Ausbildungsmarkt: „Wo heute Azubis fehlen, fehlen morgen Fachkräfte“: Zahl der unbesetzten Lehrstellen auf Rekordhoch
Aus Sicht von Handwerksunternehmen ist der mangelnde Nachwuchs „fatal“.
Foto: dpaBerlin . Nach dem Einbruch im ersten Pandemie-Jahr hat sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt 2021 nur minimal gebessert. Das Niveau vor der Krise ist noch lange nicht wieder erreicht. Insgesamt wurden bis zum 30. September 2021 473.100 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das sind zwar 5600 mehr als 2020 – aber 52.000 weniger als 2019, teilte das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) an diesem Mittwoch mit.
„Leider ist die erwartete Erholung in dem erhofften Ausmaß dieses Jahr nicht eingetreten“, sagte BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser. Stattdessen sei deutlich spürbar, „dass die Verunsicherung bei Betrieben und Jugendlichen aufgrund der Coronapandemie auch 2021 nach wie vor hoch ist“.
Zwar ist das Angebot an Ausbildungsstellen gegenüber 2020 um 8800 Plätze gestiegen, doch standen damit noch immer mehr als 40.000 Lehrstellen weniger als 2019 zur Verfügung. Die Nachfrage von jungen Menschen nach einer dualen Berufsausbildung ist sogar auf den tiefsten Stand seit 1992 gefallen, als erstmals Daten für das wiedervereinigte Deutschland vorlagen. Demnach ging die Zahl der Nachfragen 2021 noch einmal um 4800 auf 540.900 zurück.
Die neue Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) sprach von einem „kleinen Hoffnungsschimmer“. Ziel sei aber, deutlich mehr junge Menschen in Ausbildung zu bringen, denn „jeder junge Mensch, der ohne Ausbildung bleibt, ist einer zu viel“. Sie zeigte sich „besorgt, dass Betriebe weiterhin von Schwierigkeiten bei der Besetzung ihrer Ausbildungsstellen berichten“.
Um die Ausbildung attraktiver zu machen, will die Bundesregierung eine Exzellenzinitiative „Berufliche Bildung“ auf den Weg bringen, einen Pakt zur Stärkung und Modernisierung der Berufsschulen auflegen und die Berufsorientierung flächendeckend ausbauen.
Auch BIBB-Chef Esser ist besorgt: Die sinkende Nachfrage sei „ein eindeutiger Beleg“ dafür, dass das Interesse der Jugendlichen und jungen Erwachsenen an der dualen Berufsausbildung weiter nachlasse. „Wo heute Azubis fehlen, fehlen morgen Fachkräfte“, daher werde „die Sicherung des Fachkräftebedarfs zu einer der größten Herausforderungen dieses Jahrzehnts“, die die Wirtschaft nur mit einer starken dualen Berufsbildung meistern könne.
Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen erreichte sogar ein neues Rekordniveau von 63.200 Plätzen. Daher bleibe die zentrale Herausforderung am Ausbildungsmarkt, Jugendliche und Betriebe besser zusammenzubringen, mahnt das BIBB.
Der Anteil der nicht besetzten Lehrstellen am gesamten Angebot der Betriebe ist weiter gestiegen und liegt nun bei mehr als zwölf Prozent. Es gibt jedoch enorme Unterschiede zwischen den Berufen und Regionen.
Die DGB-Vizevorsitzende Elke Hannack sagte dem Handelsblatt: Es brauche „stärkere Anstrengungen, damit die zarte Erholung keine Eintagsfliege bleibt.“ Der Weg zu einer Normalisierung sei noch sehr weit. Im leichten Plus bei den neuen Verträgen sieht sie „keinen Grund zum Aufatmen. Nach dem historischen Rückgang 2020 ist das Vorkrisenniveau noch lange nicht erreicht“.
Die neue Bundesregierung müsse daher schnell ihr Vorhaben zur Ausbildungsgarantie auf den Weg bringen und einen „Rechtanspruch für alle jungen Menschen bis 25 Jahren im SGB III verankern“. Im Sozialgesetzbuch III wird das Arbeitsförderungsrecht geregelt. Der DGB fordert zudem, dass sich die Wirtschaft an der Finanzierung durch einen Zukunftsfonds beteiligt. „Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften. Es wird höchste Zeit, das gesamte Potenzial zu heben“, sagte Hannack.
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2021 seien von den Interessierten nur 67 Prozent in die betriebliche Ausbildung eingemündet, fast 68.000 Bewerber seien leer ausgegangen. „Diese jungen Menschen verdienen eine echte Perspektive“, so Hannack. Schon vor der Krise hätten insbesondere Menschen mit Hauptschulabschluss große Probleme, einen Ausbildungsplatz zu finden.
Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer geht davon aus, dass „viele junge Menschen durch die pandemische Lage nach wie vor verunsichert sind und daher häufig den weiteren schulischen Weg wählen und den Einstieg in das Berufsleben scheuen“.
Das sei aus Sicht des Handwerks jedoch „fatal“, denn die ambitionierten politischen Ziele bei der digitalen und ökologischen Transformation, wie energetische Gebäudesanierung, smarte Gebäudesteuerung und der Ausbau der Elektromobilität, „lassen sich nur mit einer ausreichenden Zahl von beruflich qualifizierten Handwerkerinnen und Handwerkern umsetzen“, warnte Wollseifer.
Die Akzente im Koalitionsvertrag seien wichtig, „müssen nun aber zügig mit Leben gefüllt werden“. Es müsse „bei allen Regierungsparteien höchste Priorität haben, die berufliche Bildung zu stärken“, so der Handwerkspräsident.