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EnergiekriseVersorgungsengpässe: Schwimmende LNG-Terminals könnten die Lage entspannen

Ehe Deutschland über ein eigenes LNG-Terminal verfügt, dürften noch Jahre vergehen. Übergangsweise könnten schwimmende Terminals Abhilfe leisten.Klaus Stratmann 11.03.2022 - 20:18 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Auf dem Weltmarkt verfügbar, schnell betriebsbereit.

Foto: REUTERS

Seit Jahren wird in Deutschland über den Bau von Terminals zum Import von verflüssigtem Erdgas (liquefied natural gas, kurz LNG) gesprochen. Geschehen ist bislang wenig. Nun soll es mit Unterstützung des Bundes ganz schnell gehen.

Doch die beiden geplanten Anlagen in Brunsbüttel und Stade dürften frühestens 2026 in Betrieb gehen, lediglich diejenige in Wilhelmshaven könnte bereits im Winter 2023/2024 zur Verfügung stehen. Ehe mit eigenen LNG-Terminals ein nennenswerter Beitrag zur Sicherung der Gasversorgung geleistet wird, dauert es also noch.

Fachleute fordern daher, für den Übergang auf schwimmende LNG-Terminals zu setzen. Diese Anlagen, im Fachjargon Floating Storage and Regasification Units (FSRU) genannt, existieren bereits, sie müssten nur nach Brunsbüttel, Stade, Wilhelmshaven oder in einen anderen geeigneten Hafen gebracht werden.

Nach Überzeugung von Christian Breuel von der Schulte Group, einer Hamburger Reederei mit langjähriger Erfahrung im Management von LNG-Tankern, wäre diese Lösung rasch verfügbar: „Wir sind optimistisch, ein solches Spezialschiff noch vor Beginn des nächsten Winters in Deutschland betriebsbereit zu haben“, sagte er dem Handelsblatt.

Die Schiffe seien zwar im Moment angesichts der geopolitischen Lage begehrt. „Wir sehen aber die Möglichkeit, Schiffe zu beschaffen“, sagte Breuel.

Nach Angaben Breuels gibt es weltweit aktuell 48 FSRU, darunter auch solche, die sich kurzfristig chartern ließen. Mit einer Jahresleistung von rund fünf Milliarden Kubikmeter Gas pro Schiff ließen sich an drei deutschen Standorten insgesamt 15 Milliarden Kubikmeter Gas und damit 30 Prozent der jährlichen russischen Importe ersetzen, heißt es in einem Konzeptpapier der Schulte Group. Es handele sich um eine „schnell zu installierende, temporäre Lösung“.

Anbindung als Herausforderung

In dem Papier wird auf Litauen verwiesen. Das Land habe mit dem FSRU „Independence“ in der Stadt Klaipeda erfolgreich und eindrucksvoll demonstriert, dass sich die schwimmenden LNG-Terminals als schnelle Übergangslösung eigneten. Fachleute betonen, dass parallel zum Betrieb der FSRU-Einheiten der Bau der geplanten stationären Terminals vorangetrieben werden könne.

Als Nadelöhr könnte sich in Deutschland die Anbindung der geplanten Terminals an das Ferngasleitungsnetz erweisen. In Brunsbüttel etwa muss eine Anbindungsleitung mit einer Länge von rund 65 Kilometern gebaut werden.

Der zeitliche Vorlauf für Planung und Genehmigung ist immens. Breuel sieht dieses Problem. „Natürlich stellt die Anbindung an das Ferngasleitungsnetz eine Herausforderung dar“, sagte er. Die Politik sei gefordert, Genehmigungsprozesse zu beschleunigen.

Bislang spielen FSRUs als Übergangslösung in der deutschen Debatte keine Rolle. Das Projekt in Wilhelmshaven ist zwar auch als schwimmende Lösung geplant, die Anlage muss aber erst noch gebaut werden. Sie soll für den Dauerbetrieb genutzt werden.

Unabhängigkeit von Russland als Ziel

Die Zeit drängt. Insbesondere der kommende Winter könnte zur Herausforderung werden. Erste Politiker raten daher dazu, zur Erhöhung der Gasversorgungssicherheit auf FSRUs als Übergangslösung zu setzen.

Michael Kruse, Sprecher für Energiepolitik der FDP-Bundestagsfraktion, sagte, die Bundesregierung müsse schnell in Abstimmung mit der Privatwirtschaft FSRU-Schiffskapazitäten chartern und geeignete Liegeplätze identifizieren und genehmigen. „Wenn alles gut läuft, könnten wir zum Winter 2022/2023 über ein betriebsbereites FSRU-Terminal verfügen und selbst LNG importieren“, sagte Kruse dem Handelsblatt.

So ließen sich sehr kurzfristig die Importkapazitäten für LNG in Europa insgesamt erhöhen, ist sich Kruse sicher. Zudem würde Deutschland unabhängiger von russischem Gas.

In Deutschland wird seit Jahren über den Bau eines LNG-Terminals diskutiert. Branchenexperten weisen seit Langem darauf hin, ein LNG-Terminal sei eine Art Versicherungspolice für den Fall, dass Lieferungen via Pipeline aus Russland ausbleiben sollten. Jahrelang hielten Kritiker entgegen, die europäischen Nachbarn verfügten noch über reichlich freie Terminalkapazitäten zur Einfuhr von LNG, ein eigenes Terminal sei daher nicht erforderlich.

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Wenn es hart auf hart kommt, erweist sich die Infrastruktur als Flaschenhals. So verfügen beispielsweise Spanien und Portugal über erhebliche Kapazitäten, um LNG einzuführen. Doch es fehlen die Leitungskapazitäten, um das Gas in großen Mengen von der iberischen Halbinsel in den Norden Europas zu transportieren.

Mit der aktuellen geopolitischen Lage sind eigene LNG-Terminals wieder in den Fokus der politischen Debatte gekommen. Fieberhaft bemüht sich die Bundesregierung, den Bau von LNG-Terminals voranzutreiben. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) favorisiert die Standorte Brunsbüttel und Wilhelmshaven.

Der Hafen an der Nordsee ist als Standort für ein neues LNG-Terminal im Gespräch.

Foto: dpa

Bis zur Inbetriebnahme des im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel geplanten LNG-Terminals dürften aber noch vier Jahre vergehen. Michael Kleemiß, Geschäftsführer der German LNG Terminal GmbH, die das Projekt in Brunsbüttel vorantreibt, sagte dem Handelsblatt, es sei „realistisch, mit einer Fertigstellung im Jahr 2026 zu rechnen“.

„Es hat sich leider bewahrheitet, dass es gefährlich ist, sich in zu starke Abhängigkeiten zu begeben“, sagte Kleemiß. Unter den aktuellen Vorzeichen des Ukrainekrieges sei der Aspekt der Versorgungssicherheit in den Vordergrund gerückt. „Unser Vorhaben hat dadurch einen anderen Stellenwert bekommen“, sagte er.

Kürzlich hatte das Bundeswirtschaftsministerium bekannt gegeben, der Bund wolle sich über die staatliche Förderbank KfW zu 50 Prozent an dem Terminal in Brunsbüttel beteiligen. Die KfW wird demnach über eine finanzielle Einlage für die Bundesregierung einen Anteil von 50 Prozent an dem LNG-Terminal übernehmen.

Betreiberin des LNG-Terminals wird Gasunie. Der Gasnetzbetreiber befindet sich zu 100 Prozent im Eigentum des niederländischen Staates. Als weiterer Partner ist der Energiekonzern RWE mit dabei.

Mit dem Einstieg des Bundes rückt das Projekt nun der Realisierung einen entscheidenden Schritt näher. Gasunie war von Anfang an an dem Projekt beteiligt, zwei andere Gesellschafter – das niederländische Öl- und Gas-Logistik-Unternehmen Vopak und die Oiltanking GmbH aus Hamburg – scheiden innerhalb der nächsten Wochen aus.   

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Das Terminal in Brunsbüttel soll acht Milliarden Kubikmeter Erdgas verarbeiten können. Zur Einordnung: Durch die Erdgaspipeline Nord Stream 1 strömten im vergangenen Jahr annähernd 60 Milliarden Kubikmeter Erdgas von Russland nach Deutschland und von dort aus zum Teil in andere europäische Länder.

Nach Einschätzung von Kleemiß sind die regulatorischen Rahmenbedingungen für ein LNG-Terminal in Deutschland noch nicht optimal. „Die Höhe des Tarifs für die Einspeisung ins Netz ist zu hoch.“ Zudem sei die Pflicht, zehn Prozent der Kapazitäten für die Kurzfristvermarktung bereitzuhalten, ein Hindernis. „Wir werden das Gespräch mit der Bundesnetzagentur suchen, ob es hier andere Möglichkeiten geben kann.“

Als zweiter Standort für ein Terminal kommt Wilhelmshaven in Betracht. Dort hatte Uniper bereits vor Jahren eine Anlage geplant, das Projekt kam aber nicht zustande. Nun jedoch drängt der Bund das Unternehmen dazu, das Vorhaben wieder aufzugreifen.

Ob und in welcher Form sich der Bund beteiligt, ist im Moment noch unklar. Die Akteure halten sich bedeckt. In Branchenkreisen heißt es, es werde intensiv verhandelt.

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Auch in Stade wird ein LNG-Terminal vorangetrieben. „Wir stehen im engen Austausch mit der Politik, aber sind weiterhin privat finanziert“, sagte eine Sprecherin der Hanseatic Energy Hub GmbH (HEH), dem Unternehmen hinter dem Projekt. Gesellschafter von HEH sind der Gasinfrastrukturbetreiber Fluxys (Belgien), die Partners Group (Schweiz) und die Buss-Gruppe aus Hamburg.

„Wir werden unsere Genehmigungsunterlagen Ostern einreichen. Damit werden wir Ende 2026 bereit sein, in der Spitzenlast rund zehn Prozent des deutschen Gasbedarfs zu decken“, kündigte die Sprecherin an.

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