Treffen in Elmau: Scholz’ Goldjunge: Wie Staatssekretär Kukies den G7-Gipfel für den Kanzler zum Erfolg machen will
Der Staatssekretär ist einer der engsten Vertrauten des Kanzlers.
Foto: dpaBerlin. Jörg Kukies tippt auf seinem Handy, die Wetterapp öffnet sich. Der Staatssekretär aus dem Kanzleramt verzieht das Gesicht und zeigt den Bildschirm seines Mobiltelefons. Für die bayerische Gemeinde „Krün“ verzeichnet die Vorhersage für die kommenden Tage nur Regenwolken und Gewitterblitze. Keine guten Aussichten für Kukies und seinen Chef, Kanzler Olaf Scholz (SPD).
Von Sonntag bis Dienstag werden sich die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrieländer (G7) auf Schloss Elmau in Krün treffen, einem Luxushotel in den Alpen. Kukies ist Scholz’ Sherpa und damit so etwas wie der politische Cheforganisator des Gipfels. Nur das Wetter, das dem Kanzler schöne Fotos mit den Mächtigen der Welt vor dem Bergpanorama ermöglichen soll, das kann auch Kukies nicht beeinflussen. Ansonsten gibt der 54-Jährige in diesen Tagen und Nächten alles, damit das Treffen für Gastgeber Scholz ein Erfolg wird.
Während Kanzler Scholz am Dienstagabend bei der traditionellen Spargelfahrt des SPD-Wirtschaftsflügels über den Wannsee schippert, arbeitet Kukies bis nachts in seinem Büro im Kanzleramt, telefoniert, mailt und simst, um das Kommuniqué für den Gipfel vorzubereiten. Tagsüber saß er schon zwei Stunden in einer Videokonferenz mit seinen Kollegen aus den anderen G7-Staaten. Am Abend geht es weiter. Die Spargelfahrt musste er wegen des Arbeitspensums kurz zuvor absagen.
Ein Großteil der Abschlusserklärung ist mittlerweile geeint, doch der Sherpa weiß, dass die wenigen umstrittenen Stellen in dem Papier am Ende die meiste Zeit und die meisten Nerven kosten. Mit einer Einigung wird erst gegen Ende des G7-Gipfels gerechnet – bis zuletzt wurde etwa um das Kapitel zur Energiepolitik gerungen.
Ukraine, Klimaklub und Stagflationsgefahr bestimmen den Gipfel
Der G7-Gipfel in Elmau findet in einer historischen weltpolitischen Lage statt. Russlands Krieg hat alles verändert. Deshalb wird es auch in Elmau vor allem um die Ukraine und Russland gehen. „Die G7 will eine Selbstverpflichtung für den künftigen Wiederaufbau der Ukraine abgeben und damit ein Signal der Solidarität nach Kiew senden“, sagt Kukies.
Gleichzeitig versucht Scholz in Elmau, eine Allianz der globalen Demokratien zu schmieden. Er hat auch Indien, Indonesien, Südafrika und Senegal als Gaststaaten eingeladen. Das ist gleichfalls ein Signal an die Gruppe der G20, die nach der Finanzkrise eine wichtige Rolle spielte. „Wir dürfen die Bühne der G20 nicht Russland überlassen“, sagt Kukies. „Das wäre der größte Fehler, den man machen könnte.“
Zudem will Scholz in Elmau Erfolge bei der Gründung eines internationalen Klimaklubs im Kampf gegen den Klimawandel vorweisen. Den Vorschlag hatte er noch als Finanzminister unterbreitet.
„Der Klimaklub darf nicht nur ein Schlagwort sein, wir müssen in der Sache Fortschritte machen“, sagt Kukies. Und alle diese Probleme müssen auch noch unter widrigsten Bedingungen gelöst werden. Seit dem letzten G7-Gipfel ist das Wachstum in den Industriestaaten kollabiert, die Inflation explodiert.
Kukies reiste bereits am Freitag direkt aus Brüssel vom EU-Gipfel nach München. Wegen der vielen Streiks in Belgien hatte er sich zur Sicherheit neben Flug und Zug einen Mietwagen reserviert. Der Staatssekretär will auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.
Der Wirtschaftswissenschaftler ist neben Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt und Regierungssprecher Steffen Hebestreit der wichtigste Scholz-Vertraute. Für ihn hat Scholz im Kanzleramt eigens eine Stelle als Super-Staatssekretär geschaffen, Kukies ist sowohl für die Europa- als auch die Wirtschaftsabteilung zuständig.
Wie Kukies für Scholz unverzichtbar wurde
Kukies hat schnell das Vertrauen von Scholz gewonnen, beide kennen sich erst seit 2018. Damals holte Scholz Kukies überraschend als Staatssekretär in das Bundesfinanzministerium. Die damalige SPD-Chefin Andrea Nahles hatte Kukies empfohlen. Der war zu der Zeit Co-Deutschlandchef von Goldman Sachs. Die US-Investmentbank genießt aber gerade bei vielen Sozialdemokraten keinen guten Ruf. Scholz war das egal. Genauso wie es Kukies egal war, als Beamter fortan deutlich weniger zu verdienen.
Der Investmentbanker sah die große Chance, an vorderster Stelle Politik mitgestalten zu können.
Kukies ist in einer SPD-Familie aufgewachsen. Der Vater war Elektroingenieur bei IBM, die Großmutter Arbeiterin in der Schellenmühle im Schwarzwald. In den 90er-Jahren war Kukies als Juso-Chef in Rheinland-Pfalz Vorgänger von Nahles. Die Aussicht, nun an entscheidender Stelle Politik mitzugestalten, reizte ihn. Bei ihrem ersten Gespräch, so erzählte es Kukies später einmal, habe es zwischen Scholz und ihm sofort Klick gemacht.
Der Fußballfan des FSV Mainz 05 erarbeitete sich im Finanzministerium schnell das Vertrauen seines Chefs. Er gilt als zahlen-, detail- und arbeitsversessen. Ein Ex-Kollege von Goldman Sachs erzählt, wie sich Kukies in seiner Zeit bei der Investmentbank jeden Freitagabend Hunderte Seiten Studien der Konjunkturabteilung ausdruckte, um diese am Wochenende durchzulesen – und das auch tatsächlich tat. „Der Kerl arbeitet noch mehr als ich“, sagte mal Kanzleramtschef Schmidt fassungslos über Kukies, und schon Schmidt schläft gefühlt nur zwei Stunden pro Tag.
Und so hieß es nach der gewonnenen Bundestagswahl aus dem Scholz-Umfeld sofort: Kukies sei im Kanzleramt gesetzt. In der Europapolitik kennt sich der Ökonom durch seine Tätigkeit im Finanzministerium ohnehin aus, zudem verfügt er über ein etabliertes Netzwerk in der deutschen Wirtschaft. Auch das internationale Geschäft ist ihm durch die Zeit als Europa-Staatssekretär vertraut. Nun betreibt er es eine Hierarchieebene höher.
Im vergangenen halben Jahr hat Kukies alle anderen Sherpas der G7-Regierungschefs persönlich getroffen. Auch das war ein Teil seiner Vorbereitung auf die deutsche G7-Präsidentschaft und den Gipfel in Elmau. Zudem hat er sich mit seinem Vorgänger, Angela Merkels Berater Lars-Hendrik Röller, ausgetauscht.
Mit dem Gipfel in Elmau ist Scholz’ Sherpa gleich zu Beginn seiner Amtszeit voll gefordert, zumal das Tagesgeschäft parallel auf Hochtouren weiterläuft. Wie schon zuvor im Finanzministerium beim Aufspannen des Rettungsschirms für die Wirtschaft profitiert Scholz nun im Ukrainekrieg von Kukies tiefem Finanzmarkt-Verständnis.
So hat Kukies die Russlandsanktionen entscheidend mitverhandelt und vorbereitet und sich zuletzt darum gekümmert, deutsche Tochterunternehmen vom russischen Gazprom-Konzern abzuspalten, um die Energiesicherheit zu gewährleisten. Doch das sind Probleme, die auf ihn warten, wenn er aus Elmau zurück nach Berlin kommt. Ruhig wird es auch nach dem Gipfel nicht.