Dax Aktuell: Dax erholt sich trotz Ölpreis-Turbulenzen – Wirecard-Plus setzt Hedgefonds unter Druck
Die Frankfurter Benchmark hat in diesem Jahr bereits mehrfach eine neue Bestmarke erreicht.
Foto: dpaDüsseldorf. Der deutsche Aktienmarkt hat sich von seinem Rücksetzer am Dienstag vorerst erholt. Am Mittwoch schloss der deutsche Leitindex Dax 1,6 Prozent im Plus bei 10.415 Punkten. Den Handel am Vortag hatte das Börsenbarometer noch mit einem Minus von fast vier Prozent bei 10.250 Zählern beendet. Es war der größte Tagesverlust seit fünf Wochen gewesen.
Bereits den zweiten Tag in Folge beherrscht der Ölpreis das Marktgeschehen. Denn der Ausverkauf am Ölmarkt geht weiter. Das zeigt: Der historische Kollaps am späten Montagabend, der den Preis für US-Rohöl kurzzeitig auf minus 38 Dollar pro Fass gedrückt hatte, war kein singuläres Ereignis, kein einmaliges Marktversagen. Es war lediglich der vorläufige Höhepunkt einer Krise, wie sie der Ölmarkt bisher noch nie erlebt hat.
Entscheidend ist die Antwort auf die Frage: Fällt der Juni-Terminkontrakt auf die US-Sorte WTI ebenso wie der Mai-Future in den kommenden Wochen unter null Dollar?
Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der US-Sorte WTI zur Lieferung im Juni rutschte an diesem Mittwoch im frühen Handel zwischenzeitlich auf 10,30 Dollar ab, ein Minus von mehr als zehn Prozent. Der Rohölpreis der Sorte Brent erreichte mit 15,98 Dollar pro Barrel den niedrigsten Stand seit Juni 1999.
Mittlerweile haben sich die Preise deutlich erholt: Das US-Öl stieg zum deutschen Handelsschluss um fast 27 Prozent auf 14,67 Dollar, Brent notierte etwa 6,4 Prozent höher bei 20,58 Dollar.
„Der Einbruch beim Öl sollte auch eine Mahnung für die Anleger sein, nicht zu optimistisch bei Aktien zu werden“, meint Joachim Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. „Was der zeitlich wohl lang ausgedehnte Stillstand des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens aber anrichtet, findet jetzt erst allmählich durch den Ölpreis-Crash und schlechte Quartalszahlen der Unternehmen Eingang ins Bewusstsein der Anleger“.
Für Beruhigung an den Aktienmärkten sorgen aber die starken Zahlen von Netflix. Der Streamingdienst hat auch aufgrund der Coronakrise in nur drei Monaten die Rekordzahl von 15,8Millionen neuen Abonnenten weltweit erreicht. Der vorsichtige Ausblick schickte die Aktie an den US-Märkten 2,3 Prozent ins Minus, doch es hätte schlimmer kommen können. Am deutschen Markt lag das Papier 0,6 Prozent im Minus.
Blick auf Einzelwerte
Wirecard: Beim Online-Zahlungsdienstleister ist der „Tag X“, der Moment der Wahrheit da: Mittwochabend soll der finale KPMG-Bericht veröffentlicht werden – in Gänze, wie Wirecard versprochen hat. Das Management hofft, damit endlich einen Schlussstrich unter die Debatten der Vergangenheit ziehen zu können. Die Wirecard-Aktie legte um 3,2 Prozent zu.
Hedgefonds hatten im Vorfeld der Veröffentlichung der Quartalszahlen ihre Spekulationen auf fallende Kurse bei Wirecard erhöht. Diese Quote liegt mittlerweile bei 4,28 Prozent aller frei handelbarer Aktien, also 5,28 Millionen Aktien (Stand 20. April).
Weiter steigende Kurse dürften die Hedgefonds unter Druck setzen. Denn solch ein Leerverkauf, eine Spekulation auf fallende Kurse, erfolgt nach folgendem Prinzip: Bislang haben sich die Hedgefonds die 45,27 Millionen Aktien von Wirecard-Aktionären wie beispielsweise Investmentfonds geliehen und verkauft. Doch um diese Aktien wieder zurückzugeben, müssen sie vorher wieder kaufen. Natürlich möglichst zu einem niedrigeren Kurs.
Bei einem durchschnittlichen Handelsvolumen im vergangenen Monat von rund 1,65 Millionen Aktien pro Tag ist dieser Rückkauf von 5,28 Millionen nicht einfach umzusetzen. In den vergangenen vier Wochen ist die Wirecard-Aktie um mehr als 40 Prozent gestiegen, seit Jahresanfang knapp 14 Prozent.
Biontech: Erstmals hat in Deutschland ein Unternehmen eine Zulassung für die klinische Prüfung eines möglichen Impfstoffs gegen das neue Coronavirus erhalten. Es handelt sich um das Mainzer Unternehmen Biontech, das nun in Zusammenarbeit mit dem Pharmakonzern Pfizer seinen Wirkstoff auf Verträglichkeit und Sicherheit untersuchen kann. An der Börse kam die Nachricht gut an: Die Aktie stieg rasant an und lag zwischenzeitlich rund 45 Prozent im Plus, beendete den Handelstag aber mit einem Wertzuwachs von nur noch 13,7 Prozent.
STMicroelectronics: Europas größter Chiphersteller rechnet in Folge des coronavirusbedingten Nachfrageeinbruchs in der Autoindustrie mit einem Umsatzrückgang. Im zweiten Quartal werde ein Minus von rund zehn Prozent erwartet. Der Aktienkurs stieg aber um 8,6 Prozent. Davon profitierte auch der deutsche Mittbewerber Infineon. Das Infineon-Papier stieg um 5,7 Prozent.
Talanx/Hannover Rück: Der Versicherer Talanx und seine Tochter Hannover Rück können ihre Gewinnprognosen im laufenden Jahr wegen der Corona-Pandemie voraussichtlich nicht halten. Der weltweit viertgrößte Rückversicherer zog am Dienstag seine Erwartung von netto 1,2 Milliarden Euro zurück. Daraufhin erklärte auch die mit gut 50 Prozent beteiligte Talanx, die bisher anvisierten 900 bis 950 Millionen Euro seien „mit zu vielen Unsicherheiten behaftet“, um sie als Prognose aufrechtzuerhalten.
Das Talanx-Papier verlor 1,2 Prozent, die Hannover-Rück-Aktie sank um 0,8 Prozent.
Blick auf andere Assetklassen
Der Ölpreis-Crash am gestrigen Dienstag ging auch nicht am Goldpreis vorbei, der auf bis zu 1660 Dollar abrutschte. Am heutigen Mittwoch stieg der Preis aber wieder um 1,4 Prozent auf 1709 Dollar.
Nach Ansicht der Commerzbank mussten einige Anleger am Dienstag zwangsweise Gold verkaufen, um Verluste in anderen Assetklassen wieder auszugleichen. Solch ein Vorgang geschah offenbar in ähnlicher Weise bereits im vergangenen Monat März, als Investoren nach dem Crash am Aktienmarkt Gold verkaufen mussten, um Nachschusspflichten zu erfüllen, sogenannte „Margin Calls“.
Dass Spekulanten aus dem Goldmarkt aussteigen, spricht für langfristig weiter steigende Kurse des gelben Edelmetalls.
Die Lage am Anleihemarkt bleibt interessant: Die Renditedifferenz (Spread) zwischen deutschen und italienischen Staatsanleihen notiert weiter auf einem hohen Niveau. Bei einer Laufzeit von zehn Jahren beträgt dieser Wert 2,5 Prozentpunkte. Die entsprechenden italienischen Bonds rentierten am heutigen Handelstag zwischenzeitlich bei knapp 2,1 Prozent und erreichten ein neues Monatshoch.
Die EZB-will laut dem Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg darüber diskutieren, zukünftig Sicherheiten geringerer Bonität anzunehmen. Die Schlussfolgerung des Marktes: Es dürfte eine Reaktion auf die bevorstehende Länderratingherabstufungen sein, im Fokus steht Italien.
Denn die italienische Regierung erwartet Insidern zufolge in diesem Jahr einen Anstieg der Staatsschuldenquote im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung (BIP) auf 155 bis 159 Prozent. Die Quote lag Ende vergangenen Jahres bei 134,8 Prozent.
Die EZB-Entscheidung soll und wird wohl Verwerfungen an den Anleihemärkten verhindern. Für die Commerzbank-Analysten hätte sie aber möglicherweise noch eine andere Wirkung. Ein solcher Schritt könnte den Druck auf die EU-Regierungen verringern, umfangreichere Hilfen zu beschließen. Ganz nach dem Motto: „Die EZB wird es im schlimmsten Fall schon richten“.
Was die Charttechnik sagt
Beim deutschen Leitindex steht aktuell viel auf dem Spiel, die deutschen „blue chips“ haben viel zu verlieren. Sollte sich der Bruch der Kernunterstützung bei rund 10.300 bis 10.000 Zählern als nachhaltig erweisen, müssen Anleger laut Charttechnik von der Ausprägung eines „zweiten Standbeines“ ausgehen. Das bedeutet konkret: Der Dax dürfte wieder in Richtung 8255 Punkte fallen und im Extremfall die Marke sogar noch unterbieten.
Die wichtige Marke bei 10.279 Punkten wurde mit dem Schlusskurs am gestrigen Dienstag bereits unterschritten. Von 10.279 Zählern hatte der Leitindex im Dezember 2018 seine Rally gestartet, die sich bis zum Rekordhoch im Februar 2020 erstreckte. Am Dienstag vergangener Woche war die Marke noch „bestätigt“ worden, weil der Index genau dort den Handel beendet hatte.
Trotz des freundlichen Auftakts am heutigen Mittwoch sollten Anleger ihren Blick Richtung Süden richten. Es sind im Zuge der Aufwärtserholung seit Mitte März noch zwei sogenannte Aufwärtskurslücken offen. Bei solchen Lücken gab es keine Kursstellung während des Dax-Handels, der tiefste Kurs eines Handelstages war höher als die höchste Notierung des Vortages. Solche Aufwärtskurslücken sind laut Charttechnik ein wichtiger Widerstand.
Die erste Lücke wird geschlossen, wenn der 10.097 Punkte erreicht, die zweite bei 9627 Zählern.
Auf der Oberseite liegt mit 11.025 Zähler ein wichtiger Widerstand. Dort liegt die sogenannte 50-Prozent-Korrektur des übergeordneten Trends, an der sehr häufig Gegenbewegungen enden. Aktuell auf den Dax bezogen heißt das: Der Abwärtstrend verlief bisher vom Rekordhoch Mitte Februar bei 13.795 Punkten bis zum Tiefpunkt Mitte März bei 8255 Zählern.
Die 50-Prozent-Marke liegt dementsprechend bei 11.025 Punkten, also genau in der Mitte zwischen Rekordhoch und Tiefpunkt. Mit dem Anstieg auf 10.820 Zähler am vergangenen Dienstag hatte sich der Index dieser Marke bereits angenähert. Doch aktuell stehen die unteren Kursmarken im Fokus.
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