Halbleiter-Krise: TSMC warnt Autoindustrie: Ende des Chipmangels ist nicht in Sicht
Wafer mit Chips von TSMC: Der weltgrößte Auftragsfertiger rechnet mit einem lang anhaltenden Boom.
Foto: BloombergTokio, München. Schlechte Aussichten für die vom Chipmangel gebeutelten europäischen Autobauer: Halbleiter werden auf absehbare Zeit Mangelware bleiben. Die Nachfrage nach den Bauteilen steige für viele Geräte gleichzeitig, erklärte der Chef von Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC), C.C. Wei, am Donnerstag. „Infolgedessen erwarten wir, dass unsere Kapazitäten das Jahr über knapp sein werden.“ TSMC ist der größte Auftragsfertiger der Chipindustrie und verfügt über die modernsten Produktionsverfahren der Welt.
Die Lieferprobleme in der Auto- und Elektronikbranche werden also weiter anhalten. Autokäufer müssen inzwischen oft lange auf ihr Wunschfahrzeug warten, wenn sie es denn überhaupt bekommen.
Damit nicht genug der schlechten Nachrichten: Die Abnehmer in Europa können auch nicht damit rechnen, dass sie bald aus einem eigenen Werk von TSMC auf dem Kontinent beliefert werden. TSMC verhandele zwar über den Bau einer Chipfabrik in Europa. Das mögliche Engagement befände sich aber „noch in einem sehr frühen Stadium der Bewertung“, sagte der Vorsitzende des Verwaltungsrats Mark Liu. Zuerst müsse man die Bedürfnisse der Kunden ausloten.
Die Entscheidung ist nicht einfach – für die Kunden genauso wenig wie für TSMC selbst. Denn der Wunsch nach eine kürzeren Lieferkette und höherer Versorgungssicherheit ginge dann wohl mit steigenden Kosten einher, an denen sich Abnehmer und auch Staaten finanziell beteiligen müssten. Der Chiphersteller ist auch deshalb so effizient, weil der Konzern die Produktion bislang hauptsächlich in seiner Heimat gebündelt hat.
TSMC kassiert sieben Milliarden Dollar an Anzahlungen
Schon 2021 haben die Kunden dem Chiphersteller 6,7 Milliarden Dollar im Voraus bezahlt, um die wachsenden Investitionen zu stemmen. In Japan zahlt die Regierung rund drei Milliarden Euro zum Bau eines TSMC-Werks für Chips mit 28-Nanometer-Strukturen zu. Es soll vor allem den Kamerahersteller Sony und die Autoindustrie beliefern.
Allerdings scheint es unwahrscheinlich, dass TSCM in Europa Geldgeber als Joint-Venture-Partner an Bord holt wie in Japan. Dort beteiligt sich vor allem Sony an dem Werk. Ein Sonderfall, wie TSMC-Finanzchef Wendell Huang sagt. Denn Sony bringt nicht nur Geld, sondern auch Technik und Know-how mit ein. Normalerweise strebe TSMC eine 100-prozentige Beteiligung an, so Huang.
TSMC gibt dabei gewaltige Summen für neue Fabriken aus. Die Asiaten haben die Investitionen von 19 Milliarden Dollar im Jahr 2019 auf 32 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr erhöht. 2022 will der Konzern sogar 40 bis 44 Milliarden Dollar in neue Anlagen und Werke stecken.
In Europa könnte TSMC indes durchaus auch mit Zuschüssen rechnen. Die EU hat das Ziel ausgegeben, Europas Anteil an der globalen Halbleiterproduktion innerhalb der nächsten zehn Jahre zu steigern – von weniger als zehn auf 20 Prozent. Der aktuelle Mangel wird sich dadurch zwar nicht beheben lassen. Doch die EU will verhindern, dass die bestehenden Abhängigkeiten von asiatischen Herstellern in Zukunft weiterbestehen.
Sie leiden schwer unter den Lieferproblemen von TSMC. Der Dax-Konzern Infineon ist zwar auch in den eigenen Werken seit Monaten voll ausgelastet. Aber: „Der größte Engpass herrscht bei den Auftragsfertigern. Dort wurde nicht genug in reifere Knoten investiert“, sagt Helmut Gassel, Vertriebsvorstand von Infineon. Das heißt: Foundries wie TSMC in Taiwan und Samsung in Südkorea haben zwar neue, mehrere Milliarden Dollar teure Fabriken für die allerneuesten Chips errichtet. Sie haben aber nicht damit gerechnet, dass die Kunden nun auch so viele Halbleiter älterer Generationen nachfragen.
Denn Chipkonzerne wie Infineon sehen keinen Grund mehr, die Bauelemente weiter zu schrumpfen, wie das in der Branche seit Jahrzehnten üblich war. Ein zyklischer Engpass werde deshalb jetzt überlagert von strukturellen Veränderungen, so Gassel.
Bislang haben die Foundries stets neue Fabriken zur Fertigung neuester Chiptechnologie für die Unterhaltungselektronik gebaut und die älteren mit Chips für die Autobranche oder die Industrie ausgelastet. Dieses Modell funktioniert aber so nicht mehr. Inzwischen investieren die Auftragsfertiger zwar auch gezielt in diese in die Jahre gekommenen Chipgenerationen. Das braucht aber seine Zeit. „Es dauert mindestens anderthalb Jahre, zusätzliche Kapazitäten zu schaffen“, sagt Gassel.
TSMC klagt über Hamsterkäufe
TSMC beklagt hingegen, dass die Unternehmen derzeit weit mehr Chips als unbedingt nötig auf Lager nähmen. Vor allem aber steige die Nachfrage nach Chips in allen Bereichen gleichzeitig: Die neuen 5G-Mobilfunknetze, Elektroautos mit immer mehr Fahrerassistenzsystemen, zusätzliche Rechenzentren, die Vernetzung von Maschinen und neue Anwendungen Künstlicher Intelligenz würden das Geschäft antreiben wie nie.
TSMC wächst daher rasant: Vergangenes Jahr stiegen die Erlöse um 19 Prozent auf 1,6 Billionen Taiwan-Dollar (50 Milliarden Euro), der Gewinn kletterte sogar um 38 Prozent auf 597 Milliarden Taiwan-Dollar (18,8 Milliarden Euro).
Für die Zukunft ist der Konzern optimistisch: TSMC erwartet für die kommenden Jahre durchschnittlich 15 bis 20 Prozent höhere Einnahmen. Der Konzern glaubt, stärker als die neuen Rivalen von der steigenden Nachfrage profitieren zu können. Inzwischen drängen auch der US-Halbleiterhersteller Intel und Samsung, Südkoreas Weltmarktführer bei Speicherchips, ins Foundry-Geschäft.
Die Taiwaner sehen sich als Technologieführer bei der Entwicklung immer kleinerer und damit schnellerer und sparsamerer Chips. Während die Konkurrenz Produktionslinien feiert, die Halbleiter mit fünf Nanometer kleinen Strukturen produzieren, beginnt TSMC in der zweiten Hälfte dieses Jahres mit Drei-Nanometer-Chips.