steinmeier. Auch sei die Kohle der Motor des Wiederaufbaus gewesen.
Die Kohle war dabei auch Kitt für den europäischen Zusammenhalt bei. Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, auch Montanunion genannt, ist ein früher Vorläufer der Europäischen Union. Er gab allen Mitgliedstaaten Zugang zu Kohle und Stahl, ohne Zoll zahlen zu müssen.
„Hier geht etwas zu Ende, von dem man sich gewünscht hatte, dass es länger andauern würde“, sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der ebenfalls zur Abschiedsveranstaltung in Bottrop gekommen ist. Der Steinkohleausstieg sei kein Niedergang, aber ein epochaler Wechsel.
„Jeder ist für jeden eingestanden, man war überall willkommen“
Schwarzer Ruß überzieht die Wangen von Holger Stellmacher, an den Seiten seines Helms lugt graues Haar hervor. Ein letztes Mal wäscht er sich den Kohlestaub aus dem Gesicht, ein letztes Mal geht er in der Waschkaue duschen. Noch einmal hängt er seine Bergmannstracht an einen der vielen Haken und zieht sie per Seil an die Decke. Mit der Schließung von Prosper Haniel endet Stellmachers letzter Arbeitstag.
Kurz zuvor war er einer der acht Bergmänner, die Bundespräsident Steinmeier das letzte Stück Steinkohle übergeben hatten. „Es ist doch nett, dass der Bundespräsident extra für meine letzte Schicht kommt“, witzelt er.
Zum Scherzen ist ihm dabei eigentlich nicht zumute. „Das ist ein sehr sehr sehr emotionaler Moment“, sagt der Revier-Steiger. Schon den ganzen Tag über hätten er und seine Kollegen Tränen in den Augen gehabt. Der Bergmann sei stolz auf das, was er und seine Kumpel über Jahrzehnte geleistet hätten: „Die Kohle hat viel dazu beigetragen, dass Deutschland zu dem geworden ist, was es heute ist.“
Stellmacher ist mit dem Bergbau aufgewachsen. Im Nordosten des Ruhrgebiets in Hamm geboren, war die dortige Zeche gerade einmal 500 Meter von seinem Elternhaus entfernt. In der Bergbausiedlung sei immerzu die Mentalität von unter Tage zu spüren gewesen, erzählt er: „Jeder ist für jeden eingestanden, man war überall willkommen.“ Seine Opas, der Vater, die Brüder, alle malochten unter Tage. „Da blieb mir natürlich auch nichts anderes übrig“, sagt Stellmacher.
34 Jahre lang schürfte er das „schwarze Gold“, angefangen in der Hammer Zeche Radbod, die 1990 stillgelegt wurde. Zwei weitere Schließungen erlebte er direkt mit: „Und jetzt mache ich zum Schluss auch noch das vierte Bergwerk zu.“
Die Steinkohle-Förderung aus hunderten Metern Tiefe unter hohen deutschen Sicherheitsstandards hatte sich schon lange nicht mehr gelohnt. Schon in den späten 1950er-Jahren wurde immer mehr billige Kohle aus dem Ausland importiert. In Australien kann die Konkurrenz etwa 30 Meter dicke Flöze mit dem Schaufelradbagger im Tagebau gewinnen. In China drücken billige Arbeitskräfte den Preis. Das preisgünstige Erdöl war ebenfalls ein Auslöser der Krise der deutschen Steinkohle.
Während 1957 noch fast 610.000 Menschen in deutschen Bergwerken arbeiteten, gab es 1970 nur noch etwas mehr als eine Viertelmillion Stellen. Die Fördermenge sank von 150 Millionen Tonnen Steinkohle 1957 auf 3,7 Millionen Tonnen in 2017.
2007 beschloss der Bundestag einen Fahrplan für den Ausstieg aus der defizitären Steinkohle, der am heutigen Freitag sein Ende findet. Gut eine Milliarde Euro Subventionen pro Jahr fielen zuletzt an, um die Preisdifferenz zum Weltmarkt auszugleichen.
De meisten der verbliebenen 3400 Kumpel gehen in Vorruhestand. Andere wechseln in die Verwaltung, zur Feuerwehr, arbeiten an Flughäfen oder Bahnhöfen, einige lassen sich zu Krankenpflegern umschulen.
Es sei ein Tag der Wehmut, ja auch der Trauer, sagte Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Gewerkschaft IG BCE, bei der Abschiedsveranstaltung in Bottrop. „Wir sind aber auch stolz, dass wir es geschafft haben, unser Versprechen gehalten zu haben“, so der Gewerkschaftschef. 600.000 Stellen wurden abgebaut, ohne dass einer ins Bergfreie gefallen ist, also gekündigt wurde.
Trotz der staatlichen Abfederung hält Bergmann Stellmacher den Ausstieg für die verkehrte Entscheidung. Es gebe gerade in Deutschland weiter genug Abnehmer für die Steinkohle. „Die Kohle wird jetzt aus Kolumbien oder China um die ganze Welt geschippert. Da kann uns auch keiner erklären, wie das ökologisch Sinn macht“, sagt er.
Die spezielle Ruhrgebiets-Mentalität
Für Bundespräsident Steinmeier habe das Ruhrgebiet auch nach dem Ende der Kohle Vorbildcharakter. „Dass was Sie hier gelebt haben, Zusammenhalt und Solidarität, ist ein Wert und ein Beispiel, was Sie an andere Menschen, und hoffentlich nicht nur im Ruhrgebiet, weitergeben“, sagte er zu den Bergleuten in Bottrop. Wenn diese Art und Weise anzupacken und einen mutigen Blick nach vorn zu haben, beibehalten würde, sei ihm um die Region nicht bange.
„Ich hätte gerne weitergemacht“, sagt Bergmann Stellmacher wehmütig. Mit seinen Kumpeln aus dem Bergwerk will er weiter in Kontakt bleiben. „Die Kumpel sind ein Teil der Familie geworden“, sagt er, „nach so vielen Jahren kennt man da manche fast besser als die eigene Ehefrau.“ Um seine Ehefrau besser kennenzulernen, hat er nun genügend Zeit. Der 49-Jährige geht in den Vorruhestand.