Berufswahl: Warum wir den Girls’ Day brauchen – und auch einen Boys’ Day
Am Girls’ Day erhalten Mädchen vielerorts wertvolle Einblicke in Berufe, auch im Ford-Werk in Saarlouis.
Foto: obsErst war es der Baggerfahrer, dann der Feuerwehrmann, die faszinierten. Nun – nach den drei schönen ersten (Grund-)Schuljahren – möchte unser neunjähriger Sohn gern Lehrer werden. Ich bin mal gespannt, wie lange dieser Berufswunsch noch anhält.
Es ist wirklich keine intellektuelle Leistung zu erkennen, dass Kinder das werden möchten, was sie in ihrem Umfeld erleben. Das sind zunächst einmal Berufe aus Bilderbüchern und dem Alltag wie Baggerfahrer*in, Feuerwehrmann/frau, Doktor*in, Lehrer*in, Polizist*in. Um dieses Feld zu erweitern, ist es deshalb so wichtig und richtig, Kinder möglichst früh im Rahmen von Berufsinformationstagen mit verschiedenen Berufen zu konfrontieren. Nur so können sie herausfinden, was ihren Fähigkeiten entspricht und woran sie Spaß haben.
Denn: Die Berufswahl ist neben der Partnerwahl die wohl wichtigste Entscheidung, die ein junger Mensch treffen muss. Und selbst wenn sie erst mit 20 Jahren ins aktive Berufsleben starten, erwartet die Kinder von heute ein halbes Jahrhundert Berufstätigkeit.
Die Berufswahl sollte deshalb nicht dem Zufall oder der Intuition überlassen sein – häufig gesteuert von unterbewussten Klischees oder Vorbildern in der Familie: Werde doch Automechaniker wie der Papa oder Erzieherin wie die Mama. Kinder sollten ihre eigene Karriere machen dürfen – unabhängig übrigens nicht nur von ihrem Geschlecht, sondern auch von ihrer sozialen Herkunft.
Doch das ist in Deutschland lange noch nicht der Fall: Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums gibt es mehr als 330 duale Ausbildungsberufe in Deutschland. Aber noch immer entscheidet sich mehr als die Hälfte der Mädchen für eine Ausbildung in einem der zehn unter Frauen beliebtesten Berufe – darunter ist kein einziger gewerblich-technisch.
Girls’ Day: Mädchen wählen bisher selten technische Berufe
Das Gleiche gilt für die Jungs: Mehr als die Hälfte von ihnen wählt einen der zwanzig bei Männern populärsten Ausbildungsberufe. Und es entscheidet kein Aspekt mehr als der darüber, ob ein Kind Abitur macht und studiert, als die soziale Herkunft und der Bildungsstand der Eltern, also ob Mama oder Papa das auch schon geschafft haben.
Und deshalb ist dieser Girls’ Day und Boys’ Day so wichtig. Der entscheidende Rohstoff der deutschen Wirtschaft sind schließlich unsere Köpfe und Hände, die Menschen, die Mitarbeiter. Und dass sich diese Berufstätigen von morgen und übermorgen an Althergebrachtem und Klischees orientieren, können wir uns im besten Sinne des Wortes nicht leisten.
Girls’ Day im Jahr 2022 in Deutschland oft wieder vor Ort
Denn wie sagte schon Apple-Gründer Steve Jobs: „Finde, was du liebst. Das gilt sowohl für die Liebe als auch für die Arbeit. Und der einzige Weg, um wirklich zufrieden zu sein, ist, etwas zu tun, von dem du überzeugt bist, dass es eine großartige Arbeit ist.“
Und das Beste an diesem Tag des Jahres 2022 ist übrigens: Er findet häufig wieder vor Ort statt. Das war in den vergangenen beiden Jahren wegen der Pandemie nicht möglich. Der Besuch einer Autowerkstatt, Bäckerei, Fabrik oder eines Krankenhauses, Planungsbüros, Marktplatzes ist wohl durch kein Onlinemeeting und keine Erzählung zu ersetzen.