Dekarbonisierung: Der Preis des Kriegs: Wie die Erdgasknappheit die grüne Stahlindustrie gefährdet
Für die Dekarbonisierungspläne der deutschen Stahlindustrie spielt Erdgas eine wichtige Rolle.
Foto: imago images/Olaf DöringDüsseldorf. Martin Lindqvist zeigt sich optimistisch, was für einen Stahlmanager in der aktuellen Lage ungewohnt ist. Die energieintensive Branche leidet unter hohen Preisen für Strom und vor allem Gas sowie einer schwachen Nachfrage aus der Automobilindustrie. Der Vorstandschef des schwedischen Stahlproduzenten SSAB aber sieht seinen Konzern bis in die ferne Zukunft gut aufgestellt.
„Wir haben genügend Kapital, um anstehende Investitionen zu finanzieren“, ließ der 60-Jährige die Journalisten bei einer Telefonkonferenz anlässlich der Vorlage der Zahlen zum ersten Quartal am Dienstag wissen. „Wir rechnen zudem damit, dass der Cashflow weiterhin stark ausfallen wird, sodass wir für die Transformation sehr gut positioniert sind.“
Seine Prognose untermauert Lindqvist mit starken Zahlen. Zwischen Januar und März fuhr SSAB einen operativen Gewinn von umgerechnet 805 Millionen Euro ein – trotz des derzeit turbulenten Umfelds eine Rekordmarke. Das Analysehaus Refinitiv hatte aufgrund der Lage mit einem Ergebnis von rund 635 Millionen Euro gerechnet.
Dass der Konzern bislang so gut durch die Gaskrise gekommen ist, liegt auch daran, dass SSAB im Vergleich zu vielen Konkurrenten etwa aus Deutschland weniger abhängig von russischen Gaslieferungen ist. Die Schweden beziehen zwar verflüssigtes Erdgas (LNG) aus Russland, nutzen dafür aber keine direkte Pipelineverbindung, sondern LNG-Terminals. Die können auch von alternativen Lieferanten genutzt werden.
In Deutschland hingegen beunruhigt die Branche die Aussicht, in Zukunft auf russisches Erdgas verzichten zu müssen. Die geplanten LNG-Terminals in Brunsbüttel, Wilhelmshaven und Stade sollen erst in einigen Jahren fertiggestellt werden. Zudem dürfte die Kapazität der Anlagen nicht ausreichen, um den Wegfall russischer Lieferungen zu kompensieren.
Dekarbonisierung in zwei Schritten
Das gefährdet nicht nur den laufenden Betrieb, sondern den langfristigen Fortbestand der deutschen Stahlindustrie. Bis 2030 muss die Industrie ihre CO2-Emissionen um 30 Prozent, bis 2045 dann vollständig um 100 Prozent reduzieren. Dafür ist ein milliardenschwerer Umbau des gesamten Produktionsnetzwerks nötig, den viele Hersteller hierzulande in zwei Schritten angehen wollten.
So planen derzeit zwei der größten deutschen Hersteller, Thyssen-Krupp und Salzgitter, zunächst von der kohlebasierten Hochofenproduktion auf die erdgasbasierte Produktion im Elektrolichtbogenofen umzusteigen. Dadurch lassen sich die CO2-Emissionen im Produktionsprozess bereits um etwa ein Drittel senken. Ab 2030 soll die Produktion schrittweise auf klimaneutralen Wasserstoff umgestellt werden, der sich in den neuen Anlagen ebenfalls einsetzen lässt.
Die Versorgung mit klimaneutralem Stahl ist für die deutsche Industrie von größter Bedeutung. Vor allem die Autoindustrie will nicht nur Fahrzeuge und ihre Abgase selbst, sondern die ganze Produktionskette dekarbonisieren. Doch durch den Krieg in der Ukraine gerät dieser Plan in Gefahr.
„Der Konflikt mit Russland sorgt dafür, dass Erdgas knapp wird“, sagt Nicole Voigt, Stahlexpertin und Partnerin bei der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG). Davon seien viele Hersteller heute schon betroffen. „Durch die Dekarbonisierung wird der Bedarf allerdings deutlich steigen.“ Das könne dazu führen, dass viele Hersteller ihre Dekarbonisierungsstrategien noch einmal auf den Prüfstand stellen.
Entkopplung von Russland
Die Mengen an Erdgas, die die Branche für den deutlichen Abbau von CO2-Emissionen benötigt, sind immens: Ab 2026 will die Branche in Deutschland zwischen fünf und sechs Millionen Tonnen klimaneutralen Stahl produzieren – doch nach BCG-Schätzung würden dafür rund zwei Prozent des aktuellen deutschen Gesamtverbrauchs zusätzlich benötigt. Das läuft dem Ziel der Bundesregierung zuwider, den deutschen Verbrauch angesichts der wirtschaftlichen Entkopplung von Russland schnellstmöglich zu senken.
Auch ein direkter Umstieg auf Wasserstoff erscheint angesichts der knappen Versorgungslage unrealistisch. So bräuchte die deutsche Stahlindustrie allein vier bis fünf Prozent der Menge grünen Wasserstoffs, den die Europäische Union als Produktionsziel für 2030 (zehn Millionen Tonnen) eingeplant hatte.
Allein Thyssen-Krupp veranschlagt beispielsweise einen zusätzlichen Strombedarf von mehr als 40 Terawattstunden, um seine gesamte Produktion zu dekarbonisieren. Das ist rund viermal so viel, wie die Metropole Hamburg im Jahr verbraucht.
Der Zugang zu günstigen Energiequellen gewinnt daher für die Stahlindustrie rapide an Bedeutung. „Im Vorteil sind jene Hersteller, die an Standorten produzieren, wo viel klimaneutral produzierte Energie verfügbar ist, beispielsweise Skandinavien oder Südeuropa“, erklärt Stahlexpertin Voigt.
Frage der Wettbewerbsfähigkeit
Ihre Prognose: Viele Unternehmen, die nicht wie SSAB über energiereiche Standorte verfügen, dürften nun darüber nachdenken, ihre Produktion regional aufzuspalten. Denkbar sei daher, dass die deutsche Stahlindustrie ihren Eisenschwamm in Zukunft in energiereichen Regionen außerhalb Europas produziert, etwa im Mittleren Osten oder in Australien, sagt Voigt.
Die Stahlproduktion, die in einem Elektrolichtbogenofen erfolgt, sowie die Weiterverarbeitung könnten weiter in Europa angesiedelt bleiben. „Der Krieg wird diese Entwicklung beschleunigen – denn bei den aktuellen Energiepreisen wird es für die europäische Stahlindustrie schwer, international wettbewerbsfähig zu bleiben.“
Für SSAB stellt sich die Frage hingegen nicht. Der Konzern will bereits 2030 klimaneutral produzieren und setzt dabei direkt auf Wasserstoff, ohne Erdgas als Brückentechnologie. „Wir haben uns entschieden, direkt eine komplett klimaneutrale Wertschöpfungskette aufzubauen, vom Abbau des Eisenerzes angefangen“, sagte Vorstandschef Lindqvist. Das sei es, was die Kunden am Ende wollten. „Wir werden nicht von Erdgas abhängig sein.“