Kommentar: Der Twitter-Kauf durch Elon Musk ist eine gute Nachricht – wenn er diese vier Probleme löst
Kann er Twitter?
Foto: ReutersTwitter hat den Weg für den Kauf der Plattform durch Elon Musk frei gemacht. Für 44 Milliarden Dollar will der reichste Mann der Welt die Plattform übernehmen und von der Börse nehmen. Viele Details sind weiter unklar. Doch Kritiker warnen bereits vor schwerwiegenden Folgen: für die Demokratie und für soziale Netzwerke.
Viele dieser Vorwürfe sind überzogen. Der Deal ist in Wirklichkeit eine gute Nachricht. Twitter ist in den 16 Jahren seit der Gründung des Unternehmens weit hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben. Die Plattform gibt es weiter, weil sie in der Tech-Branche und bei einigen Politikern, Journalisten und Promis sehr beliebt ist. Twitter ist aber daran gescheitert, ein Produkt für den Massenmarkt zu werden.
Elon Musk will das ändern. Neue Impulse würden der Landschaft sozialer Netzwerke guttun. Der Facebook-Konzern Meta ist viel zu dominant und träge geworden. Mit WhatsApp, Instagram und Facebook kontrolliert das Unternehmen etliche wichtige Plattformen gleichzeitig. Tiktok ist kein würdiger Herausforderer. Twitter könnte also das Kräfteverhältnis ändern. Soll das gelingen, muss Musk vier Herausforderungen bewältigen.
Die vier Probleme von Twitter
Das erste Problem ist die Strategie von Twitter. Denn die Plattform hat derzeit keinen klaren Kurs. Musk hat angekündigt, den Algorithmus von Twitter öffentlich zu machen. Er hatte gesagt, jeder solle ihn analysieren und Änderungen vorschlagen können.
Das klingt gut. In der Praxis dürfte das sehr schwer werden. Denn die Algorithmen sozialer Netzwerke sind sehr komplex. Es gibt keine einfache Regeln, die bestimmen, wem wann welche Inhalte ausgespielt werden. Es sind komplexe Systeme, die darauf trainiert werden, Nutzern ihren individuellen Vorlieben entsprechend relevante Informationen anzuzeigen. Eine öffentliche Debatte ist wichtig und richtig. Aber eine Lösung der Probleme ist sie noch nicht.
Das zweite Problem ist die Reichweite von Twitter. Die Plattform hat bis heute eine gewaltige Einstiegshürde. Wer zu den Power-Nutzern der Plattform zählt, hat sich durch eine lange Zeit gequält, die richtige Auswahl an Einstellungen zu treffen und die richtigen Accounts zu identifizieren, bei denen sich das Folgen lohnt. Dieser Prozess kann Monate, teilweise sogar Jahre dauern. Die meisten Neueinsteiger geben schon nach wenigen Tagen auf. Twitter ist zu Beginn einfach zu kompliziert und abschreckend.
Das dritte Problem ist das fehlende Geschäftsmodell der Plattform. Die Firmenführung konnte sich nie richtig festlegen, wie sie Geld verdienen will. Auf der einen Seite setzte sie auf bezahlte Accounts, auf der anderen Seite auf Werbung. Kein Ansatz wurde wirklich nachhaltig verfolgt. Bis zum Jahr 2023 haben die Firmenchefs zwar ambitionierte Wachstumsziele formuliert, aber selbst innerhalb des Unternehmens gibt es große Zweifel, ob diese Pläne erreichbar sind.
Musk hat zwar gesagt, es gehe ihm bei dem Kauf nicht ums Geld. Der ökonomische Druck auf die Plattform könnte durch eine Übernahme von Musk aber nicht sinken, sondern steigen. Das liegt unter anderem daran, wie Musk den Kauf finanziert.
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Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass für das Finanzierungskonstrukt des Twitter-Kaufs jährlich rund eine Milliarde Dollar an Zinsen und Gebühren anfallen dürfte. Das ist eine gewaltige Summe für eine Plattform wie Twitter. Zum Vergleich: Im Geschäftsjahr 2021 betrug das operative Ergebnis (Ebitda) gerade einmal knapp 700 Millionen Dollar.
Das vierte Problem ist der Umgang mit Falschinformationen und Hassrede. Wie alle großen sozialen Netzwerke ringt Twitter mit einem klaren Kurs. Unter CEO Parag Agrawal hat Twitter das Sperren von Accounts, die angebliche Falschinformationen verbreiten, ausgeweitet. Elon Musk, der das Abschalten von Donald Trump heftig kritisiert hat, hat einen völlig anderen Kurs angedeutet, bei dem viel mehr Aussagen erlaubt sein sollen.
Auch Musk ist ein Problem
Das kann keine ausreichende Antwort sein. Es ist wichtig und richtig, dass inhaltlich oder politisch unterschiedliche Meinungen nicht von einer Debatte ausgeschlossen werden. Gezielte Kampagnen zur Desinformation sind aber schädlich und gefährlich für Debatten. Mit diesem Problem ringen alle großen sozialen Netzwerke. Aber noch niemand hat eine zufriedenstellende Antwort gefunden.
Und dann ist da noch Elon Musk selbst – auch er könnte sich bei seiner Mission Twitter im Wege stehen. Musk bezeichnet sich selbst als „Absolutisten der Redefreiheit“. Gleichzeitig polarisiert er. Und es sind mehrere Fälle dokumentiert, in denen er interne Kritiker bei Tesla ausgegrenzt oder aktiv den Aufbau eines Betriebsrats verhindert hat.
Twitter ist für Musk das wichtigste öffentliche Sprachrohr. Damit die Plattform florieren kann, muss er sich selbst zurücknehmen. Bescheidenheit gehört aber nicht zu seinen Stärken.
Fazit: Gelingt es Musk, diese Probleme zu lösen, hat Twitter wirklich gewaltiges Potenzial. Wieder und wieder ist Musk unterschätzt worden. Es bleibt abzuwarten, ob die Kritiker recht behalten und das Management eines sozialen Netzwerks wirklich schwieriger ist, als Menschen auf den Mars zu bringen. Man darf Musk durchaus zutrauen, die Probleme von Twitter zu lösen.