Emerging Markets: Kapitalflut statt Kapitalflucht: Was die Schwellenländer-Rally befeuert
Der chinesische Aktienmarkt hat sich besonders gut entwickelt.
Foto: dpaFrankfurt. Nicht mal ein Jahr ist es her, da warnten die Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor einem „perfekten Sturm“ in den Schwellenländern. Grund waren die dramatischen Kapitalabflüsse von dort zu Beginn der Corona-Pandemie. Investoren zogen ihr Geld ab – auch wenn das mit hohen Verlusten verbunden war.
Inzwischen hat sich die Stimmung gedreht. Allein in den ersten 20 Tagen des neuen Jahres flossen laut Berechnungen des Internationalen Bankenverbands IIF rund 17,6 Milliarden Dollar ausländischen Kapitals in Schwellenländer wie China, Brasilien und Südafrika. Dank der Corona-Impfstoffe und der Aussicht auf eine rasche wirtschaftliche Erholung sind Investoren wieder bereit, höhere Risiken einzugehen.
Dadurch tritt ein Argument in den Vordergrund, das für die Schwellenländer spricht: die extrem lockere Geldpolitik weltweit. In der Corona-Pandemie haben die Notenbanken die Zinsen noch stärker gesenkt als während der Finanzkrise. Daher überschwemmen Anleger bei der Suche nach Rendite die Schwellenländer mit Geld – vor allem die Aktienmärkte.
Bereits im November verzeichneten sie einen Rekord mit den höchsten monatlichen Zuflüssen überhaupt. Die Stimmungseuphorie deuten manche Experten zwar als Anfälligkeit. Die erfolgreichen Fondsmanager wollen aber auch in Zukunft gute Erträge erzielen, vor allem in Asien. Im vergangenen Jahr schafften die zwei besten Fonds mehr als 40 Prozent Ertrag: Anbieter sind die Vermögensverwalter Carmignac und Morgan Stanley Investment Management.
„Das Zusammentreffen von expansiver Geldpolitik in den Industrieländern, anziehenden Rohstoffpreisen und wirkungsvollen Covid-19-Impfstoffen spült Kapital aus aller Welt in die Schwellenländer“, erklärt Gene Frieda, Portfoliomanager beim weltgrößten Anleihehändler Pimco.
Die Fed hilft
Die US-Notenbank Fed hat in der Corona-Pandemie ihre Geldpolitik besonders stark gelockert. Sie senkte im März 2020 den Leitzins binnen weniger Wochen von 1,75 Prozent auf nahe null. Zudem kauft sie in Rekordhöhe Anleihen und andere Wertpapiere. Historisch betrachtet gab es oft einen starken Zusammenhang zwischen einer lockeren Geldpolitik der Fed und hohen Kapitalströmen in die Schwellenländer. So floss nach der globalen Finanzkrise zwischen 2009 und 2010 eine Rekordsumme von 440 Milliarden US-Dollar dorthin.
Nach Berechnungen von Pimco war im vergangenen Jahr die geldpolitische Lockerung in den USA etwa doppelt so stark wie 2009. „Angesichts des ungewöhnlichen Zusammentreffens derart vieler externer Faktoren und des Mangels an renditeträchtigen Alternativen scheint die Erwartung vernünftig, dass 2021 nicht nur mehr Kapital in die Schwellenländer gespült wird als im Durchschnitt der letzten zehn Jahre, sondern auch mehr als im Rekordjahr 2010“, erwartet Pimco-Manager Frieda.
Eng mit den Kapitalströmen zusammen hängt der Wechselkurs des US-Dollars, der derzeit schwächelt. Seit Anfang November haben Schwellenländerwährungen wie der südafrikanische Rand und der mexikanische Peso rund sechs Prozent im Vergleich zur US-Währung zugelegt.
Dies verstärkt den positiven Trend in einigen Emerging Markets noch. Denn in Ländern wie Brasilien und der Türkei haben sich viele Unternehmen und zum Teil auch private Haushalte in fremder Währung verschuldet. Wertet die eigene Währung auf, sinkt die Last der in Dollar notierenden Schulden.
Angst vor dem „Taper Tantrum“
Ein historischer Vergleich zeigt aber auch, dass die aktuelle Rally nicht ohne Risiken ist. Nach der Finanzkrise endete die Boomphase dort 2013 sehr abrupt mit dem sogenannten „taper tantrum“, einer Art Wutanfall der Märkte. Damals änderten Investoren kurzfristig ihre Erwartungen über die US-Geldpolitik und rechneten mit einem schnelleren Herunterfahren der Anleihekäufe der Fed. Das führte zu einem drastischen Anstieg der Anleiherenditen in den USA und einer Kapitalflucht aus den Schwellenländern.
IIF-Chefvolkswirt Robin Brooks sieht heute gewisse Parallelen zur damaligen Situation, die ebenfalls von einer sehr lockeren Geldpolitik, der Suche nach Rendite und einer Aufwertung der Schwellenländerwährungen geprägt war. Anders als 2013 sei die US-Notenbank Fed heute aber stärker darauf bedacht, die Zinsen niedrig zu halten.
Ähnlich argumentiert auch der Devisenexperte der US-Großbank Citigroup, Ebrahim Rahbari. Er rechnet nicht damit, dass die Fed in nächster Zeit ihre Anleihekäufe reduzieren wird.
Auch wenn die Experten die Gefahr geringer einschätzen, zeigt das Beispiel des „taper tantrum“ die Risiken von Anlagen in Schwellenländern. Viele Investoren lassen sich davon jedoch nicht abschrecken. Das gilt auch für private Anleger in Europa. Morningstar-Analyst Ali Masarwah errechnete für das Handelsblatt für Dezember Nettokäufe für die breit in Emerging Markets investierenden Produkte in Höhe von 12,2 Milliarden Euro. „Das sind ziemlich beeindruckende Zahlen“, sagt der Morningstar-Mann. Vom Gesamtbetrag entfielen 6,9 Milliarden Euro auf die Aktienfonds. „Das ist der größte Betrag, den wir jemals gemessen haben“, erklärt er. Und im Januar bleibe der Trend nach den bisher vorliegenden Zahlen intakt.
Hohe Gewinne in China
Es ist kein Wunder, dass die Aktienprodukte mehr Zuspruch finden – einfach der besseren Wertentwicklung wegen. Der März-Kollaps an den Börsen schüttelte gerade die Anleihemärkte kräftig durch, dazu kamen Währungsverluste in manchen Schwellenländern. Daher verbuchten die in Emerging-Markets-Anleihen investierenden Fonds im Schnitt im vergangenen Jahr leichte Verluste. Ganz anders bei den Aktienprodukten: Hier errechnet Scope Analysis einen Durchschnittsgewinn von 7,2 Prozent, bei den China-Fonds waren es sogar 17,8 Prozent.
Derzeit stecken in über 300 in Europa angebotenen und breit investierenden Emerging-Markets-Aktienfonds rund 227 Milliarden Euro. Die Spitzenreiter des vergangenen Jahres erreichen deutlich zweistellige Wertgewinne. Sie schafften das meist mit höheren Anteilen an chinesischen Aktien. Ein gutes Beispiel ist der „Carmignac Emergents“ mit 44,6 Prozent Ertrag. Fondsmanager Xavier Hovasse vom französischen Anbieter Carmignac hat 42 Prozent der Gelder auf China konzentriert, auf Asien sogar 81 Prozent.
„Asien hat die besseren Wachstumsaussichten“, glaubt der Carmignac-Experte. Er erwartet für das laufende Jahr ein Plus von acht Prozent, in China ein wenig mehr. Dagegen würden die USA mit rund drei und die Euro-Zone mit rund fünf Prozent schlechter abschneiden. „Außerdem ist Asien an der Spitze der technologischen Revolution“, ergänzt der Experte.
Bei den Patentanmeldungen hätten China und Südkorea Länder wie Deutschland und die USA weit abgehängt. Trotz der Aktiengewinne im letzten Jahr sieht er noch Aufholpotenzial: Die Kursgewinne hätten bisher nur einen kleinen Teil der schlechteren Entwicklung der Emerging Markets gegenüber den Industrieländerbörsen in der vergangenen Dekade wettgemacht.
Samsung als Favorit
Mit Blick auf die technologischen Chancen setzen viele Manager auf die bekannten Konzerne. Bei Carmignac zählen etwa Samsung Electronics und Taiwan Semiconductor Manufacturing zu den wichtigen Positionen, den größten Anteil am Fondskapital hat das chinesische Internetunternehmen JD.com.
Ebenfalls erfolgreich im vergangenen Jahr mit 43,7 Prozent Wertgewinn war auch der Fonds „Emerging Leaders Equity“ von Morgan Stanley Investment Management. Er hat viel Kapital angelegt, beispielsweise in Tencent, dem chinesischen sozialen Netzwerk, in Sea Limited, einer großen Adresse für Online-Videospiele in Südostasien, und in Mercadolibre, einem Onlinehändler in Lateinamerika.
Auf China und die von dort gestützte Erholung der Weltwirtschaft setzen auch einige Strategen für Anleihefonds. Sie erhoffen sich bessere Ergebnisse als im vergangenen Jahr, wo sich zumindest im Durchschnitt aller global anlegenden Emerging-Markets-Produkte ein Minus ergab. Nur sehr wenige Produkte mit gutem Rating und größerem Volumen schafften überhaupt Gewinne. Dazu zählen der „Stone Harbor Investment Grade Emerging Market Debt“ mit knapp zwei Prozent Ertrag und der „Baring Emerging Markets Sovereign Debt“ mit rund einem Prozent plus.
Als Favoriten bei den Anleiheinvestments hat Peter Erdmans vom Vermögensverwalter Ninety One zwei Regionen ausgemacht: „Es sind die Märkte in Lateinamerika, die von steigenden Rohstoffpreisen profitieren sollten, wir erwarten außerdem in Asien und insbesondere in China gute Ergebnisse.“