Arbeitsmarkt: Ukraine-Schock hat kaum Einfluss auf die Einstellungsbereitschaft – Handwerk und IG Metall warnen vor Fachkräftemangel
Für die geplante Wohnungsbauinitiative der Bundesregierung wird das Personal knapp.
Foto: dpaBerlin. Der Schock über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine hat die Einstellungsbereitschaft der deutschen Wirtschaft nur kurzzeitig gebremst. Nach dem Einbruch im März ist das Ifo-Beschäftigungsbarometer wieder leicht gestiegen.
Der Indikator, der auf den Beschäftigungsabsichten von rund 9000 Unternehmen beruht und monatlich exklusiv für das Handelsblatt berechnet wird, rangiert im April bei 102,8 Punkten – nach 102,1 Zählern im März.
„Die hohe Unsicherheit in der Wirtschaft durch den Angriff Russlands auf die Ukraine scheint keinen nachhaltigen Einfluss auf die Personalplanungen zu haben“, kommentierte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe die Daten. „Die Beschäftigung wird in Deutschland weiter steigen.“
Zurückhaltend bei Einstellungen zeigt sich aber nach wie vor die Industrie. Der entsprechende Teilindikator ist nach dem Allzeithoch im Februar nun den zweiten Monat in Folge gesunken. Laut Wohlrabe lässt vor allem die energieintensive Industrie Vorsicht bei ihren Personalplanungen walten. Ursachen dürften hier die Rekordpreise für Energie und die Sorge vor möglichen Versorgungsengpässen durch ein Gasembargo sein.
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Deutlich zugenommen hat die Einstellungsbereitschaft bei den Dienstleistern. Hier könnten die weiteren Lockerungen der Corona-Einschränkungen eine Rolle spielen. Laut Ifo sucht vor allem die IT-Branche weiter neue Mitarbeiter.
Der Handel und das Bauhauptgewerbe zeigen schon seit einigen Monaten eine eher verhaltene Einstellungsbereitschaft. Während sie bei den Händlern im April im Vergleich zum Vormonat wieder leicht gestiegen ist, geben sich die Baufirmen etwas zurückhaltender.
Allerdings sind auch sie weiter auf der Suche nach neuen Mitarbeitern. Der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau), Robert Feiger, wies am Mittwoch zum Auftakt des Bündnisses für bezahlbares Wohnen darauf hin, dass laut Bundesagentur für Arbeit (BA) im März allein im Hoch- und Tiefbau rund 10.000 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden konnten – eine Steigerung zum Vorjahr um 5,2 Prozent.
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Ohne genügend qualifizierte Beschäftigte, die neue Häuser und Wohnungen bauen könnten, nützten alle Anstrengungen nichts, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, sagte Feiger. Deshalb müsse es bei dem von Bauministerin Klara Geywitz (SPD) ins Leben gerufenen Bündnis unbedingt auch um die Arbeits- und Fachkräftegewinnung gehen.
Vor einem Fachkräftemangel im Heizungs-, Sanitär-, Klima-, Elektro-, Metall- und Tischlerhandwerk warnten am Mittwoch auch die Zentralverbände der Branchen und die IG Metall. Bei den 19,2 Millionen Wohngebäuden in Deutschland gebe es einen „Sanierungsstau, der die Klimaziele im Gebäudesektor bedroht“, sagte das geschäftsführende IG-Metall-Vorstandsmitglied Ralf Kutzner.
Allein um den Stau aufzulösen, fehlten bis zu 190.000 Fachkräfte im Handwerk. Weitere Bedarfe ergäben sich durch die Wohnungsbauoffensive der Regierung oder den geplanten Aufbau der Ladeinfrastruktur für Elektroautos.
In einer gemeinsamen Erklärung zur energetischen Gebäudesanierung richten die Sozialpartner fünf konkrete Forderungen an die Bundesregierung, darunter eine Stärkung der Berufsschulen und der anderen Bildungseinrichtungen des Handwerks und eine bessere Tarifbindung, um die Handwerksberufe attraktiver zu machen und Nachwuchskräfte zu gewinnen.
„Wir unterstützen die Klimaziele der Bundesregierung, sagen aber gleichzeitig: Ohne ausreichende Fachkräfte in den klimarelevanten Handwerken wird es nicht gehen“, sagte der Präsident des Zentralverbands Sanitär-Heizung-Klima (ZVSHK), Michael Hilpert. Man brauche gezielte Unterstützung der Politik, um „die erforderlichen Personalkapazitäten aufzubauen und zu sichern“.