Ukraine-Krieg: Ukrainische Superreiche und der Krieg: Einst „König des Donbass“ und Selenski-Widersacher – und jetzt?
Der Unternehmer ist einer der reichsten Männer der Ukraine. Jetzt hat er sich sich ins Ausland abgesetzt.
Foto: dpaBerlin. Rinat Achmetow ist kein Mann, der die Öffentlichkeit sucht, doch jeder Ukrainer kennt ihn. Er war einmal – und vielleicht ist er es noch, niemand weiß das in diesen Kriegstagen – der reichste Mann des Landes. Auf 16 Milliarden Dollar wurde sein Vermögen geschätzt, der 55-Jährige war der „König des Donbass“.
Schon bevor am 24. Februar der Krieg ausbrach, hatte sich Achmetow im Privatjet ins Ausland abgesetzt. Inzwischen erklärt er selbst, er sei zurückgekehrt an einen Ort in der Ukraine, den er geheim hält. Auch andere ukrainische Superreiche sind geflohen oder abgetaucht, was den Kommentator der Zeitung „Ukrainska Prawda“ wenige Tage nach Beginn der Kämpfe zu der Frage veranlasste: „Hatten sie etwa Informationen, die die anderen 40 Millionen Ukrainer nicht haben?“
Die Zeitung fand es auffällig, dass die Milliardäre zum Krieg anfangs schwiegen, und wandte sich mit drei Fragen an die Superreichen: Halten Sie Putin für einen Aggressor? Haben Sie geschäftliche Interessen in Russland? Wie unterstützen Sie die ukrainische Armee? Die meisten antworteten auf die erste Frage mit einem klaren Ja, auf die zweite mit einem ebenso klaren Nein. Bei der dritten Frage kamen oft nur vage Antworten. Achmetow antwortete: Er tue vieles über seine Stiftungen.
Putin ist Patenonkel von Medwedtschuks Tochter – doch helfen will er ihm nicht
Andere, deren Nähe zu Russland schon seit vielen Jahren bekannt ist, antworteten nicht. Schweigend abgetaucht ist beispielsweise Ihor Kolomojskyj, der viele Jahre den Finanzsektor der Ukraine kontrollierte. Ihm habe, so hieß es lange, Wolodimir Selenski die Präsidentschaft zu verdanken.
Tatsache ist: Kolomojskyjs TV-Sender haben dem Schauspieler vor allem mit der Serie „Diener des Volkes“ seine große Popularität verschafft. Doch Selenski hat den Verdacht immer zurückgewiesen, er sei eine Marionette des Milliardärs.
Oksana Marchenko, Ehefrau des prorussischen Politikers Medwedtschuk, spricht zu den Medien: Im Hintergrund ist ein Monitor mit Bildern ihres Mannes zu sehen, der nach seiner Festnahme in der Ukraine mit Handschellen abgeführt wurde.
Foto: dpaIn Haft sitzt inzwischen Viktor Medwedtschuk, der wohl engste Vertraute des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Ukraine. Der Mann im Kreml ist der Patenonkel von Medwedtschuks Tochter.
Zu den Merkwürdigkeiten der ukrainischen Demokratie gehört es, dass Medwedtschuk schon seit der Krim-Annexion 2014 auf westlichen Sanktionslisten steht. In seiner Heimat konnte er jedoch noch lange unbehelligt als einer der Oppositionsführer prorussische Politik und als Medienunternehmer prorussische Propaganda betreiben.
Jetzt will die Ukraine Medwedtschuk gegen eigene Soldaten austauschen. Doch Putin will ihn offensichtlich nicht. Sein Sprecher Dmitri Peskow erklärte in einer ersten Reaktion, der vormalige Putin-Vertraute sei kein russischer Staatsbürger.
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Die russischen Angreifer legten das Stahlwerk Azowstal, dessen Hauptaktionär Achmetow ist, inzwischen mit Raketen und schwerer Artillerie in Schutt und Asche. Doch in dem unübersichtlichen Gelände verteidigen sich noch immer ukrainische Soldaten.
Er sei stolz, sagte Achmetow jetzt einer französischen Zeitung, dass Azowstal zum Bollwerk des Widerstandes geworden sei, und er sei überzeugt, dass die Verteidiger standhielten. Für ihre Tragödie trage Russland die Schuld, er werde Moskau auf Reparationszahlungen verklagen. Zuvor hatte der von Russland eingesetzte „Bürgermeister“ von Mariupol erklärt, Azowstal solle nicht wieder aufgebaut werden.
Der Oligarch Achmetow, ein ukrainischer Patriot? Das Handeln des Milliardärs wirft Fragen auf. Einige sagen, er hätte vor acht Jahren nach der Maidan-Revolution möglicherweise die Macht gehabt, die separatistische Bewegung im Osten der Ukraine im Keim zu ersticken.
Achmetow finanzierte eine Kampagne gegen Selenskyjs Gesetz
Ihm gehörten dort nicht nur die Unternehmen, sondern auch praktisch die gesamte Politik. Der damalige deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier mochte das im Sinn gehabt haben, als er im März 2014 extra nach Donezk reiste. Er habe sich bei denen über ihre Positionen informieren wollen, die „wirtschaftlich und politisch hier das Sagen haben“, erklärte Steinmeier damals.
Doch nachdem Achmetow kurz seine Verachtung für die „Hochstapler“, wie er sagte, erkennen ließ und Autokorsos gegen die Abspaltung organisierte, wirkte er unentschlossen. Die politischen Wirren wurden von seinem Interesse überlagert, dass die Geschäfte weitergingen. Und dafür sorgte die prorussische Verwaltung schlecht und recht.
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Unmittelbar vor dem Krieg war der Milliardär einer der einflussreichsten Widersacher Selenskis. Das Staatsoberhaupt hatte im Herbst vergangenen Jahres ein Gesetz auf den Weg gebracht, das den Einfluss der Oligarchen auf die Politik stark einschränkt. Es sieht die Schaffung eines Registers für die Milliardäre vor.
Diese dürfen keine Parteien unterstützen, nicht an Privatisierungen teilnehmen und müssen Vermögenswerte offenlegen. Achmetow finanzierte eine Medienkampagne gegen das Gesetz.
Es ist keine „Lex Achmetow“, aber er ist gewissermaßen der Prototyp für die von dieser Regelung betroffenen Personen: Nach dem Ende der Sowjetunion waren sie durch oftmals illegale Machenschaften zu unverschämtem Reichtum gelangt und hatten einen Großteil davon ins Ausland gebracht.
Gegen Strafverfolgung sicherte sie ein Sitz im Parlament oder großzügiges „Sponsoring“ der Staatsanwaltschaft. Das Gesetz Selenskis hätte, konsequent durchgesetzt, die Macht der Oligarchen womöglich gebrochen. Doch es blieben nur wenige Monate, dann überzog Putin das Land mit Krieg. Welchen Platz Achmetow und die anderen Milliardäre danach einnehmen werden, ist offen.