Mark Tolentino: Wirecard-Treuhänder: „Das Geld auf den Konten reichte gerade einmal für ein iPhone“
Der Anwalt aus Asien will statt Milliarden Euro nur wenige hundert verwaltet haben.
Foto: dpaBangkok. Der philippinische Anwalt, der im Fall der verschwundenen Wirecard-Milliarden in den vergangenen Tagen ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist, sieht sich selbst als Opfer. Wirecard hatte den 39 Jahre alten Juristen Mark Tolentino den Buchprüfern als Treuhänder von Konten über 1,9 Milliarden Euro vorgeführt – Bankguthaben, die „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen“, wie der Zahlungsdienstleister am Montag einräumte. In philippinischen Medien sprach Tolentino nun erstmals öffentlich über seine Sicht auf den Fall. Er fühlt sich hereingelegt.
Dass er jemals für eine Milliardensumme von Wirecard verantwortlich gewesen sein soll, weist er weit von sich. „Die Wahrheit ist, dass alles, was sie hier haben, nur dünne Luft ist“, sagte er mit Blick auf den deutschen Konzern dem Nachrichtenportal „Rappler“.
Auf den Konten, die er eröffnet hatte, seien nur sehr kleine Summen deponiert gewesen. „Es reichte gerade einmal, um sich ein iPhone zu kaufen“, sagte Tolentino. In einem inzwischen wieder entfernten Facebook-Post stellte er den Gedanken, jemand würde ihn mit der Verwaltung von fast zwei Milliarden Euro beauftragen, als regelrecht lächerlich dar: „Ich habe keinerlei Erfahrung mit Finanzmanagement“, schrieb er. „Warum sollte ein im Bankwesen ungebildeter Mann wie ich gigantische Summen verwalten?“
Zu „Rappler“ sagte Tolentino, dass er Anfang Februar dieses Jahres gefragt worden sei, ob er als Treuhänder auftreten könne. Damals sei eine Gruppe aus Ausländern und einem philippinischen Staatsangehörigen auf ihn zugekommen.
Diese Personen hätten sich erkundigt, wie man auf den Philippinen ein Fintech-Unternehmen gründen könne, und ihn dann gebeten, als Treuhänder des Unternehmens zu fungieren. Er habe eingewilligt, einen formellen Vertrag habe es aber nicht gegeben.
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Bei den Personen, die den Kontakt mit ihm aufnahmen, handelte es sich nach Tolentinos Darstellung nicht um Mitarbeiter von Wirecard selbst, sondern um Vertreter des Unternehmens Citadelle aus Singapur.
Citadelle war jahrelang der Treuhänder der angeblichen Wirecard-Milliarden in Asien. Nach Beginn der Wirecard-Sonderprüfung durch KPMG im vergangenen Jahr seien die Geschäftsbeziehungen mit Citadelle aber Ende 2019 beendet worden, teilte Wirecard den KPMG-Prüfern mit.
Sollte Citadelle tatsächlich, wie Tolentino behauptet, noch im Februar für Wirecard tätig gewesen sein, stünde das womöglich im Widerspruch zu den bisherigen Angaben Wirecards. Auch an anderer Stelle passen die Zeitangaben nicht zusammen: Laut Wirecards Aussagen im KPMG-Bericht ist der neue Treuhänder bereits im Dezember 2019 mandatiert worden – und nicht erst nach dem Besuch der Citadelle-Mitarbeiter zwei Monate später.
Laut Tolentino verlangten die Citadelle-Mitarbeiter als Bedingung für das Treuhandmandat, dass er auf den Philippinen in Euro geführte Konten eröffne. Das habe er Mitte Februar auch getan – insgesamt sechs Konten, die auf den Namen seiner Kanzlei liefen. Später sei er von den kontoführenden Banken über Ermittlungen informiert worden.
Treuhänder berichtet von Morddrohungen
Dokumente zu den Konten seien dann dem Prüfungsunternehmen SGV übergeben worden – dem lokalen Partner der Prüfungsgesellschaft EY, die die Unregelmäßigkeiten mit Blick auf Wirecards vermeintliches Vermögen aufgedeckt hatte.
Die EY-Prüfer fanden heraus, dass Bankbestätigungen über die angebliche Milliardensumme auf den Konten offenbar gefälscht waren. Auch die philippinische Zentralbank bestätigte, dass entsprechende Gelder niemals in das Finanzsystem des südostasiatischen Landes gelangt waren.
Tolentino klagt mit Blick auf die Verwendung der von ihm eröffneten Konten über Identitätsdiebstahl. Er habe zudem Hunderte Hassnachrichten und sogar Todesdrohungen erhalten, nachdem sein Name in Verbindung mit der Affäre bekannt geworden war.
Bei den Absendern handelte es sich offenbar um wütende Wirecard-Anleger: „Die Menschen haben mich gefragt: ‚Wo ist mein Geld?‘“ Zu „Rappler“ sagte Tolentino, er erwäge nun selbst, in der Affäre um das Treuhandmandat Anzeige zu erstatten.