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GastkommentarEs lebe die bunte Republik Deutschland!

Schluss mit Bündnissen aus Gleichgesinnten. 2022 wird es Zeit für ungewöhnliche Koalitionen, meint Christian Böllhoff. 29.12.2021 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Ehrengast Handelsblatt, Montage, Christian Böllhoff, Prognos AG

Foto: Youtube, M

Man kann nicht nur Kinder, sondern auch Koalitionen mit Namen strafen. Stellen Sie sich vor, Sie haben das Zeug zum Konzertpianisten. Wurden aber von Ihren Eltern auf den Namen Dee-Jay getauft. Ungefähr so müssen sich Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Christian Lindner fühlen, seit von „Ampelkoalition“ die Rede ist. Ampel? Da denkt man an bremsen, an stillstehen, an warten. In einem Land, das bei vielen drängenden Fragen auf Dauerrot zu verharren scheint, ist „Ampel“ also wahrlich kein guter Name.

Dennoch: Rot-Grün-Gelb ist ein im Bund noch nie da gewesenes Bündnis. Die Gemeinsamkeiten sind zwar längst nicht so groß wie in bisherigen Koalitionen aus zwei Partnern mit erheblichen Schnittmengen. Aber es hat sich ja auch die Gesellschaft verändert. Und das ist gut so. Wir brauchen mehr überraschende Kooperationen. Nicht nur in der Politik. Gefragt sind Menschen aus unterschiedlichen Bereichen, die nicht zufrieden sind mit dem, was ist, und sich deshalb gemeinsam aufmachen.

Menschen, die verstanden haben, dass Zukunft nicht bedeutet, die Gegenwart in die Zukunft hinein zu verwalten. Die in spannenden Allianzen das Neue und Unerwartete nach Möglichkeiten absuchen. Die die Reibung, die dabei entsteht, nicht scheuen. Wohin das führen kann? Zu einem neuen, smarten Design von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Summe ist mehr als seine Teile: Wenn unterschiedliche Konzepte kombiniert werden, kann substanziell Neues entstehen. Funktioniert das wirklich? Es gibt gute Beispiele, die dafürsprechen.

So ist es kein Zufall, dass die Interaktion der Sozialpartner ausgerechnet in der Ära der sozialliberalen Koalition durch das Mitbestimmungsgesetz stärker in den Betrieben verankert wurde. Das Zusammenspiel gegensätzlicher Perspektiven ist bis heute einer der Erfolgsfaktoren der Sozialen Marktwirtschaft. Es hat sich unter anderem in der Finanz- und in der Coronakrise als resilient erwiesen und führt, etwa in der Mindestlohnkommission, zu zukunftsfähigen Lösungen.

Ein neues Innovationszentrum für Wasserstoff in der Mobilität soll die technologische Lücke im Vergleich zu Asien und Nordamerika schließen und Klimaschutz und Wirtschaft vorwärtsbringen. Das Verkehrsministerium suchte dafür einen Standort, zahlreiche Orte bewarben sich. Das Ergebnis: Nur wenn mehrere Standorte zum Zuge kommen, lassen sich deren Stärken und Alleinstellungsmerkmale bestmöglich kombinieren.

Klatten holt Familienunternehmen ins Boot

Nun sitzen die Standorte Chemnitz, Duisburg, Pfeffenhausen mit einem norddeutschen Cluster aus Bremerhaven, Hamburg und Stade an einem Tisch – und zwar nicht als Konkurrenten, sondern im Geiste der Kooperation und der gemeinsamen Anstrengung für ein klimaneutrales und wettbewerbsfähiges Deutschland.

An der Corona-Warn-App haben Fachleute aus verschiedensten Bereichen mitgewirkt. Die Liste reicht vom Robert Koch-Institut über die Telekom und SAP bis zum Bundesdatenschutzbeauftragten. Im Hintergrund wirkten Apple und Google, kritische Begleitung erfuhr das Projekt durch unabhängige Expertinnen und Experten, etwa aus dem Chaos Computer Club. All das lief nicht immer reibungslos, hat sich aber gelohnt.

Angelegt als Open-Source-Projekt, bleibt die App offen für Verbesserungen aus der Community.

In München will die gemeinnützige UnternehmerTUM GmbH Zeichen setzen für die Förderung von Unternehmertum in Deutschland. Investorin Susanne Klatten holt dafür nun auch noch Familienunternehmen ins Boot. Die Mittelständler sollen auf neue Weise mit Gründungswilligen und der Wissenschaft in Kontakt kommen, um Digitalisierung und neue Geschäftsmodelle voranzutreiben. Universität, Familienunternehmen und Start-ups, zusammengebracht von einer Geldgeberin aus dem eigenen Land – das gab es hierzulande noch nie.

Wir können es also, und zwar weit über den Bereich der parlamentarischen Demokratie hinaus. Nur braucht Deutschland mehr davon! Denn die Richtung ist klar: In der Wirtschaft beispielsweise ist die alte Unterscheidung in Produkte und Dienstleistungen längst vielfach überholt. Das physische Produkt wird mit Service kombiniert, herstellende Betriebe suchen sich Partner im Dienstleistungssektor und umgekehrt. Überholt ist auch das Denken in klassischen Branchen.

Gesetzgeber muss Barrieren beseitigen

Das zeigt die Kultur- und Kreativwirtschaft: Bis zur Pandemie wuchs sie so dynamisch, dass sie in Sachen Wertschöpfung wichtige Branchen wie die Chemie überholte und zuletzt nur noch vom Fahrzeugbau übertroffen wurde. Ihre Fachkräfte sind analog wie digital hochgradig vernetzt und arbeiten unternehmensübergreifend in temporären Teams zusammen. Die Grenzen zwischen den Wirtschaftszweigen werden durchlässiger. Ob das auch der Gesetzgeber versteht, ist nicht immer ganz klar.

Hin und wieder beseitigt er aber doch einige Barrieren, die sinnvolle Zusammenschlüsse verhindern. Jüngstes Beispiel: die Reform der Bundesrechtsanwaltsordnung. Ab Sommer 2022 dürfen Anwältinnen und Anwälte nicht mehr nur mit freien Berufen aus anderen Branchen kooperieren, sondern können sich mit ihnen auch zusammenschließen. Eine Medizinrechtlerin etwa kann dann mit einem Apotheker, einer Ärztin oder einem Versicherungsmathematiker eine Kanzlei gründen.

Manche wollen weiterhin alles allein schaffen, ganz traditionell. Aber zu den Lösungen, die wir als Gesellschaft in diesem Jahrzehnt dringend finden müssen, kommen wir so nicht. Klimawandel, Migration, Digitalisierung, demografischer Wandel, Geschlechtergerechtigkeit oder die Pandemie – ob wir diese und weitere Zukunftsaufgaben meistern, wird von nützlichen Netzwerken abhängen. Allein auf sich gestellt reicht da nicht mehr aus.

Wer gemeinsam Neues schaffen will, darf die Debatte und auch die Konfrontation nicht scheuen. Unterschiedliche Blickwinkel bringen unterschiedliche Meinungen hervor, die aufeinanderprallen. Konflikte haben einen Sinn: Wo Menschen verschieden sind, ergeben sich neue Lösungen nicht dadurch, dass sich jede Meinung einer anderen angleicht. Bevor ungewöhnliche Bündnisse erfolgreich sein können, müssen sich vorher alle von der bequemen Vorstellung lösen, gemeinsam ginge alles leicht.

Rot-Grün-Gelb wird nicht nur kuschelig

Auch Rot-Grün-Gelb wird politisch nicht vier Jahre lang warm, weich und kuschelig werden. Um- und Irrwege gehören dazu auf dem Weg zu erfolgreichen Lösungen, die neuen Komplexitäten gerecht werden. Wie das geht? Nicht von selbst. Wo immer Zusammenschlüsse funktionieren, werden sie getragen von klaren Zielen, Kompetenzen, Regeln und der Übernahme von Verantwortung. Das Wir muss wichtiger sein als das Ich, das gemeinsame Ziel die eigenen Pläne überragen. Das ist ein Balanceakt. Aber wenn er gelingt, profitieren am Ende alle.

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Und der Name der Koalition? Der wird noch richtungsweisend sein. Dafür muss uns Rot-Grün-Gelb aber von der Assoziation befreien, die Ampeln bislang in uns hervorrufen. Es gibt nützlichere Begriffe aus dem Straßenverkehr, die uns in den Sinn kommen könnten, als bremsen. Wer Zukunft will, muss vorausschauen, starten, beschleunigen, und ganz wichtig: lenken. Für 2022 scheint mir das Vorfahrtsschild die richtige Orientierung zu bieten.
Der Autor: Christian Böllhoff ist geschäftsführender Gesellschafter des Basler Prognos-Instituts. Der Ökonom lebt in Berlin und Basel.

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