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Ukraine-Krieg„Hier ist jetzt für immer Russland“ – Versuch der Russifizierung in den besetzten Gebieten

Heute tritt Kremlchef Wladimir Putin bei den Feiern des 9. Mai auf. Am „Tag des Sieges“ will Russland Fakten schaffen in der Ukraine – durch Angriffe, aber auch durch Verwaltungsdekrete.Mathias Brüggmann 09.05.2022 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Die Menschen in Cherson protestieren gegen ihre Besatzer.

Foto: dpa

Berlin. Rentenzahlungen gibt es in den Dörfern um die südukrainische Stadt Cherson nur noch in Rubel. Und in den Geschäften sind die Preise in russischer Währung und in ukrainischen Hrywnja ausgezeichnet. Russland versucht mit aller Macht, die seit dem Überfall am 24. Februar eroberten Gebiete zu russifizieren.

Rückblick: Es war ein denkwürdiger Augenblick für Cherson. Ende April fiel in der Stadt am Schwarzen Meer plötzlich die Verbindung aller Mobiltelefone aus, brachen die Internetanschlüsse zusammen. Kurz darauf wurden russische Radio- und Fernsehkanäle in dem Verwaltungsbezirk nordwestlich der von Russland annektierten Halbinsel Krim ausgestrahlt.

Russland, so berichteten Einheimische, habe sie komplett von ukrainischen Informationen abgeschnitten, man bereite ein „Referendum“ über die Unabhängigkeit des Gebiets Cherson von der Ukraine und für einen Anschluss an die Russische Föderation vor. Doch geschehen ist dies bisher nicht – der „unzufriedenstellende Kriegsverlauf“ habe zur Verschiebung der Pläne geführt, berichtete das russische Exil-Internetmagazin „Meduza“ unter Berufung auf drei Quellen im Kreml.

Denn die ukrainische Armee hat den Kampf um das teilweise eroberte Gebiet Cherson noch nicht aufgegeben: „Russland will jede Stadt im Osten der Ukraine okkupieren oder, wenn das nicht gelingt, zerstören“, sagt Michailo Podoljak, Berater von Präsident Wolodimir Selenski. Kiew werde nicht tatenlos zusehen, sondern „alle okkupierten Gebiete zurückerobern“. Und so berichteten Einwohner von Cherson am Wochenende von immer neuen Einschlägen aus umliegenden Gegenden.

Russland lässt nichts unversucht, vor den von Kremlherrscher Wladimir Putin mit Pomp geplanten Feierlichkeiten am 9. Mai noch weitere Teile des Donbass oder Bereiche im Süden der Ukraine einzunehmen. Bei einer Militärparade sollen 11.000 Soldaten über den Roten Platz marschieren, gefolgt von Hunderten Einheiten Militärtechnik und schweren Armee-Lkws mit Atomraketen.

Wladimir Putin will – wie hier vor zwei Jahren – die Militärparade besuchen.

Foto: AP

Über dem Kreml sollen sich nach den zuvor bekannt gewordenen Planungen acht MiG-29SMT Kampfjets zu einem „Z“ formieren und den Platz überfliegen. „Z“ ist das Symbol für Russlands Krieg, den Putin als „Entnazifizierung“ der Ukraine ausgibt. Das „Z“ hatte allerdings auch schon die durch Gräueltaten bekannt gewordene 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division als Abzeichen.

Der ukrainische Kampfgeist ist ungebrochen

Die russische Armee setzte das ganze Wochenende über ihren Beschuss im Gebiet des Donbass im Osten der Ukraine fort. Vor allem das von ukrainischen Einheiten gehaltene Stahlwerk Asowstal in der ansonsten von russischen Einheiten eingenommenen Hafenstadt Mariupol war Ziel schwerer Bombenangriffe.

Die im belagerten Stahlwerk Asowstal eingeschlossenen ukrainischen Kämpfer wollen ihren Widerstand notfalls bis zum bitteren Ende fortsetzen. „Wir werden weiter kämpfen, solange wir leben, um die russischen Besatzer zurückzuschlagen“, sagte Hauptmann Swjatoslaw Palamar, stellvertretender Kommandeur des ukrainischen Asow-Regiments, in einer online übertragenen Pressekonferenz. „Wir haben nicht viel Zeit, wir stehen unter starkem Beschuss“, sagte er und bat die internationale Gemeinschaft um Hilfe bei der Evakuierung verwundeter Soldaten und verbliebener Zivilisten.

Bei Angriffen auf Dörfer im Donbass sollen nach Angaben des Gouverneurs der ostukrainischen Region Luhansk 60 Menschen getötet worden sein, die sich in der Schule des Dorfs Bilohoriwka in Sicherheit bringen wollten. Von 90 dorthin geflüchteten Menschen hätten bisher nur 30, teilweise schwer verletzt, gerettet werden können.

Foto: Handelsblatt

Aus der ostukrainischen Stadt Popasna in der Region Luhansk hat sich die ukrainische Armee in zuvor gebaute, besser gesicherte Stellungen weiter westlich zurückgezogen. Die Stadt sei in russische Hände gefallen, berichteten Moskauer Militärs.

Die Region Cherson bleibt umkämpft

Ein Berater von Präsident Selenski teilte allerdings in den sozialen Medien mit, die Kämpfe gingen weiter: „Russische Propagandisten haben freudig berichtet, dass sie die Stadt bereits eingenommen haben, aber das ist nicht ganz richtig. Dies ist die 117. ‚Einnahme von Popasna‘, die sie allein in dieser Woche behauptet haben.“

Ebenso widersprüchlich ist die Lage in Cherson, das russische Truppen bereits am 2. März eingenommen hatten. Aber die Einwohner leisteten heftigen Widerstand mit immer neuen Demonstrationen unter der Losung „Cherson ist ukrainisch“.

Erst am 25. April konnten russische Einheiten die Stadt- und Gebietsverwaltung einnehmen und den Bürgermeister und Gouverneur der Provinz durch prorussische Politiker austauschen – Funktionäre, die den Einwohnern teilweise vollkommen unbekannt seien und nicht aus Cherson stammten, wie eine ukrainische Journalistin dem Handelsblatt berichtete, die namentlich nicht genannt werden wollte.

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Eine Beraterin des durch die Annexion abgesetzten Präsidenten der angrenzenden Krim, Tamila Taschewa, erhebt schwere Vorwürfe. Im Gebiet Cherson würden rund 500 Menschen durch russische Okkupationskräfte gefangen gehalten und gefoltert.

Das sei das gleiche Szenario wie bei der Krim-Eroberung 2014: „Erst kamen die russischen Militärs, dann wurden alle ukrainischen Informationsquellen abgeschaltet, dann wurden Menschen, die führend im Widerstand gegen Russland auftraten, verschleppt, und dann wurde ein sogenanntes Referendum abgehalten.“ Mit dem wurde der Anschluss der Krim an Russland besiegelt.

Und auch jetzt plane Moskau Referenden in den selbst ausgerufenen „Volksrepubliken“ Donezk (DNR) und Luhansk (LNR) sowie in einer noch zu erklärenden „Volksrepublik Cherson“, sagte der Vertreter der USA bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Michael Carpenter. Dies deckt sich mit Geheimdiensterkenntnissen anderer Länder. Demnach sollen in der LNR und DNR bis 15. Mai Referenden über einen Anschluss an Russland abgehalten werden.

„Eine sogenannte ,Volksrepublik Cherson‘ wird es nicht geben“, kündigte indes Selenskis Berater Podoljak an. Das Gebiet werde zurückerobert.

Dagegen erklärte der Generalsekretär von Putins Partei „Einheitliches Russland“, Andrej Turtschak, bei einem Besuch in Cherson am 6. Mai: „Hier ist jetzt für immer Russland.“ Jeder dort Lebende könne schon jetzt einen russischen Pass bekommen.

Bis Mitte des Monats müssten sich auch alle im Gebiet Cherson registrierten Unternehmen ins russische Firmenregister eintragen, sonst würden sie enteignet und unter Verwaltung der neuen, von Russland eingesetzten Führung gestellt, berichteten Einwohner Chersons.

„Die Lage in der Stadt ist aber nicht so gut, wie offiziell dargestellt“, räumte Gennadi Schelstenko ein, der aus Cherson für die russische Website „Politnavigator“ berichtet. So würden die meisten Einwohner nicht zur Arbeit gehen, da sie nicht für die Okkupationskräfte arbeiten wollten. Vor Banken komme es zu langen Schlangen, die Menschen fürchteten, dass sie ihre Renten nicht mehr bekämen.

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Auch ist es der Ukraine laut Berichten der entsprechenden Telekommunikationsfirmen gelungen, die unterbrochenen Mobilfunk- und Internetverbindungen wieder zu installieren. Und in der Hafenstadt Odessa wurden Klassen eingerichtet, in denen die aus Cherson geflohenen Kinder unterrichtet werden.

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