Ethisches Investment: Wie viel Grün in nachhaltigen ETFs steckt
Spezielle, an Nachhaltigkeitskriterien orientierte börsengehandelte Indexfonds setzen auf Aktien von Solar- und Windenergieunternehmen.
Foto: dpaFrankfurt. Bequem und unkompliziert Geld anlegen und nebenbei die Welt ein bisschen besser machen – immer mehr Anleger haben diesen Wunsch. In Zeiten von „Fridays for Future“ und Klimamärschen ist der Wunsch gewachsen, Nachhaltigkeit nicht mehr nur durch Mülltrennung und Fahrradfahren zu erreichen. Das Bewusstsein, dass eine nachhaltige Lebensweise auch die eigenen Investments betrifft, hat trotz Corona Konjunktur. Private Investoren können mit ihrem Geld Unternehmen unterstützen, die auf dem richtigen Weg sind – und solche meiden, die es nicht sind.
Eine wichtige Rolle spielen dabei Exchange Traded Funds (ETFs), also börsengehandelte Fonds. Sie bilden meist passiv einen Index nach, beispielsweise den Dax oder den MSCI World. Sie sind kostengünstiger als aktive, von gut bezahlten Managern geführte Fonds. Im ETF befinden sich anteilig Aktien all jener Unternehmen, die im jeweiligen Index gelistet werden – oder zumindest eine künstliche Nachbildung der entsprechenden Unternehmenswerte.
Im Jahr 2005 gab es weltweit 452 ETFs, 2007 bereits über 1000, 2019 dann fast 7000, Tendenz steigend. Immer mehr Beachtung finden solche, die auf sogenannte ESG-Kriterien achten – also auf einen positiven Einfluss auf Umwelt (Environment), Soziales (Social) und Unternehmensführung (Governance).
Angelika Stahl von der Gemeinschaftsbank GLS sagt: „ETFs sind günstig und einfach zu erwerben. Unabhängig davon ist Nachhaltigkeit in der Mitte der Bevölkerung angekommen.“ In Sachen Rendite zeigen Studien immer wieder, dass Nachhaltigkeits-ETFs ihre nicht nachhaltigen Pendants meist schlagen, auch durch die Coronakrise kamen sie bisher besser als ihre generischen Vorbilder.
Damit Anleger den für sie passenden Investmentansatz finden, rät Experte Volker Weber dazu, sich damit auseinanderzusetzen, wie nachhaltige ETFs entstehen, getreu dem Motto: „Investiere in nichts, was du nicht verstehst.“ Weber ist Vorstandsvorsitzender des Forums Nachhaltige Geldanlagen, das das entsprechende Siegel FNG herausgibt.
Viele Ansätze, große Unterschiede
Der beliebteste Ansatz ist das sogenannte „Best in Class“-Prinzip. Das bedeutet, dass nur die Werte der besten Unternehmen einer Branche im ETF landen. Die Kriterien, nach denen entschieden wird, sind zum Beispiel die Effizienz des Energieverbrauchs oder die Frage, wie unabhängig Aufsichtsräte sind. Das Problem dabei: Selbst Autobauer, die nachhaltiger produzieren als die Konkurrenz, landen dann im Depot von überzeugten Bahnfahrern.
Auch Branchen, die als klassische Umweltsünder gelten, wie beispielsweise die Öl- und Gasgewinnung, sind vertreten in bekannten Indizes wie dem Dow Jones Sustainability Index (DJSI), der dem Best-in-Class-Ansatz folgt. So galt etwa der Ölkonzern BP im DJSI lange Zeit als nachhaltiges Unternehmen – bis die zum Konzern gehörende Bohrinsel Deepwater Horizon 2010 im Golf von Mexiko die bis dahin schwerste Umweltkatastrophe dieser Art in der Geschichte auslöste.
Um positive Entwicklungen in schwierigen Branchen abzubilden, gibt es neben dem Best-in-Class-Prinzip auch den Best-in-Progress-Ansatz. Der soll Unternehmen belohnen, die sich besonders schnell in ihrer Nachhaltigkeit verbessern. Dieser Ansatz wird aber noch selten genutzt.
Ein weiterer Ansatz, der große Verbreitung findet und oft mit dem Best-in-Class-Ansatz kombiniert wird, sind Ausschlusskriterien. So gibt es Indexanbieter, die Unternehmen meiden, die ihr Geld mit Waffen, Alkohol, Pornografie oder Glücksspiel machen. In solchen Fällen wird das „S“ in ESG besonders stark gewichtet. Der MSCI World Social Responsibility Index schließt jene Unternehmen aus, die Branchen wie Alkohol, Glücksspiel oder Tabak angehören.
Doch hier kritisieren einige Experten die Auswahl der Werte, die ausgeschlossen werden. Denn dabei herrsche meist eine Fünf-Prozent-Regel, erklärt Lukas Adams, der sich bei der GLS mit nachhaltiger Geldanlage befasst. So gelte in den meisten SRI-Indizes – SRI steht für „Social Responsibility“ („soziale Verantwortung“) – die Regel, dass nur Firmen rausfliegen, die mindestens fünf Prozent mit problematischen Geschäftsfeldern erwirtschaften. „Bei multinationalen Konzernen sind fünf Prozent des Umsatzes immer noch gigantische Summen“, sagt Adams. „Das geht auf Kosten der Nachhaltigkeit.“
Einschluss statt Ausschluss
Wer Nachhaltigkeit in erster Linie in der Natur fördern will, kommt mit diesem Ansatz nicht weit. Dafür gibt es aber mittlerweile noch spezifischere ETFs, zum Beispiel solche, die nur Unternehmen mit vergleichsweise geringem CO2-Ausstoß beinhalten. Einer dieser ETFs ist beispielsweise der Amundi Index Equity Global Low Carbon ETF. FNG-Vorstand Werner nennt solche CO2-ETFs „das jüngste Kind“ in der Familie der Nachhaltigkeits-ETFs.
Ein genauer Blick in die Auswahl der Unternehmen zeigt aber: In den Top Ten der enthaltenen Unternehmenswerte befindet sich Apple, doch das Unternehmen steht seit Jahren für die schlechte Umweltbilanz von Seltenen Erden, die in iPhones und Tablets enthalten sind, in der Kritik. Bei Low-Carbon ETFs wie dem BNP Paribas Easy Low Carbon 100 Europe oder dem iShares MSCI ACWI Low Carbon Target ETF, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, lohnt sich also ein Blick in die Zusammensetzung der geförderten Werte.
Für Anleger, die besonders auf saubere Energien setzen möchten, sind ETFs spannend, die durch Einschluss statt Ausschluss generiert werden. So gibt es mittlerweile eine Reihe von sogenannten Clean-Energy-ETFs, etwa den iShares Global Clean Energy ETF. Die investieren in Unternehmen, deren Geschäftsmodelle ausschließlich auf Solar- und Windkraft beruhen oder die Technologie dafür bereitstellen. Der neue Lyxor-ETF zur Erreichung der Pariser Klimaziele setzt sich selbst zum Ziel, aktiv zur Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad beizutragen; wenn also die Weltwirtschaft wie der Lyxor-ETF aufgebaut wäre, würden die Pariser Ziele eingehalten. Es gibt ihn für die Euro-Zone als Lyxor S&P Eurozone Paris-Aligned Climate ETF und für die USA, entsprechend basierend auf dem S&P 500.
Die Verantwortung liegt beim Anleger
Wie umweltfreundlich ETFs letztlich sein können, ist schwer zu messen. Für Menglu Zhuang, die an der Frankfurt School of Finance and Management die Nachhaltigkeit im Finanzwesen erforscht, steht fest: „Die ETFs bilden immer bestehende Indizes ab und wandeln diese gegebenenfalls ab. Obwohl die Unternehmen, die darin enthalten sind, nach bestimmten Nachhaltigkeitskriterien ausgewählt sind, kenne ich bisher keinen ESG-ETF, der sich bei einer strengen Überprüfung als zu 100 Prozent nachhaltig erweist.“
Sie betont daher, dass Anleger sich immer ausgiebig informieren sollten, auch wenn das oft nicht einfach sei. „Es gibt noch immer keine standardisierten Verfahren oder Labels, um die verschiedenen ETFs mit Blick auf die Nachhaltigkeit zu vergleichen. Aber immerhin gibt es fortlaufende Bemühungen, solche Labels zu entwickeln, zum Beispiel das EU Eco-Label für Finanzprodukte für Kleinanleger.“ Forscherin Zhuang sieht dabei auch die Politik in der Pflicht und wünscht sich Leitlinien, an denen sich Verbraucher orientieren können.
Solange das nicht gegeben ist, sollten sich Verbraucher zumindest über die Zusammensetzung ihres ETFs im Klaren sein, appelliert Adams. Denn die Siegel, die derzeit im Umlauf sind, seien bisher nicht standardisiert. Eine große Übersicht über die Nachhaltigkeit einzelner Fonds stellt das Forum Nachhaltige Geldanlagen zusammen, hier können Anleger vor ihrer Entscheidung rund 400 Fonds und ETFs auf ihre Nachhaltigkeit prüfen.
Angelika Stahl von der GLS rät, darauf zu achten, ob ein ETF tatsächlich in die Unternehmen, deren Aktien er beinhaltet, investiert, also ein sogenannter physischer ETF ist. Synthetische ETFs hingegen, die lediglich einen Index künstlich nachbilden, hält sie aus ESG-Perspektive für problematisch: „Damit investiere ich noch nicht einmal in die Werte, die ich als nachhaltiger definiert habe, sondern in irgendwelche anderen derivaten Finanzinstrumente. Aus ESG-Sicht ergibt das meiner Meinung nach keinen Sinn“, findet sie.
Auch Alternativen prüfen
Genau wie Zhuang wünschen sich auch die übrigen Experten allesamt mehr Transparenz, damit Verbraucher künftig schneller und einfacher vergleichen können, wie nachhaltig ihr ETF wirklich ist – vor allem, um sie vor Greenwashing, also der Vermarktung angeblicher Nachhaltigkeit, zu schützen. Wer mehr Kontrolle über die Werte im Fonds haben möchte, sollte auch über aktiv gemanagte Nachhaltigkeitsfonds nachdenken: Macht ein Unternehmen plötzlich Negativschlagzeilen wegen eines Umweltskandals, ist es so schnell raus – und erhält nicht weiterhin Geld über den ETF.