Kommentar: Celonis zeigt, dass Deutschland junge Weltmarktführer im Tech-Sektor hervorbringen kann
Das Unternehmen adressiert den Weltmarkt. Seit 2015 hat Celonis Kunden in den USA, auch einer der Gründer ist dauerhaft vor Ort.
Foto: CelonisMan könnte meinen, der Wagniskapitalmarkt spielt verrückt: Deutschland hat ein Decacorn, ein Start-up, das schon vor dem Börsengang mehr als zehn Milliarden Dollar wert ist. Noch vor wenigen Monaten waren „Einhörner“ hier eine Sensation. Nur wenige Firmen erreichten die dafür notwendige Bewertung von einer Milliarde. Jetzt müssen es schon Drei-, Vier-, Fünf-, Zehnhörner sein!
Es herrscht ein Hype, der sich in der Tat zur Blase aufblähen könnte. Deutsche Start-ups verkünden eine Rekordfinanzierung nach der anderen. Gerade einmal 20 Tage hat es gedauert, bis der Onlinebroker Trade Republic seine Führung im Bewertungsranking wieder eingebüßt hat. Aber das ist kein Grund, der Nachricht von Deutschlands erstem Decacorn Celonis weniger Bedeutung beizumessen. Das Gegenteil muss der Fall sein: Dieses Unternehmen kann für Deutschland ein Gamechanger werden.
Ganz Wirtschaftsdeutschland sollte diese Firma und ihre 11,1-Milliarden-Dollar-Bewertung zur Kenntnis nehmen. Boom oder Blase hin oder her: Der Anbieter von Technologie zur Verbesserung von Geschäftsprozessen hat seinen Erfolgskurs schon lange vorher eingeschlagen.
Vor allem für die Psychologie der deutschen Digitalwirtschaft im Speziellen und der Industrie im Allgemeinen kann das Unternehmen deshalb eine herausragende Rolle spielen. Erstens setzt Celonis in der Gründerszene einen neuen Maßstab. Zweitens könnte es endlich die Finanzbranche abseits der Risikokapitalgeber auf den Plan rufen. Drittens hat das Unternehmen das Potenzial, für neues Selbstvertrauen zu sorgen: Schluss mit dem Gerede, dass Deutschland bei der Digitalisierung abgehängt ist.
Jedes dieser Argumente verdient, genauer diskutiert zu werden. Der neue Maßstab dürfte sich bald merklich auswirken. Die Celonis-Gründer werden jetzt zu Vorbildern der neuen Gründergeneration. Einerseits mit ihrer Orientierung auf den Weltmarkt.
Bastian Nominacher, Alexander Rinke und Martin Klenk haben kein US-Geschäftsmodell für den deutschen Markt kopiert wie frühere deutsche Einhörner. Im Gegenteil: Den ersten Kunden außerhalb des deutschsprachigen Raums gewannen sie nach zwei Jahren und ohne jedes Wagniskapital. Für ihre Technologie zur Visualisierung von Geschäftsprozessen gibt es keine Grenzen. Das ist genau die Skalierbarkeit, die Investoren heute suchen.
Groß genug für den Weltmarkt
Andererseits werden sich junge deutsche Unternehmer jetzt noch mehr zutrauen. Nach Meinung vieler US-Investoren fehlte es ihnen bislang an den ganz großen Visionen. Nun wird es dank Celonis immer mehr Gründer geben, die ihnen einen Plan zur Zehn-Milliarden-Dollar-Firma pitchen. Weil sie gesehen haben, dass das möglich ist. Wenn es nicht gelingt – kein Problem. Genau dafür ist Wagniskapital da. Ausnahmeerfolge erreicht man nicht beim Kleine-Brötchen-Backen.
Und damit zu den Signalen an die Financers: Celonis wird nicht das letzte Unternehmen dieser Art in Deutschland sein. Aber in den Börsenkreisen sind Experten mit passender Expertise rar. Spricht man mit deutschen Gründern und ihren Investoren über mögliche Börsenplätze, nennen sie nicht nur bessere Bewertungen als Argument für New York. Sie sehen hierzulande auch nicht genügend Analysten, die ihr Unternehmen verstehen und covern könnten.
Die Aussage ist doppelt alarmierend. Nicht nur verliert Deutschland damit immer wieder Firmen aus einem wichtigen Segment an die USA. Der Erfolg von Celonis und anderen Anbietern neuer Unternehmenstechnologien wird sich unmittelbar auf die Potenziale und Risiken von Dax-Konzernen auswirken. Spätestens jetzt muss das Wissen bei den Banken aufgebaut werden, um dieser Entwicklung gerecht zu werden.
Schließlich zeigt Celonis, dass Deutschland junge Weltmarktführer im Technologiesektor hervorbringen kann – und wie. Sinnbildlich steht dafür die Celosphere. Die jährliche Konferenz von Celonis erinnert fast schon an Produktvorstellungen von Apple oder Google.
Und sie ist zu gut, als dass die Anlehnung total lächerlich wäre. Wer bei der digitalen Transformation von Geschäftsprozessen up to date sein will, muss dabei sein. Das zeigt nicht nur die Präsenz von Unternehmen wie Telekom und Siemens, das sagen im Hintergrund auch die Konkurrenten.
Viel zu lange hat die etablierte Industrie hierzulande den Start-up-Sektor als Spielwiese für BWL-Absolventen mit Smartphone und E-Roller angesehen. Doch so bleiben alle unter ihren Möglichkeiten. Dass Start-ups bei Start-ups kaufen und die Etablierten lieber unter sich bleiben, ist ein Auslaufmodell.