Start-up-Szene: Warum manche Start-ups besser durch die Krise kommen
Das Start-up vermittelt Reiseerlebnisse – ein Geschäft, das mit den weltweiten Grenzschließungen fast gänzlich zum Erliegen gekommen ist. Doch die Kasse ist gut gefüllt.
Foto: GetYourGuideHamburg. Johannes Reck sprüht nur so vor Motivation. „Produktiver und lebendiger als je zuvor“ laufe die Arbeit in der Coronakrise, berichtete der Gründer von GetYourGuide vor einigen Tagen bei einem virtuellen Gründertreffen. Dabei ist GetYourGuide so hart von der Coronakrise getroffen wie kaum ein anderes großes deutsches Start-up.
Die Berliner vermitteln Reiseerlebnisse – ein Geschäft, das mit den weltweiten Grenzschließungen fast gänzlich zum Erliegen gekommen ist. Doch offenbar kommt GetYourGuide mit der Situation dank einer gut gefüllten Kasse zurecht.
Das 2009 gegründete Unternehmen ist kein Einzelfall. Es deutet mittlerweile einiges darauf hin, dass die deutsche Start-up-Szene und ihre Geldgeber schneller und glimpflicher aus der Krise kommen als viele andere Wirtschaftszweige – trotz der anfänglich großen und lautstark geäußerten Sorgen.
Zum einen sind anders als ursprünglich befürchtet neue Finanzierungsrunden und Risikokapitalfonds in den vergangenen Wochen nachweislich nicht komplett eingestellt worden. Zum anderen kommen die versprochenen staatlichen Start-up-Hilfen inzwischen in Gang, ohne einen großen Ansturm auszulösen.
Weshalb sich innovative und wachstumsorientierte Start-ups besser an die Coronakrise anpassen könne als etablierten Unternehmen zeigt der Fall GetYourGuide fast idealtypisch. Anders als traditionsreiche Reiseunternehmen wie Tui und Condor, die schnell ins Taumeln gerieten, finanziert GetYourGuide sein Tagesgeschäft zu einem großen Teil nicht aus den täglichen Umsätzen, sondern aus der eigenen Geldreserve.
Stolze 484 Millionen Dollar hat Gründer Reck erst vor einem Jahr von Investoren wie Softbank bekommen. Der Großteil des Geldes dient dazu, GetYourGuide bereit für einen Börsengang zu machen. Diesen Plan kann Reck nun einfach in die Länge ziehen.
Ursprünglich sollte es bereits in etwa 18 Monaten so weit sein – nun plant Reck mit zwei bis drei Jahren Verzögerung. Diese müssten „möglichst produktiv und kostenschonend überbrückt werden“, sagt er. Dabei hilft in der akuten Krise, wie bei etablierten Unternehmen, die Kurzarbeit. Zugleich kann Reck beim Marketing sparen.
Die Entwicklungsarbeit läuft derweil weiter: Sein Team verbessert etwa die Suchfunktion und die Trip-Planung. Damit könne GetYourGuide gestärkt aus der Krise zurückkommen, hofft Reck. Bis 2023 reiche das Geld so in jedem Fall, sagt er. Länger dauert kein Szenario zur Coronakrise.
Neue Normalität nach dem Hype
Sogar als Geldgeber betätigt sich Reck nebenbei. Trotz der Krise hat er privates Geld in das Ingolstädter Start-up Arculus gesteckt, das gerade daran arbeitet, das Fließband in Autofabriken durch selbstfahrende Roboter zu ersetzen. 16 Millionen Euro fließen von unterschiedlichen Investoren an das junge Unternehmen, das der Autobranche in der Rezession beim Sparen helfen will.
Ähnliche Runden meldet trotz der Krise eine ganze Reihe von Gründern. Noch gibt es von den üblichen Statistik-Anbietern wie Dealroom.co und EY keine harten Zahlen, doch offenbar bleiben bislang nur die ganz großen Finanzierungsrunden aus. „Die Lage ist weniger dramatisch als zunächst gedacht – aber es gibt trotzdem oft kurzfristigen Hilfsbedarf“, sagt der Chef des Marktforschers Dealroom.co, Yoram Wijngaarde.
Zwar sei die Zahl der Finanzierungsrunden bis Ende April stabil geblieben, doch in den kommenden Monaten könnten die Bewertungen sinken. Das allerdings könnte auch eine heilsame Korrektur im vor der Krise überhitzten Start-up-Markt sein. 6,7 Milliarden Euro Risikokapital flossen allein 2019 an deutsche Start-ups – eine Rekordsumme.
Bei Megadeals wie 2019 bei GetYourGuide sind meist Amerikaner und Asiaten als Investoren beteiligt, die derzeit wegen der Reisewarnungen die Gründer nicht persönlich in Augenschein nehmen können und daher kein Geld lockermachen. Doch die anfängliche Sorge der deutschen Szene legt sich, dass sich die Übersee-Investoren wie einst nach dem Platzen des Neuen Markts komplett aus Europa zurückziehen.
Schließlich kommt das Ökosystem in Berlin, München und London bislang gut durch die Krise. Und anders als anfangs erwartet ist Europa von der Corona-Pandemie nicht schlimmer betroffen als die USA. Im Gegenteil, Deutschland gilt derzeit in Teilen der USA als Corona-Musterland. Sobald die Interkontinentalflüge wieder regelmäßig starten, dürften die Investoren also zurückkommen.
In Deutschland gehen sogar in der Krise neue Fonds an den Start: Im Mai kündigte der japanische Finanzkonzern SBI an, einen 200 Millionen Euro großen Fonds für Industrie-Start-ups in Berlin auflegen zu wollen. In München will der neue Risikokapitalgeber Vsquared 65 Millionen Euro in Deep Tech stecken, also in junge Unternehmen, bei denen die Technologie an sich im Mittelpunkt steht.„Der Markt war vor der Krise überhitzt. Jetzt bereitet er sich auf eine neue Normalität vor“, sagt Peter Lennartz, Partner beim Berater EY. Vor allem von Unternehmen und wohlhabenden Familien dürfte weniger Geld fließen. Das bedeutet, dass Risikokapitalfonds wieder stärker auf die Qualität der Gründer achten müssen und die zuletzt überhöhten Bewertungen auf ein Normalmaß sinken.
Das könnte neue Chancen für deutsche Business Angels bieten, die zuletzt finanziell nicht mithalten konnten. „Der Hype ist raus – aber das finden viele gar nicht so schlecht. Die Stimmung wendet sich wieder zum Positiven“, sagt Lennartz.
Diese positive Entwicklung überrascht die Politik, die schnell und konsequent Hilfspakete in die Wege geleitet hat. Der erfahrene Finanzpolitiker Andreas Dressel etwa ist etwas ratlos, weil sein Geld kaum nachgefragt wird. Der Hamburger Senator hat mit dafür gesorgt, dass der Stadtstaat der Vorreiter bei den Landeshilfen für Start-ups war. 25 Millionen Euro stehen bereits seit Mitte April für Gründer bereit.
Doch davon haben die Gründer kurz vor dem Auslaufen des Programms Ende Mai bei der Förderbank IFB erst mickrige 2,3 Millionen Euro abgerufen. Dabei sind die Konditionen großzügig: Unternehmen, die nicht älter als acht Jahre sind und nicht mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigen, bekommen zusätzlich zu den übrigen Coronahilfen bis zu 100.000 Euro Soforthilfe.
Zurückgezahlt werden muss mit fünf Prozent Zinsen bei einem Verkauf des Start-ups an einen Investor innerhalb der nächsten Jahre. Womöglich sei das Programm nicht bekannt genug, mutmaßt der Sozialdemokrat Dressel.
Die andere Möglichkeit: Die Not ist nicht so groß, wie sie die Lobbyisten etwa um Start-up-Verbandschef Christian Miele und den Investor Klaus Hommels zunächst befürchtet hatten. „Wir wissen noch nicht, wie sich die Corona-Pandemie auf das deutsche Start-up-Ökosystem auswirkt“, räumt ein Verbandssprecher ein.
Es gebe noch erhebliche Risiken, gerade für Start-ups mit hohen Verlusten und schnellem Kapitalbedarf. „Grundsätzlich wird die Digitalisierung durch die aktuelle Situation eher beschleunigt, was in der Tendenz den deutschen Start-ups in die Hände spielt“, hofft er jedoch inzwischen.
65 Prozent der europäischen Start-ups sind schließlich laut einer Studie von Dealroom.co von der Krise nicht betroffen oder profitierten sogar – etwa Gesundheits-Apps, Online-Lebensmittelhändler, Roboteranbieter wie Arculus oder Entwickler von Künstlicher Intelligenz.
Jetzt zahlt sich womöglich aus, dass die Politik bei ihren Hilfspaketen Lehren aus der Bankenkrise gezogen hat und das Geld diesmal nur unter Bedingungen austeilt. Die Architekten der Bundeshilfe, Finanzstaatssekretär Jörg Kukies und der Start-up-Beauftragte des Bundeswirtschaftsministeriums, Thomas Jarzombek, haben längst nicht alle Lobby-Forderungen erfüllt.
Investoren, die Staatshilfe in Anspruch nehmen, müssen der KfW Capital beispielsweise ermöglichen, bei allen Finanzierungsrunden bis zum Jahresende mit einzusteigen – auf Kosten der Rendite. Die Kapitalgeber, die nicht wirklich unter Druck sind, prüfen so genau, ob sich die Förderung lohnt. Zudem behält sich der Bund vor, die aktuellen Hilfen von sowieso geplanten künftigen Förderprogrammen abzuknapsen. „Einige konkrete Anträge liegen bereits vor“, sagt eine KfW-Sprecherin dem Handelsblatt.
In Arbeit ist der zweite Teil des Rettungspakets. Nach dem Muster der Hamburger Hilfen sollen die Landesförderbanken 800 Millionen Euro an Start-ups verteilen, die keine großen Risikokapitalgeber im Rücken haben. Noch beraten die Landesinstitute und die KfW über die genaue Ausgestaltung, bis Anfang Juni soll das Programm stehen.
Sogar die E-Roller kehren zurück
Die großen deutschen Risikokapitalgeber von Project A bis Holtzbrinck Ventures geben sich auf Anfrage zunächst zurückhaltend. Zwar melden sie auf Anfrage Interesse an, wollen aber konkrete Schritte zunächst prüfen. Das liegt auch an der Logik der Fonds: Viele sind erst kurz vor Ausbruch der Krise frisch gefüllt worden (siehe Grafik). Sie haben gerade erst angefangen zu investieren – und entsprechend kaum Problemfälle im Portfolio.
Branchen-Experte Olaf Jacobi von Capnamic Ventures rechnet vor: Interessant sei die Staatshilfe im Wesentlichen für Fonds, die seit sechs bis acht Jahren laufen und das meiste Geld ausgegeben haben – aber ihren Start-ups nun etwas mehr Zeit verschaffen müssen bis zum Börsengang oder Weiterverkauf. Das betrifft damit nur einen Bruchteil der Investoren. Der Rest kann die Krise dank gefüllter Kassen zunächst aussitzen und sogar weiter investieren – sofern keine zweite Pandemiewelle aufkommt.
Sogar in Bereichen, die zu Beginn der Krise totgesagt wurden, keimt neuer Optimismus. In Frankfurt etwa wagt gerade der E-Roller-Anbieter Wind mit Zentrale in Berlin einen neuen Anlauf für den Ausbau des Deutschlandgeschäfts. 1000 gelbe Roller lässt Deutschlandchef Fabian Mischler derzeit aufstellen.
Während das Geschäft in einigen Städten in Frankreich und Spanien noch ruht, wirbt er in Hessen um neue Kunden – und will so schnell wie möglich mit weiteren Gemeinden etwa in Franken ins Gespräch kommen. „Auf keinen Fall ist das das Ende von Shared Mobility“, gibt er sich im Gespräch mit dem Handelsblatt optimistisch.
Die selbst entwickelten Roller mit längerer Batterielebezeit sollen das Geschäftsmodell so effizient machen, dass es auch für Randbezirke der Städte taugt. Ähnlich wie GetYourGuide-Gründer Reck kommt er ohne Hilfen aus, weil Wind Mobility vor der Krise viel Geld eingesammelt hat: 72 Millionen Euro von Investoren aus Asien und von Holtzbrinck Ventures kamen zusammen.
Das Geld muss nun länger reichen als ursprünglich geplant. Dabei hilft es, dass wegen Corona das Tempo sowieso geringer ist. „Egal, wie lange es dauert, bis das Leben wieder normal läuft: Wir halten durch“, verspricht Mischler.