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Null-Covid-PolitikWarum Chinas Ruf als Innovationsstandort massiv leidet

Europäische Firmen nutzen den chinesischen Markt, um Produkte für die Welt zu entwickeln – doch das könnte sich ändern. Auch Forschung und Entwicklung sind in Gefahr.Sabine Gusbeth 08.06.2022 - 16:46 Uhr Artikel anhören

Unternehmen aus der Auto-Branche engagieren sich voll in China.

Foto: dpa

Peking. Eigentlich hatte sich China für ausländische Unternehmen in den vergangenen Jahren zu einem immer wichtigeren Forschungs- und Entwicklungsstandort entwickelt – bis die Pandemie kam. Die Lockdowns, insbesondere die neunwöchige Abriegelung Schanghais, könnten ein „Gamechanger“ sein, sagte Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China, am Mittwoch bei der Vorlage einer Studie zur Rolle europäischer Unternehmen in Chinas Innovationssystem.

Einerseits verunsichere die neue Unberechenbarkeit Chinas ausländische Unternehmen generell, viele hätten ihre Investitionen auf Eis gelegt, erklärte Wuttke. Andererseits halten auch die chinesischen Konsumenten ihr Geld zusammen. Wenn aber die Einnahmen aus dem wichtigen Chinageschäft sinken, fehlt nicht nur Geld für die Forschung und Entwicklung vor Ort, sondern auch für die Forschungszentren der europäischen Unternehmen weltweit.

Für die Studie wurden 32 Unternehmen insbesondere aus den Branchen Auto, Chemie und Maschinenbau befragt, allerdings vor dem Lockdown in Schanghai und der russischen Invasion in der Ukraine. Bis zuletzt hatten viele europäische Firmen die chinesischen Niederlassungen zunehmend in ihre globalen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten eingebunden.

Als Vorteile Chinas galten dabei die große Zahl an Nachwuchskräften insbesondere im Technologiebereich, die Geschwindigkeit, mit der neue Technologien auf den Markt gebracht werden und das Potenzial, europäische Hardware mit chinesischer Softwareexpertise zu verknüpfen, wie die Befragung zeigt.

Kammer-Präsident Wuttke sieht neben dem Festhalten Pekings an der Null-Covid-Politik noch einen weiteren Aspekt, der Chinas Ruf als Entwicklungsstandort schadet. Die Sorge vor wechselseitigen Tech-Sanktionen zwischen den USA und China verunsichere ausländische Unternehmen, die in China forschen und entwickeln.

Unternehmen sorgen sich um die Sicherheit ihrer Daten

Hinzu kommen die zunehmenden regulatorischen Beschränkungen für den Austausch von Daten in China. Die Gesetze zur Daten- sowie Internetsicherheit schreiben die lokale Speicherung von in dem Land gewonnenen Daten vor und erschweren den Austausch. Laut Jacob Gunter, Forscher am China-Forschungsinstitut Merics, führt das dazu, dass ausländische Unternehmen „zunehmend die chinesischen Aktivitäten von den globalen Aktivitäten“ entflechten. Das Institut hat die am Mittwoch vorgestellte Studie zusammen mit der EU-Kammer durchgeführt.

Eine weitere Folge sei, dass in China zwar viel Entwicklung, aber wenig Forschung stattfinde, sagte Kammer-Präsident Wuttke. So würden zwar Produkte in China für China sowie für globale Märkte entwickelt. Die Grundlagenforschung betreiben Unternehmen dagegen an Standorten, an denen ihre Daten besser geschützt sind und der Austausch mit anderen Forschungszentren einfacher sei. „China schadet sich damit selbst“, warnte er.

Merics-Experte Gunter ist überzeugt, dass aufgrund der Bedeutung des chinesischen Marktes dennoch weiterhin Forschung und Entwicklung in dem Land betrieben werden. Für Unternehmen aus der Auto- und Chemieindustrie sowie dem Maschinenbau, bei denen der Technologievorsprung gegenüber chinesischen Konkurrenten noch groß sei, werde in China nach wie vor „der rote Teppich ausgerollt“, sagte er.

Es gebe aber ein „strategisches Risiko des Empowering“, warnte Gunter. Die vorteilhafte Behandlung gelte oft nur so lange, bis lokale Wettbewerber auf- oder sogar überholt hätten. Wenn der Vorsprung schrumpfe, würden ausländische Wettbewerber zunehmend aus dem Markt gedrängt.

Sobald ausländische Unternehmen keinen Technologievorsprung mehr haben, endet ihre Bevorzugung.

Foto: AP

Europäische Unternehmen müssten sich zudem bewusst sein, dass sie mit den chinesischen Konkurrenten dann nicht nur in China im Wettbewerb stünden, sondern zunehmend auch in anderen Märkten, sagte Gunter. Sie sollten sich deshalb genau überlegen, welche Technologien sie nach China bringen – und dadurch einen Wissenstransfer riskieren. Einige Firmen würden etwa die Strategie verfolgen, nicht die neuesten Technologien in China zu verkaufen und die dortigen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen mit weniger sensiblen Projekten zu betrauen.

Mehr Handelsblatt-Artikel zu Chinas Covid-Politik:

Leidvoll erfahren mussten das Unternehmen aus den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnologie. Weil heimische Wettbewerber wie Huawei und ZTE dort bereits Weltspitze sind, ist der chinesische Markt für ausländische Anbieter zunehmend schwierig. Auch die Untersuchung von der EU-Kammer und Merics kommt zu dem Ergebnis, dass eine Beteiligung an Chinas Innovationssystem nicht für alle Unternehmen die richtige Strategie sei.

Angesprochen auf die Debatte über eine zu große Abhängigkeit Europas von China warnte Kammerpräsident Wuttke vor einer Entkoppelung. „Mit Russland haben wir eine Energiepipeline, aber mit China haben wir eine Wissenspipeline und eine Kapitalflusspipeline.“ Indem europäische Unternehmen in China tätig und innovativ seien, unterstützten sie nicht nur China, sondern auch sich selbst.

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Es gehe nicht um eine Reduzierung, sondern um eine Rekalibrierung der Aktivitäten europäischer Unternehmen in China, ergänzte Merics-Direktor Mikko Huotari. Er ist überzeugt, dass europäische Unternehmen weiterhin ihre Präsenz in China erhöhen werden, sie aber dabei künftig vorsichtiger und selektiver sein sollten. Sie müssten sich mehr Gedanken darüber machen, welche Technologien sie in China erforschten und entwickelten – und ob das Know-how im Zweifelsfall beispielsweise durch einen militärischen Einsatz missbraucht werden könnte.

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