Interview: „Wir werden in Deutschland auch nicht schneller, wenn die Steuern sinken“ – Emma-Chef fordert Zölle und Leitlinien
Der Mitgründer und Chef des Start-ups Emma – The Sleep Company fordert mehr Investitionen in Bildung und Chancengleichheit.
Foto: HandelsblattDüsseldorf. Manuel Müller, Mitgründer und Geschäftsführer des Matratzen-Onlinehändlers Emma, erwartet von der künftigen Bundesregierung entschlossene Verbesserungen bei der Digitalisierung und einen klaren Fahrplan für eine Energiewende. „Zum Glück herrscht bei den Parteien, die jetzt eine Ampelkoalition sondieren, Einigkeit, dass einige Themen verschlafen wurden“, sagte er im Interview mit dem Handelsblatt.
Die CDU will er in einer künftigen Regierung nicht sehen. „Ich persönlich hätte es Armin Laschet schlicht nicht zugetraut, diese Transformation voranzubringen“, sagt er. Außerdem stehe die CDU für eine bewahrende, konservative Haltung, nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene. Ein Regierungswechsel biete Perspektiven für einen echten Wandel.
Der Unternehmer spricht sich auch für die Wiedereinführung der Vermögensteuer aus. Die Gesellschaft brauche mehr Chancengleichheit, er glaube an das Prinzip, „nackt auf die Welt zu kommen und so auch wieder zu gehen“. Und er betont: „Wenn wir Vermögen zementieren, dann baue ich Kasten – gesellschaftliche und wirtschaftliche.“ Das könne nicht das Ziel einer Gesellschaft sein. „So kommen nicht die smartesten Köpfe nach oben“, sagt Müller.
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Herr Müller, als Digitalunternehmer sind Sie Experte für Disruption. In welchen Bereichen braucht die Politik am dringendsten eine Disruption, also einen kompletten Neustart?
Erstens bei der Digitalisierung, und das besonders in den Schulen und den Universitäten. Auch in öffentlichen Einrichtungen sind einfachste administrative Tätigkeiten immer noch nicht digitalisiert, da muss dringend etwas passieren. Zweitens bei der Energiewende. Wir wissen, an welchen Stellen wir als Industrie und Gesellschaft grüner werden müssen. Aber wenn man damit der Einzige in der Branche ist oder der Kunde es nicht bezahlen möchte, dann haben wir einen Wettbewerbsnachteil. Da ist der Gesetzgeber gefordert: Er muss auf dem Weg zur Klimaneutralität Leitlinien vorgeben.
Viele Familienunternehmen fühlen sich von der Aufgabe der Klimaneutralität überfordert. Sie auch?
Es muss international Chancengleichheit herrschen, wenn man keine Industrie in Deutschland abhängen will. Man wird darüber nachdenken müssen, ob man durch Zölle oder andere Maßnahmen gleiche Bedingungen herstellen kann.
Warum ist auf diesen Feldern bisher so wenig passiert?
Es ist eine komplexe Herausforderung, und viele Politiker denken nur in Vierjahresrhythmen. Es wurde vieles einfach ausgesessen. Zum Glück herrscht bei den Parteien, die jetzt eine Ampelkoalition sondieren, Einigkeit, dass einige Themen verschlafen wurden.
Sie setzen also große Hoffnungen in die künftige Dreier-Koalition?
Ja, ich habe große Hoffnungen. Das Votum war eindeutig. Olaf Scholz hat es klar gesagt, es haben Parteien gewonnen, andere verloren. Die Politik sollte hinhören, bei den jüngeren Menschen gibt es klare Präferenzen in Richtung Grün und Gelb. Tut sie es nicht, würde viel Vertrauen verspielt.
Was fordern Sie als Start-up-Unternehmer konkret?
Klare Rahmenbedingungen und einen Fahrplan, wie der industrielle Umbau und damit auch die Klimaneutralität erreicht werden kann. Dabei muss man bedenken, dass wir als Start-up vieles viel schneller umsetzen können als ein Konzern mit großer Produktion.
Verfügt die Politik über genügend Expertise, um die Rahmen vorzugeben? Der Tunnelbauunternehmer Martin Herrenknecht hat im Handelsblatt-Interview in der vergangenen Woche deutliche Zweifel daran geäußert.
Die Politiker sind häufig keine Experten, das ist richtig, aber sie können ja auf externes Wissen und Gutachten zugreifen. Die Wirtschaft macht es sich ein Stück zu einfach, wenn sie stets mit dem Totschlagargument kommt, die Politik verstehe es sowieso nicht. Politiker bewältigen auch deutlich komplexere Themen als den Klimaschutz.
„Die Lobbyverbände machen Politik“
Würden Sie in den Austausch mit der Politik gehen?
Ja, aber wichtiger wäre es, wenn produzierende Unternehmen in dieser Frage in den Austausch gingen, die tragen schwerer an dem Wandel.
Würden Sie sich wünschen, dass Sie als Unternehmer mehr von der Politik gefragt werden?
Es wäre wünschenswert, wenn die Politik auf die Unternehmen zugeht. Sonst geht das Spiel genau andersherum: Die Lobbyverbände machen Politik, das ist nicht im Interesse aller Unternehmer.
Sind die Gründer hierzulande politischer geworden?
Ja, sie kommen langsam aus dem Busch. Auch ich hatte mich bislang zurückgehalten. Doch jetzt führe ich mehr politische Diskussionen und habe erstaunt festgestellt, dass die Unternehmerschaft deutlich bunter ist als das Bild, das man von einem Unternehmer hat.
Sie sind parteilos, welche Hoffnungen verbinden Sie mit den Grünen?
Das, was wir als Wähler am Ende als Programm einer Koalition präsentiert bekommen, wird ein Mix daraus sein, was Sozialdemokraten, Liberale und Grüne als Konsens zusammengebracht haben. Letztere neigen dazu, Forderungen in den Bereichen, in denen sie kompetent sind, zu überspitzen. Das ist aber vollkommen okay, das schafft Aufmerksamkeit. Am Ende wird die Suppe nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird.
„Persönlich hätte ich Laschet die Transformation nicht zugetraut“
Warum ist es Ihnen so wichtig, dass die nächste Regierung ohne die Union gebildet wird?
Zum einen steht die CDU für eine bewahrende, konservative Haltung, nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene. Dieser Regierungswechsel bietet Perspektiven für einen echten Wandel, einen Neuanfang.
Und zum anderen…?
Ich persönlich hätte es Armin Laschet schlicht nicht zugetraut, diese Transformation voranzubringen. Das sagt mir mein Bauchgefühl. Hinzu kommt das Bild, das Herr Laschet im Wahlkampf abgegeben hat – auch bei der Flut. Bilder wie diese möchte ich auf internationaler Bühne nicht sehen. Olaf Scholz traue ich das eher zu.
Wäre Markus Söder der bessere Kandidat gewesen?
Bei Herrn Söder ist positiv aufgefallen, dass er Übereinstimmungen mit den Grünen entwickeln konnte, ich halte ihn für etwas progressiver.
Sie sehen die FDP als marktwirtschaftliches Korrektiv. Was muss aus Ihrer Sicht die FDP durchbringen, damit Sie zufrieden sind und Start-ups gut arbeiten können?
Zunächst: Auch die SPD wird da ihre Punkte machen. Ich bin in Deutschland sehr zufrieden, wir werden auch nicht schneller, wenn die Steuern sinken. Bei einer rot-grünen Regierung aber wären die Steuern sicher gestiegen, da ist die FDP ein Wächter, es nicht zu überreizen. Ich finde liberale Gedanken insbesondere auf gesellschaftlicher Ebene wichtig, etwa bei den Themen Diversität und Einwanderung.
Welche Steuererhöhungen wären aus Ihrer Sicht schädlich?
Zum Beispiel die Mehrwertsteuer ist weniger zielführend – aber nicht nur, weil sich das bei Produkten des nichttäglichen Konsums, wie wir sie ja auch verkaufen, besonders auswirken würde. Menschen mit niedrigeren und mittleren Einkommen können dem nicht ausweichen, bei hohem Einkommen trifft das weniger zu.
Was wäre eine Alternative?
Mir wäre es wichtiger, Steuerschlupflöcher zu schließen. Man sollte nur Steuern erhöhen, mit denen politische Ziele erreicht werden sollen, beispielsweise bei der CO2-Bepreisung.
„Wir brauchen mehr Chancengleichheit“
Was denken Sie über die Vermögensteuer?
Wir haben da etwas zu regeln. Wir brauchen mehr Chancengleichheit, ich glaube an das Prinzip, „nackt auf die Welt zu kommen und so auch wieder zu gehen“. Wenn wir Vermögen zementieren, dann baue ich Kasten – gesellschaftliche und wirtschaftliche. Das kann nicht das Ziel einer Gesellschaft sein, so kommen nicht die smartesten Köpfe nach oben.
Wie sollte aus Ihrer Sicht so eine Vermögensteuer ausgestaltet sein?
Es gibt ja nicht nur ein Modell. Es ist beispielsweise wenig zielführend, wenn man Anlagevermögen von Unternehmen heranzieht. Mir geht es darum, große nichtproduktive Vermögen für die Gesellschaft zu aktivieren.
Wollen Sie eine Erhöhung der Erbschaftsteuer?
Dass Unternehmen zerschlagen und verkauft werden müssen, um die Steuer zu bezahlen, kann nicht die Lösung sein. Aber es ist einfach nicht gerecht, wenn große Vermögen weitergegeben werden, ohne dass das besteuert wird. Die Initiative Taxmenow setzt meines Erachtens positive Impulse, um aufzuzeigen, dass vermögende Erben zunehmend unzufrieden sind mit der Ausgestaltung des Erbschaftsteuersystems. Es besteht eine Bereitschaft, sich an der Finanzierung der Staatsaufgaben zu beteiligen.
Sie wollen, dass die smartesten Köpfe nach oben kommen. Brauchen wir dafür auch eine stärkere Förderung von Gründern?
Da liegen wir doch im Großen und Ganzen gar nicht so schlecht. Wir müssen nur früher anfangen, die Grundlagen zu legen. Wenn wir mehr in Bildung und Chancengleichheit investieren, dann bekommen wir auch mehr neue Gründer, und wir schaffen eine Wirtschaftselite, die diverser ist. Es ist auch eine gesellschaftliche Grundstimmung, die wichtig für die Förderung des Unternehmertums ist: Wie risikobereit sind wir? Hierzulande trifft man leider immer noch oft auf die „German Angst“. Wir müssen die Menschen einfach von Anfang an ermutigen, mehr zu wagen.
„Haniels Anspruch war es nicht, Emma besser zu machen“
Sehen Sie eine zunehmende Bereitschaft, unternehmerisch zu denken?
Es gibt auf jeden Fall eine Tendenz, dass Arbeitnehmer inzwischen unternehmerischer denken. Viele Konzerne und auch Familienunternehmen haben deshalb heute Schwierigkeiten, junge Talente zu finden. Die arbeiten lieber bei den Start-ups.
Wie fördern Sie dieses Denken in Ihrem Unternehmen?
Ich sage es einfach mal andersherum: Bei uns wirst du daran gemessen, wie sehr du unternehmerisch denkst. Das ist bei uns keine Bitte, sondern ein Einstellungskriterium. Wir möchten, dass alle Mitarbeiter so handeln, als wäre es ihr eigenes Unternehmen.
Dann müssen aber auch die Führungskräfte bereit sein, Verantwortung abzugeben.
Wir haben keine Hierarchien im Kopf. Wenn mir ein Praktikant sagt, mein Vorschlag sei nicht so gut, und er hat eine bessere Idee, dann machen wir das so.
Seit vergangenem Jahr hält der Familienkonzern Haniel die Mehrheit an Emma. Passen Sie mit dieser Art zu arbeiten da überhaupt rein?
Wir haben große Freiheiten. Organisatorisch und operativ greift Haniel bei uns nicht ein. Sie haben Emma nicht übernommen, um uns zu verändern, sondern weil wir erfolgreich sind. Auf der obersten Führungsebene tauschen wir uns natürlich aus, auch mit den anderen Beteiligungsunternehmen aus der Haniel-Welt.
Und was hat Haniel davon?
Sie haben ein erfolgreiches Unternehmen im Portfolio, das unabhängig geführt werden kann. Haniels Anspruch war es nicht, Emma besser zu machen. Gleichzeitig können wir aus der Emma-Perspektive Best Practices in andere Haniel-Unternehmen einbringen.
Haniel-Chef Thomas Schmidt sieht Emma als Teil seiner Nachhaltigkeitsstrategie. Auf welche Aspekte bezieht er sich da?
Bei Nachhaltigkeit geht es ja nicht nur um Umweltschutz. Haniel sieht uns beispielsweise positiv, was Diversität und Chancengleichheit angeht.
Ist die große Diversität bei Emma auch ein Grund dafür, dass Sie sich stärker politisch äußern als viele andere Unternehmer?
Ehrlichweise machen wir das so bewusst erst seit Kurzem. Wir haben die offene Kultur ganz selbstverständlich gelebt, und das zieht viele Menschen an. Bei uns ist es ganz normal, dass alle Teammitglieder verschieden sind, dann ergibt es sich automatisch, dass die Belegschaft diverser wird. Wir haben vor Kurzem eine anonyme und freiwillige Umfrage gemacht und dabei festgestellt, dass sich etwa 17 Prozent der Mitarbeiter der LGBTQIA+-Community zugehörig fühlen.
Herr Müller, vielen Dank für das Interview.