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Bernie SandersDieser „demokratische Sozialist“ will Trump besiegen

Nach einem Herzinfarkt im Herbst wetteten viele auf das Ende seiner Laufbahn. Doch plötzlich liegt Senator Bernie Sanders im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten vorn.Jens Münchrath 04.02.2020 - 18:39 Uhr

Er bezeichnet sich als „demokratischen Sozialisten“.

Foto: ddp images/USA TODAY Network/

Washington. Bernie Sanders ist anders – anders als seine demokratischen Mitbewerber und anders auch als das politische Establishment Amerikas generell. Die Besonderheit des 78-jährigen Senators aus Vermont kommt auch an diesem späten Abend zum Ausdruck, als das Chaos seinen Lauf nimmt.

Stunden nach dem Ende der Urwahl im Bundesstaat Iowa liegt für die angehenden demokratischen Herausforderer von Präsident Donald Trump kein Ergebnis vor, offenbar weil es bei der Überprüfung der Resultate Unstimmigkeiten gegeben hatte. Mitten in dieser allgemeinen Stimmung der Ratlosigkeit steht Sanders auf der Bühne vor seinen Fans, umringt von seiner Familie.

Das Jackett ist wie immer viel zu weit, diesmal ist es schwarz, die Krawatte ebenfalls, so als wohnte Sanders einer Beerdigung bei. Seine Anhänger erwarten eigentlich Strahlendes, Helles – sie erwarten Siegerposen. Sanders gibt nicht viel auf Äußerlichkeiten – das hat er nie gemacht. Auf die Inhalte kommt es ihm an, immer schon.

Und Sanders erklärt sich in dieser Nerven strapazierenden Nacht von Des Moines auch nicht voreilig zum Sieger wie mancher seiner Parteikollegen, sondern nutzt die unübersichtliche Lage für ironische Pointen. „Ich habe das begründete Gefühl, dass die Ergebnisse zu einem bestimmten Zeitpunkt veröffentlicht werden“, sagt Sanders ruhig. Dann endlich der Satz, den seine Fans hören wollten: „Wenn die Ergebnisse kommen, habe ich das Gefühl, dass diese sehr, sehr gut sein werden.“ Die letzten Worte gehen im Jubel unter.

Ob Sanders wirklich der Sieger des Abends ist, war auch zum Andruck dieser Ausgabe nicht restlos geklärt. Dass der Kandidat das Momentum unter den demokratischen Bewerbern auf seiner Seite hat, steht außer Zweifel. Der Mann, der sich selbst einen „demokratischen Sozialisten“ nennt, hat durchaus Chancen, im kapitalistischsten aller Länder Präsidentschaftskandidat zu werden – allein das grenzt an einem Wunder.

Keiner der demokratischen Bewerber versammelt eine derart eingeschworene Fangemeinde hinter sich wie Sanders – allenfalls der Präsident selbst kann da mithalten. Keiner seiner Mitbewerber hat ein derart radikales Programm – nicht einmal Elizabeth Warren, die Senatorin aus Massachusetts, die sich wie Sanders als Kämpferin für die soziale Gerechtigkeit inszeniert und nichts Geringeres als den Umbau der Gesellschaft anstrebt.

Leidenschaft für Marx, Engels und Trotzki

Der in Brooklyn aufgewachsene Sanders will die private Krankenversicherung abschaffen, den Universitäts- und College-Absolventen Studiengebühren in Höhe von 1,5 Billionen Dollar erlassen – und er sagt vor allem dem Finanzkapitalismus den Kampf an.
Sanders besaß im Politikstudium eine Leidenschaft für die Werke von Karl Marx, Friedrich Engels und Leon Trotzki.

Ein Grund, warum er heute vor allem junge Menschen in seinen Bann zieht. Das war schon im Wahlkampf 2016 so, als es Sanders fast noch gelang, der damals als Siegerin geltenden Hillary Clinton die Kandidatur für die Demokraten im Kampf gegen Trump abzutrotzen. Ein Teil seines Erfolgs liegt in seiner Authentizität begründet: kompromisslos links, kompromisslos unprätentiös und kompromisslos ehrlich.

Um seine Glaubwürdigkeit und seine Unabhängigkeit zu bewahren, weigert er sich etwa, Spenden von Konzernen anzunehmen. Trotzdem hat er es geschafft, allein im vierten Quartal des vergangenen Jahres 34,5 Millionen Dollar einzusammeln – auch das zeigt die Anziehungskraft, die Sanders auf die Menschen ausübt.

Das Paradoxon: Sanders, der sich als Anti-Trump sieht, hat mehr Gemeinsamkeiten mit dem Präsidenten, als ihm lieb ist. Wie Trump ist er in der Lage, Massen zu mobilisieren. Wie Trump gilt er als Isolationist und will die USA aus den Kriegen vor allem im Mittleren Osten raushalten. Wie Trump ist er Protektionist und überzeugt, dass der Freihandel mit China und anderen Billiglohnländern vor allem auf Kosten der US-Industrie geht.

Sein größtes Risiko ist sein Körper. Im Herbst erlitt Sanders einen Herzinfarkt, was bei seinem Auftritt in Iowa allerdings fast in Vergessenheit gerät. „In dieser Nacht erleben wir den Anfang vom Ende Donald Trumps“, ruft Sanders in die Menschenmenge. Kunstpause. „Das Ende des gefährlichsten Präsidenten der amerikanischen Geschichte.“

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Wenn er sich da mal nicht täuscht. So gut seine Chancen auch sein mögen, Präsidentschaftskandidat zu werden, für sein eigentliches Ziel ist er womöglich selbst das größte Hindernis: Denn Demokraten gewannen tendenziell immer dann das Weiße Haus, wenn ein moderater Kandidat angetreten war.

Mehr: Eine lange Verzögerung und Unstimmigkeiten bei der Auszählung haben die erste, richtungsweisende Wahl um die Präsidentschaftskandidatur begleitet. Ein Grund für Spott von den Republikanern.

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