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Trading-PortaleUS-Kleinanleger befeuern die Rally und riskieren ihr Vermögen

Kostenlose Onlinebroker verhelfen dem Day-Trading in den USA zu einem Boom. Auch deutsche Anbieter ziehen nach. Doch ein Selbstmord zeigt die Risiken.Astrid Dörner, Katharina Schneider 07.07.2020 - 04:00 Uhr

Portnoy ist innerhalb weniger Wochen zum Star einer neuen Gruppe von Investoren geworden.

Foto: Getty Images Sport/Getty Images

Denver, Frankfurt. Die Märkte haben noch nicht geöffnet, doch „Davey Day Trader“ hat bereits gute Laune. Seine Lieblingsaktie, Penn National Gaming, liegt vorbörslich fünf Prozent im Plus. „Ich hab euch ja gesagt, dass ihr sie kaufen sollt, sobald sie unter 30 Dollar fällt. Ich hab die Aktie wieder nach oben gebracht“, ruft der Mann im aufgeknöpften Hawaii-Hemd in die Kamera und holt zum großen Rundumschlag aus.

Auf dem Whiteboard hinter ihm hat er festgehalten, wen er alles „begraben“ hat. „Warren Buffett – tot. Howard Marks – tot. CNCB – tot. Alle anderen – tot. Leute in Anzügen – tot. Aber meine Firma gewinnt!“ Der Mann, der in Wahrheit David Portnoy heißt und den Sport-Blog Barstool Sports leitet, ist innerhalb weniger Wochen zum Star einer neuen Gruppe von Investoren geworden.

„Retail Bros“ nennt sie die „Financial Times“, in Anlehnung an die „Crypto Bros“, die noch vor zwei Jahren mit ihren waghalsigen Wetten auf Kryptowährungen und ihren protzigen Lamborghinis die Gespräche an der Wall Street dominierten. Sie sind vor allem in den USA zu Hause, aber etwas gedämpft schwappt die Welle auch nach Deutschland über.

Die neuen Day-Trader haben einen ähnlich großen Hang zum Risiko, handeln ähnlich emotional und auf schnelle Erfolge fixiert. Statt Bitcoin und Co. haben sie vor allem Aktien und Optionen im Visier, die sie über Online-Broker wie Robinhood, E-Trade und Schwab handeln. Dort gibt es gebührenfreien Aktienhandel – ein Service, der zunächst nur von Robinhood angeboten wurde, doch schließlich alle großen Konkurrenten ebenfalls dazu bewogen hat, auf Gebühren zu verzichten.

Die „Retail Bros“ sind ein Phänomen der Coronakrise. In Zeiten, in denen es keine Sportwetten gibt und viele von ihnen ihre Zeit vor allem zu Hause verbringen, haben sie die Aktienmärkte für sich entdeckt. Und während Star-Investoren wie Warren Buffett und Howard Marks angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage zur Vorsicht an den Aktienmärkten aufrufen, lautet Portnoys Motto: „Aktien gehen immer nur nach oben.“

Der Trend beunruhigt Experten in den USA. „Der wilde, aufsehenerregende Stil steht sinnbildlich dafür, wie emotional und extrem Aktienmärkte geworden sind“, kritisiert Peter Cecchini, der frühere Marktstratege der Investmentbank Cantor Fitzgerald. Viele Amerikaner hätten die Konsumschecks der Regierung genutzt, um Aktien zu handeln. Dank Plattformen wie Robinhood sei der Zugang zu den Aktienmärkten heute so einfach wie noch nie. „Das führt zu einem unheimlichen spekulativen Mix.“

Gefährdung für junge Anleger

Gerade junge Anleger wüssten oft nicht, was sie tun, warnen Berater wie Tara Falcone von Reisup, die sich für einen langfristigen Vermögensaufbau einsetzt. „Viele werden von Freunden angestachelt, hohe Risiken einzugehen. Das ist Zockerei, mit langfristigem Anlegen hat das nichts zu tun.“

Im Juni war der Neobroker Robinhood nach dem Selbstmord eines 20-jährigen Nutzers in die Kritik geraten. Der Student hatte mit komplexen Optionen experimentiert und selbst eingeräumt, dass er nicht genau wusste, welche Risiken er sich damit auflud. Als er sich seinen Kontostand anzeigen ließ, sah er offenbar ein Minus von mehr als 700.000 Dollar. Medienberichten zufolge könnte das ein Darstellungsfehler in der App gewesen sein. In Wahrheit soll das Konto des Nutzers mit 16.000 Dollar im Plus gelegen haben.

Das amerikanische Start-up ermöglicht spielerischen Aktienhandel.

Foto: Reuters

In einer Stellungnahme kündeten die Robinhood-Gründer Vlad Tenev und Baiju Bhatt Reformen an. Unter anderem soll die Kommunikation mit Optionshändlern auf der Plattform verbessert werden. Auch will das Start-up einen „Options-Experten“ einstellen und zusätzliche Erklärmaterialien auf der Webseite anbieten.

Robinhood hat in den vergangenen Monaten einen Boom erlebt. Das 2013 gegründete Start-up aus Kalifornien zählt mittlerweile 13 Millionen Nutzer, drei Millionen davon sind allein seit Anfang des Jahres dazugekommen, die Hälfte der neuen Kunden handelt zum ersten Mal mit Aktien. „Unser Unternehmen und unsere Dienste sind zum Synonym für den Handel von Kleinanlegern in Amerika geworden“, schrieben die Gründer in ihrer Stellungnahme. Sie seien sich der damit verbundenen Verantwortung durchaus bewusst.

Kritiker bezweifeln das. Scott Galloway, Professor an der New York University, verweist auf Eigenschaften der Robinhood-App, die bewusst darauf ausgelegt seien, die Nutzer süchtig zu machen – ähnlich wie die sozialen Netzwerke Facebook, Instagram und Twitter. So seien die Farben ähnlich bunt wie bei dem Smartphone-Spiel Candycrush, Meilensteine würden mit digitalem Konfetti gefeiert. „Das Management und die Investoren von Robinhood haben sich von den großen Technologiekonzernen leiten lassen und sich bewusst gegen das Wohlbefinden unserer Jugend entschieden und stattdessen für ihre persönliche Bereicherung“, schrieb er in einer Analyse im Juni.

Das Start-up weist das zurück. Es gehe vielmehr darum, Anlegern die Scheu vor den Aktienmärkten zu nehmen und den Aktienhandel „zu demokratisieren“. Nur zwölf Prozent der Kunden handelten überhaupt mit Optionen. Doch der Druck wächst. Politiker fordern strengere Regulierungen. Jay Clayton, Chef der US-Börsenaufsicht SEC, kündete vergangene Woche in einer Anhörung an: „Wir müssen sicherstellen, dass sich diese Dinge nicht wiederholen.“

Deutsche Anbieter mit weniger riskanten Produkten

In Deutschland eifern längst einige Start-ups dem amerikanischen Vorbild nach, das nach der jüngsten Finanzierungsrunde im Mai mit 8,3 Milliarden Dollar bewertet wird. Plattformen wie Trade Republic, Gratisbroker, Smartbroker, Just Trade und neuerdings der Robo-Advisor Scalable Capital ermöglichen Aktienhandel zu Kampfpreisen. Das Produktspektrum unterscheidet sich jedoch von Robinhood. Zwar bieten auch die deutschen Neobroker – bis auf Scalable – den Handel mit Derivaten an, beschränken sich aber im Wesentlichen auf Optionsscheine, Hebelprodukte oder Zertifikate. Produkte, bei denen Anleger in die Situation geraten können, dass sie Geld nachschießen müssen, gehören nicht zum Angebot.

Nach Einschätzung von Trade Republic setzen die meisten seiner Kunden auf eine langfristige Geldanlage, indem sie in Aktien und ETFs investieren und ETF-Sparpläne nutzen. Nur ein „kleiner Teil“ handele zusätzlich mit Derivaten. Die anderen Anbieter beziffern den Anteil der Kunden, die solche Produkte nutzen, auf zehn bis 15 Prozent.

Ihre Kundenzahlen sind noch überschaubar. Trade Republic sprach im April von mehr als 150.000 Kunden, Smartbroker meldet 37.000 und Gratisbroker eine „vierstellige Zahl“. Gering ist im Vergleich zu Robinhood auch das tägliche Trading-Volumen. Smartbroker spricht von etwa 30 Millionen Euro pro Tag – wobei es starke Schwankungen gebe. Gratisbroker nennt einen Spitzenwert von bis zu 18 Millionen Euro pro Tag. Dass allein die Kunden eines Anbieters spürbar die Marktpreise bewegen, ist dabei nicht zu erwarten.

An der Wall Street sieht das schon etwas anders aus. „Herdenmentalität mit Käufen oder Verkäufen im großen Stil kann kurzfristig zu mehr Volatilität führen“, sagt Brad Barber, Professor an der University of California Davis.

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Marktbeobachter gehen auch davon aus, dass die risikoliebenden Kleinanleger mit für eigentlich unerklärliche Höhenflüge verantwortlich waren. So stieg die Aktie des insolventen Autovermieters Hertz Anfang Juni um über 800 Prozent. Auch Airline-Papiere setzten überraschend zum Höhenflug an. David Portnoy erinnert gern an sein glückliches Händchen mit der Billigfluglinie Spirit. Er riet zum Kauf, als sie bei rund acht Dollar lag. Heute hat sie sich mehr als verdoppelt und liegt bei rund 17 Dollar. Buffett dagegen verkündete Anfang Mai, dass er sich von allen seinen Airline-Aktien mit Verlust getrennt hat, weil er auf absehbare Zeit keine Zukunft für die Reiseindustrie sieht.

Dave fühlt sich darin nur bestätigt und lässt sich von seinen 1,5 Millionen Followern auf Twitter feiern. Dass er als Investor noch keine Krise miterlebt hat, gibt ihm Rückenwind – vorerst. „Klar kann man kurzfristig mit Zockerei Geld verdienen. Doch das geht auch oft schief“, sagt Theodore J. van Gerven vom Vermögensverwalter Modern Wealth Builders und verweist auf internationale Studien, die seit Jahren belegen, dass die große Mehrheit der Day-Trader am Ende Geld verliert. „Die meisten Anleger erkennen früher oder später, dass eine langfristige Strategie die beste ist.“ Bei Portnoy steht der Sinneswandel noch aus.

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