Kommentar – Der Chefökonom: 20 Jahre Euro – anfangs gewöhnungsbedürftig, heute alternativlos
In diesem Jahr ist die Gemeinschaftswährung 20 Jahre alt geworden.
Foto: dpaMit dem Beginn dieses Jahres feierte das Euro-Bargeld seinen zwanzigsten Geburtstag – und entgegen allen Unkenrufen ist dies ein Grund zu feiern, nicht zuletzt für Deutschland, dem Land der Skeptiker und Zweifler gegenüber dieser Gemeinschaftswährung.
Denn was die meisten Kritiker des Euros übersehen oder verdrängen, ist, dass die Inflation in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten meist niedriger war als zu D-Mark-Zeiten. Daran ändern auch die Teuerungsschübe im vergangenen Jahr wenig. Selbst eine von „Falken“ geführte Bundesbank hätte kaum etwas gegen die teils umweltpolitisch gewollten, teils importierten Preisschübe unternehmen können.
Ein wichtiges und allzu oft übersehenes Argument zugunsten des Euros ist zudem, dass mit seiner Einführung das über der exportorientierten Industrie schwebende Damoklesschwert einer Aufwertung im Archiv der deutschen Wirtschaftsgeschichte verschwand. In die anderen Länder der Euro-Zone exportiert Deutschland mehr als doppelt so viel wie nach China und in die USA zusammen; Ähnliches gilt für die Importe. Dank des Euros ist also ein guter Teil des deutschen Handels frei von Währungsrisiken.
Das Problem des Aufwertungsdrucks war für die deutsche Industrie fast so alt wie die Bundesrepublik. Bereits Anfang der 1960er-Jahre bemühte sich der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, sich mit einer Aufwertung der D-Mark gegen die Teuerung in Deutschland zu stemmen – und setzte schließlich gegen den massiven Widerstand der Wirtschaft zum 1. März 1961 den neuen Wechselkurs von vier D-Mark für einen US-Dollar durch.
Die weiteren, dem Wirtschaftsstandort Deutschland zusetzenden Aufwertungen gegenüber dem US-Dollar auf 3,66 DM im Oktober 1969 und 3,22 DM im Dezember 1969 waren sogar ein vom damaligen Wirtschaftsminister Karl Schiller gesetztes Wahlkampfthema.
Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zu seiner Arbeit und seinem Team unter research.handelsblatt.com.
Foto: HandelsblattGleichwohl hielt der Aufwertungsdruck der D-Mark an, sodass im Mai 1971 der Wechselkurs der D-Mark freigegeben wurde, was – wie man es heute nennen würde – einen globalen Finanzmarktschock auslöste. Schließlich ließ sich das 1944 konzipierte globale Festkurssystem von Bretton Woods nicht mehr aufrechterhalten, da die USA ihren Vietnamkrieg über die Notenpresse finanzierten und die Welt mit dem Dollar fluteten, was nicht nur in Deutschland zu einer importierten Inflation führte. Die Folge war, dass die Welt 1973 zu flexiblen Wechselkursen überging. „Die Bundesbank hatte damit ihre geldpolitische Souveränität gewonnen“, erinnerte sich der ehemalige Bundesbankchef Karl-Otto Pöhl 2007 in der „FAS“.
Grundstein für das Europäische Währungssystem
Ungeachtet dessen blieben Kanzler Helmut Schmidt und der französische Staatspräsident Giscard d'Estaing skeptisch gegenüber freien Wechselkursen. Im Jahr 1978 legten sie bei einem deutsch-französischen Gipfel den Grundstein für das Europäische Währungssystem (EWS) und damit für die spätere Währungsunion.
Die beteiligten Zentralbanken verpflichteten sich zu Devisenmarktinterventionen, sobald bestimmte Schwellenwerte über- oder unterschritten wurden. Falls die Wechselkurse durch Interventionen nicht mehr in der vereinbarten Bandbreite zu halten waren, konnten neue Leitkurse fixiert werden. Davon wurde rege Gebrauch gemacht.
Zwischen 1979 und 1993 kam es an 17 Terminen zu insgesamt 62 Wechselkursanpassungen. Im August 1993 lösten Spekulationen auf dem Devisenmarkt eine Krise des EWS aus, sodass die Bandbreiten der meisten EWS-Wechselkurse auf plus/minus15 Prozent erweitert werden mussten – was faktisch das Aus der festen Währungskurse bedeutete.
Gut fünf Jahre später, am 31. Dezember 1998, wurden dann die Wechselkurse zwischen dem Euro und den einzelnen Währungen der Mitgliedstaaten festgeschrieben. Damit sollten Auf- und Abwertungen faktisch per Dekret auf Dauer der Geschichte angehören – ohne die Ursachen für die Wechselkursschwankungen zu beseitigen.
Im Zuge der Euro-Krise zwischen 2010 und 2012 wurde die Stabilität des Euro-Systems auf die Probe gestellt. Erst das beherzte Eingreifen des damaligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, mit seiner Äußerung „Whatever it takes“ beendete diese Spekulation, aber auch die geldpolitische Autonomie der EZB hinsichtlich ihres gesetzlich vorrangigen Ziels der Preisstabilität. Denn der eigentlich unzulässigen monetären Staatsfinanzierung wurden neue Möglichkeiten eröffnet und die Koordinaten der Währungsunion ein Stück weit in Richtung Transferunion verschoben – ohne dass dies von den Euro-Staaten beschlossen wurde.
Mit neuen Rettungsschirmen wie dem ESM und den neuerdings von der EU in großem Stil ausgegebenen Gemeinschaftsanleihen und künftig wohl auch einer gemeinsamen Einlagensicherung wird nicht zuletzt das wirtschaftlich starke Deutschland in die Pflicht genommen. Den damit verbundenen Kosten und Risiken steht allerdings gegenüber, dass die stark exportabhängige deutsche Wirtschaft die gesamte Welt zu für sie günstigen Konditionen beliefern kann. Grobe Schätzungen gehen davon aus, dass heute eine neue D-Mark rund 30 bis 50 Prozent Aufwertungspotenzial hätte – kaum ein Auto und kaum eine Maschine „made in Germany“ wäre dann auf dem Weltmarkt mehr verkäuflich.
Deutschland als Motor europäischer Integration
Sicher, die Argumente der Euro-Skeptiker werden dadurch nicht falsch. Aufgrund der anhaltend hohen wirtschaftlichen Divergenzen ist der Euro-Raum nach wie vor alles andere als ein optimaler Währungsraum. Und richtig ist und bleibt, dass eine einheitliche Währung ohne einheitliche Wirtschafts- und Finanzpolitik auf Dauer nicht funktionieren kann.
Der Schluss daraus kann allerdings nur lauten, dass es Deutschlands vitales Interesse sein sollte, diese Voraussetzungen zu schaffen. Die Bundesregierung sollte also wieder zu einem Motor der europäischen Integration werden. Der Partner Frankreich steht dazu ebenso bereit wie ein von Draghi solide regiertes Italien.
Mit dem europäischen Corona-Wiederaufbaufonds wurde bereits ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung getan. Mit einer stärkeren politischen Integration wird auch der Fortbestand des Euros als gemeinsamer Währung gesichert. Dies sollte nicht zuletzt in der Exportnation Deutschland mit Zuversicht registriert werden.
Klimaschutz durch internationale Kooperation
Sobald die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie überstanden sein werden, wartet die nächste große Aufgabe auf die Staatengemeinschaft. Denn effektiver Klimaschutz kann nur durch internationale Kooperation bewältigt werden. Für nahezu jeden Staat ist es individuell rational, seinen CO2-Ausstoß nicht einzudämmen, wenn er allein die Vermeidungskosten tragen muss, aber nur einen sehr geringen Anteil am Nutzen solcher Maßnahmen hat.
Wer es daher mit dem Klimaschutz ernst meint, dem muss klar sein, dass reiche, industriestarke Nationen einen höheren Anteil der globalen Vermeidungskosten übernehmen müssen als ärmere und dienstleistungsorientiertere Volkswirtschaften. Hier sollte Europa zum Vorbild für die Welt werden. Wie sonst sollen solch gigantische globale Transferleistungen gelingen, wenn sich nicht einmal die befreundeten Staaten Europas darauf einigen können?
Mutiges politisches Handeln ist gefragt. Denn anders als in volkswirtschaftlichen Lehrbüchern ging in dem mittlerweile 70-jährigen europäischen Integrationsprozess stets die ökonomische Integration der politischen voraus und nie umgekehrt.
Der Euro war und ist ein politisches Projekt. Die Gemeinschaftswährung diente stets als Vehikel, um die Integration Europas mit einem im Nebel liegenden Fernziel der „Vereinigten Staaten von Europa“ voranzutreiben.
Angesichts der sich abzeichnenden Bi-Polarisierung der Welt und des Welthandels sowie des geostrategischen Wettstreits der USA und Chinas um die globale Vormachtstellung ist heute der Zusammenhalt und das Zusammenwachsen Europas so wichtig wie nie zuvor. Denn aus dem Blickwinkel Washingtons oder Pekings könnte sich einer der größten Binnenmärkte der Welt rasch in 27 irrelevante Klein- und Ministaaten verwandeln. Und solche Zwerge werden auf der politischen Weltbühne selten ernst genommen.