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Venture-Capital-Investorin Junkermann„Die Krise trennt gute von schlechten Unternehmen“

Die prominente Investorin Nicole Junkermann glaubt, dass junge Technologiefirmen die Krise bewältigen können. Sorgen bereitet ihr der wachsende Nationalismus in Europa.Peter Brors, Michael Maisch 23.06.2020 - 15:35 Uhr

Die Investorin hält die Forderungen nach groß angelegten Staatshilfen für Start-ups für übertrieben.

Foto: Nicole Junckermann

Frankfurt. Nicole Junkermann wollte im März eigentlich nur für drei Tage nach Rom fliegen, um dort Familie und Freunde zu treffen. Die Corona-Pandemie machte daraus drei Monate. Jetzt plant die erfahrene Risikokapitalinvestorin, gleich den ganzen Sommer in Italien zu verbringen – und arbeitet von dort aus. Sie sagt: „Der Lockdown hier im Land war wirklich extrem. Im öffentlichen Leben ging praktisch nichts mehr.“ Junkermann fürchtet, dass Europa in der Coronakrise eine große Chance vergibt.

„Europa ist im Kampf gegen Covid-19 nicht vereint, viele Ansätze wirken sporadisch und unkoordiniert. Die gegenwärtige Situation ist eine echte Gefahr für die politische Einheit Europas“, warnt die Investorin im Interview mit dem Handelsblatt. Sie erwartet, dass die Pandemie zu einer geopolitischen und wirtschaftlichen Machtverschiebung zugunsten Chinas führen wird.

Die Forderungen einiger Lobbyisten nach groß angelegten Staatshilfen für junge Technologieunternehmen hält Junkermann für übertrieben: „Meiner Meinung nach ist die Start-up-Szene nicht die erste Branche, der im Moment geholfen werden muss.“ Ausnahmesituationen wie die Pandemie würden auch immer wie ein Filter wirken, der gute Unternehmen von schlechten trennt.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Frau Junkermann, Sie haben in den vergangenen Jahren vorwiegend im Gesundheitssektor investiert und kennen viele Mediziner. Wie beurteilen Sie die Covid-19-Lage?
Ich sorge mich vor allem vor einer zweiten Welle im Herbst, falls dann das Virus wieder bessere klimatische Bedingungen findet, um sich zu verbreiten. Dann käme es wieder zu einer schlimmen humanitären Katastrophe – und einen zweiten massiven Lockdown könnten wir uns nicht leisten. Der globale Lockdown war mit unvorstellbaren wirtschaftlichen und sozialen Lasten verbunden. Eine zweite Welle dieser extremen Maßnahmen hätte verheerende Folgen, vor allem für Länder mit schon jetzt schlechten Konjunkturaussichten, hoher Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit.

Sie denken an Italien, an Spanien, an Frankreich?
Ja, ich habe schon in diesen drei Ländern gelebt und bin jetzt in England zu Hause. Für Italien rechnen etwa die Experten des Internationalen Währungsfonds frühestens 2023 mit einer Rückkehr auf das Vorkrisenniveau. Hier geht es um ein Land mit einer Staatsverschuldung von 135 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung und einer Neuverschuldungsquote von zehn Prozent. Hinzu kommt, dass insbesondere Italien, Spanien und Frankreich aus gesamtwirtschaftlicher Sicht auf den Tourismussektor und das Gastgewerbe angewiesen sind wie wenige andere Länder.
Und als Europäerin mit deutschem Pass habe ich die Situation hierzulande natürlich verfolgt: Deutschland hat die Krise besser gemeistert als die übrigen europäischen Länder.

Generell?
So scheint es, ja. Besonders in zwei relevanten Bereichen: Das Gesundheitssystem hat den Belastungen standgehalten. Und die Hilfen der Bundesregierung sind weitgehend auch bei den Bedürftigen angekommen. Zudem wurde schneller und umfangreicher getestet, und in Deutschland ist es gelungen, mehr Intensivbetten vorzuhalten als in vielen südlicheren Ländern. Die Situation war und ist in anderen Ländern ganz anders. Auch in Frankreich wurden beispielsweise Programme für Einzelunternehmer aufgelegt. Aber viele haben bis heute noch keinen Cent vom Staat als Hilfe erhalten. Viele sind in die Insolvenz gerutscht, und vielen droht genau dieses Schicksal in den nächsten Wochen und Monaten.

Dieser unterschiedliche Umgang mit der Pandemie in den westlichen Ländern wirft kein gutes Licht auf Europa als politische Einheit – oder?
In der Tat, Europa ist im Kampf gegen Covid19 nicht vereint, viele Ansätze wirken sporadisch und unkoordiniert. Die gegenwärtige Situation ist eine echte Gefahr für die politische Einheit Europas. Deshalb sind die nächsten Weichenstellungen aus Brüssel wirklich wegweisend für die künftige Integration in der EU. Aus geopolitischer Sicht müssen wir über die Grenzen unseres Kontinents hinausschauen. Vor allem China nutzt die Gunst der schwachen Stunde Europas aus, um seinen Einfluss auszudehnen, mit extrem umfangreichen Investitionen in europäische Unternehmen und Infrastrukturprojekte. Auch im eigenen Land wird weiter signifikant investiert im Biotech-Bereich und in Künstliche Intelligenz - und zur Wahrheit gehört auch, dass moralisch-ethische Bedenken oder auch Datenschutzvorschriften in China weniger Gewicht haben als in westlichen Demokratien.

Anders gefragt: Verpasst Europa gerade eine große Chance, sich von innen heraus zu modernisieren und Zukunftsthemen zu besetzen?
Einerseits dürfen wir unsere ethisch-moralischen Standards mit Blick auf den Datenschutz oder auch bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz keinesfalls aufgeben. Andererseits brauchen wir aber ein kraftvolles gemeinsames Handeln in Europa. Ich bin ein glühender Anhänger der europäischen Idee. Mich erfüllt es deshalb mit Sorge, wenn ich nun sehe, dass gerade in Zeiten der Pandemie der Nationalismus auch in Europa wieder an Fahrt gewinnt. So haben wir gegen China keine Chance, langfristig zu bestehen, und ich hoffe, dass Europa eine gemeinsame Antwort auf diese Herausforderung finden wird.

Und die USA? Wenn es um junge aufstrebende Technologieunternehmen geht, wohin schauen Sie dann zuerst, ins Silicon Valley oder nach China?
Eindeutig nach China, und diese Kräfteverschiebung bereitet mir ebenfalls Sorgen. Der chinesische Markt ist so groß, dass die Unternehmen dort genügend Wachstumsmöglichkeiten finden und immer weniger auf das Ausland angewiesen sind. Der Aufstieg Chinas zur technologischen Weltmacht hat sich lange abgezeichnet, dahinter steht eine Strategie ähnlich dem chinesischen Brettspiel „Go“ (Wei Qi). Hier geht es darum, seinen Einfluss kontinuierlich und vollumfänglich auszubauen, um die Kontrolle zu erlangen. Der Ansatz etwa in den USA ist ein anderer, dieser ähnelt eher dem Schach, wo es darum geht, den König möglichst schnell mattzusetzen.

Abgesehen von politischen Fragestellungen: Steht denn in Europa überhaupt genügend Kapital zur Verfügung, um neue Technologien in einer Geschwindigkeit zu fördern, die Europa mithalten lässt?
An Kapital mangelt es sicher nicht, zudem gibt es genügend starke Talente und eine gute Infrastruktur. Uns sind sogar während der vergangenen acht Wochen neue Finanzierungsrunden gelungen. Mitten in der Krise haben wir 54 Millionen Euro an frischem Kapital für unsere französische Beteiligung Owkin bekommen, eines meiner Lieblingsunternehmen, das auf Wachstumskurs ist und sich für den Markteintritt in Deutschland vorbereitet.

Was macht denn das Unternehmen so attraktiv, dass Investoren auch während der Krise Geld geben?
Owkin verbindet Künstliche Intelligenz mit maschinellem Lernen, bringt auf eine kluge Art und Weise Analysten und Forscher verschiedener medizinischer Fachrichtungen zusammen - davon profitiert dann die medizinische Entwicklung insgesamt. Im Ergebnis erhalten die Patienten so bessere Medikamente und Therapien. Unter anderem liefern Krankenhäuser anonymisierte Daten, die in virtuellen Datenräumen von den Forschern genutzt werden können.

Das hilft wahrscheinlich auch während der Coronakrise.
Ja, genau. Am Anfang der Pandemie wollten wir zunächst etwas Handfestes tun, deshalb hat Owkin gesponsert durch die Investoren erst einmal Schutzmasken und Schutzanzüge für Krankenhäuser in Frankreich gespendet. Owkin hat ein Covid-19-KI-Konsortium ins Leben gerufen, was Forschungserfolge beim Kampf gegen die Pandemie beschleunigt. Zudem hat Owkin eine Studie mit über 1.000 Covid-Erkrankten auf den Weg gebracht. Die CT-Daten der Patienten werden mit einem Algorithmus verknüpft, was verkürzt gesprochen zu einer besseren Therapie führt. Konkret hilft es bei der Prognose, welche und wie viele Patienten eine Intensivbehandlung benötigen.

Die Start-up-Szene ist nicht die erste Branche, der geholfen werden muss.

Unternehmen wie Owkin gehören wahrscheinlich zu den Profiteuren der Krise, aber längst nicht alle Start-ups kommen so gut durch die Turbulenzen. Die Lobbyisten der Venture-Capital-Szene fordern, zumindest in Deutschland, mehr staatliche Unterstützung.
Ich weiß, dass das nicht gerade Konsens ist, aber meiner Meinung nach ist die Start-up-Szene nicht die erste Branche, der im Moment geholfen werden muss. Denn viel wichtiger wäre es, Einzelunternehmer zu unterstützen, denen im Moment die Einnahmen wegbrechen – die Besitzer kleiner Läden zum Beispiel, aber auch Künstler und andere Selbstständige.

In Deutschland sahen die Stimmungsindikatoren für die Venture-Capital-Branche zuletzt ziemlich schlecht aus, viele Start-ups warnen, dass das Geld nur noch für wenige Monate reicht. Wenn man ihre Argumente hört, dann ist die Stimmung schlechter als die Lage?
Zumindest die Unternehmen in meinem Portfolio hatten bislang keine Probleme. In einige Firmen haben wir auch mehr investiert, weil wir die Krise nutzen wollen, um unsere Beteiligung aufzustocken. Ausnahmesituationen wie die Pandemie wirken auch immer wie ein Filter, der gute Firmen von schlechten trennt. Unternehmen, die es vor der Krise schwer hatten, werden sie womöglich nicht überstehen, andere werden gestärkt aus den Turbulenzen hervorgehen.

Sie fürchten durch Corona also keine verlorene Generation von Gründern?
Nein, das sehe ich wirklich nicht. Die Gründer, mit denen ich zusammenarbeite, haben ihren Enthusiasmus nicht verloren. Natürlich gibt es einzelne Bereiche, die massiv leiden, das erstreckt sich schon auf viele Dienstleistungs- und Serviceunternehmen. Aber generell sehe ich bislang keine größeren Probleme, auch nicht, was Finanzierungsrunden oder die Bewertung von jungen Wachstumsunternehmen angeht.

Wollen Sie bei so viel Optimismus die Krise für Investitionen nutzen? Sind Sie in den vergangenen Wochen auf interessante Unternehmen gestoßen?
Natürlich habe ich auch jüngst eine Reihe spannender Unternehmen gesehen. Es zeichnen sich zwei Trends ab: zum einen alles, was mit Gesundheit zu tun hat. Die Molekularbiologie ist heute wichtiger als jemals zuvor. Dort finden sich viele interessante Unternehmen, von denen wir uns einige näher anschauen werden. Beim zweiten Trend geht es um alles, was mit Konsum und Unterhaltung zu Hause zu tun hat. Davon werden Unternehmen mit Expertise im Bereich Virtual Reality profitieren.

Und das Arbeiten von zu Hause aus? Wird nicht alles rund um das Thema Homeoffice zu den Gewinnern der Pandemie gehören?
Danach sieht es aus, denn auch künftig werden mehr Menschen zumindest zeitweise von zu Hause aus arbeiten als vor der Pandemie. Das Homeoffice hat sich sozusagen etabliert und emanzipiert. Und trotzdem wollen die Menschen doch nach der Coronakrise auch wieder zusammenkommen. Wir genießen die Gesellschaft anderer, das ist inspirierend und macht Freude, im Privaten und im Job.

Frau Junkermann, vielen Dank für das Gespräch.

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