Kommentar: US-Konzerne tun gut daran, jetzt Haltung gegen Rassismus zu zeigen
US-Unternehmen haben zwar viel über Werte gesprochen, aber die Konfrontation gemieden.
Foto: APKenneth Frazier, der schwarze CEO des US-Pharmakonzerns Merck & Co., lässt keinen Zweifel: George Floyd hätte er selbst sein können. Ein afroamerikanischer Mann, der behandelt wird, als wäre er „weniger als ein Mensch“, sagt Frazier.
Ähnlich sieht es der Finanzchef der Großbank Citigroup, Mark Mason: „Auch wenn ich der CFO einer globalen Bank bin, zeigen die Tötungen von George Floyd in Minnesota, Ahmaud Arbery in Georgia und Breonna Taylor in Kentucky, welchen Gefahren Schwarze wie ich ausgesetzt sind, wenn wir unserem täglichen Leben nachgehen“, schreibt er in seinem Blog auf der Citi-Internetseite.
Das Aufstehen der Unternehmen, die die weitverbreitete Diskriminierung von Schwarzen jahrzehntelang fast ausnahmslos ignoriert haben, zeigt vor allem eines: Mit dem Beweisvideo des grausamen Tods von George Floyd sind auch für den Durchschnittsamerikaner Grenzen überschritten. Sonst würden sich nicht so viele Manager so weit aus ihrer C-Suite lehnen.
Es wäre falsch, den Managern reines Kalkül vorzuwerfen. Und insbesondere bei den afroamerikanischen Vorständen sind die Äußerungen wohl authentisch. Aber es ist auch klar, dass sich große Ketten wohl kaum hinter eine absolute Minderheitsmeinung stellen würden. Sie wissen: Wer jetzt die Brutalität der Polizei gegen Schwarze verurteilt, hilft auch dem eigenen Image.
Marketingkampagnen von Unternehmen sind oft bessere Barometer für die Stimmung der Bevölkerung als politische Umfragen. Wenn beliebte Marken wie Nike, Adidas und Starbucks sich hinter die Demonstranten stellen, dann zeigt das, dass ihre Kunden geschockt sind von der brutalen Tötung Floyds und dass sie hinter den Demonstranten stehen.
Nike hat einen äußerst gelungenen Spot mit dem abgeänderten Slogan „Just don’t do it“ lanciert. Darin ruft das Unternehmen die Menschen auf, diesmal nicht zu tun, als gäbe es kein Problem. Das Video war so gut, dass Konkurrent Adidas es als Zeichen der Solidarität offiziell geteilt hat.
Abkehr von allgemeinen Kampagnen
Der CEO der erfolgreichen Einzelhandelskette Target, deren Läden vielerorts zerstört wurden, deren Kunden aber auch Afroamerikaner sind, äußerte ebenfalls Verständnis für die Proteste. Die Ermordung Floyds habe „einen seit Jahren aufgestauten Schmerz freigelassen“.
Der Ford-Gründerenkel und Chairman Bill Ford und der CEO Jim Hackett schreiben in einem Brief an die Mitarbeiter über „die tragische Tötung von George Floyd“, dass man nicht wegschauen dürfe, und sie prangern den „systematischen Rassismus“ in den USA an.
Es ist das erste Mal, dass so viele Unternehmen konkret die Gewalt von Weißen gegen Schwarze kritisieren. Bisher hatten sie sich höchstens auf allgemeine Anti-Rassismus-Kampagnen und Diversitäts-Sprüche beschränkt.
Zwar hat sich 2018 Trumps Beraterstab aus CEOs aus Protest aufgelöst, als sich der US-Präsident nicht ausreichend von den rechten Demonstrationen in Charlottesville und einem Mordfall auf der Kundgebung durch einen weißen Rassisten distanzierte. Doch danach war es still geworden.
Die US-Unternehmen haben zwar viel über Werte gesprochen, aber die Konfrontation gemieden. Es ist daher nur zu begrüßen, wenn sie nun klar Stellung beziehen: für die Demonstranten und gegen die Plünderer. Gerade ihre Kunden der Millennial-Generation wollen wissen, für welche Werte ihre Marken stehen. Sich jetzt zu Wort zu melden könnte also auch dem Image helfen.