1. Startseite
  2. Meinung
  3. Morning Briefing
  4. Handelsblatt Morning Briefing von Christian Rickens

Morning BriefingAbwehrbereit: Nato stockt die Eingreiftruppen auf

Christian Rickens 28.06.2022 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

der Gipfel-Triathlon (EU, G7, Nato) nähert sich seiner zweiten Wechselstation, was im Sport bedeuten würde: runter vom Rennrad, auf zum finalen Marathon. In der Politik bedeutet es: raus aus dem Schlosshotel, rein in den Regierungsflieger. Der G7-Gipfel geht am Dienstag mit einer G4-Runde (Olaf Scholz/D, Joe Biden/US, Boris Johnson/UK, Emmanuel Macron/F) zu Ende. Was im „Luxury Spa Retreat & Cultural Hideaway“ (Selbstbeschreibung von Schloss Elmau) gestern so alles beschlossen wurde und wo es bei blumigen Absichtserklärungen blieb, lesen Sie in unserem Bericht.

Zugleich läuten die ersten Meldungen bereits das Nato-Treffen in Madrid ein, das heute Abend beginnt. Die vielleicht wichtigste Nachricht: Die Nato will vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs die Zahl ihrer schnellen Eingreifkräfte drastisch von rund 40.000 auf mehr als 300.000 erhöhen. Wie Generalsekretär Jens Stoltenberg ankündigte, soll dazu die Nato-Eingreiftruppe NRF umgebaut werden. Die ist wegen der Spannungen mit Russland seit mehreren Monaten in Alarmbereitschaft. 

Erhebliche Auswirkungen hätte diese Reform auch auf das Bundeswehr-Kontingent in Litauen. Sollte der Streit mit Russland um den Transitkorridor nach Kaliningrad eskalieren, stünden diese deutschen Soldatinnen und Soldaten an vorderster Front. Handelsblatt-Sonderkorrespondentin Mareike Müller hat die Truppe in Litauen im Manöver besucht.
Fazit: Stimmung gut, Ausrüstung geht so, Mücken gemeingefährlich.

Im Vorfeld des Nato-Gipfels ist ein Konflikt darüber entbrannt, wie die Staaten des Militärbündnisses künftig mit China umgehen sollten. Die Fronten, gut getarnt durch Vertraulichkeitsstempel und diplomatische Verbindlichkeit, verlaufen zwischen Washington und Berlin.

Die US-Position: Moskau und Peking bilden eine neue Achse der Autokraten. Höchste Zeit für die Staaten des westlichen Bündnisses, auch gegenüber China auf Distanz zu gehen, sonst wird es ein ähnlich böses Erwachen geben wie im Fall der russischen Energielieferungen. Die Volksrepublik kauft Häfen in Europa, baut Autobahnen, beteiligt sich an europäischen High-Tech-Unternehmen, rüstet fast überall in der EU Mobilfunknetze aus – damit schafft sie Abhängigkeiten, die sich im Konfliktfall als Druckmittel nutzen lassen.

Foto: picture alliance / NurPhoto

Die Bundesregierung hingegen verfolge einen „differenzierten und nuancierten Ansatz, der auf der bisherigen Sprache der Nato aufbaut“, heißt es in Berlin. Jens Plötner, der Außenpolitikstratege von Kanzler Olaf Scholz, warnte bei seinem denkwürdigen Auftritt bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik vor kurzem sogar davor, einen „Antagonismus“ mit Peking „herbeizureden“ und „China und Russland in einen Topf zu schmeißen“.

Wir erkennen: Es ist ein Konflikt um die richtige China-Politik des Westens, dessen Ausgang die Welt langfristig sogar stärker prägen dürfte als der aktuelle Konflikt mit Russland.

Gerade schickt sich China an, in einer weiteren Zukunftsbranche eine Vormachtstellung zu erobern: beim grünen, also aus Ökostrom hergestellten Wasserstoff. Bislang führenden deutschen Herstellern wie Siemens und Thyssen-Krupp „droht mittelfristig ein ähnlicher Verdrängungswettbewerb wie in der Solarindustrie“, warnt Nis Grünberg vom China-Thinktank Merics. Das Forschungsinstitut veröffentlicht heute eine Studie zu Chinas Wasserstoffambitionen, die unserer Peking-Korrespondentin Sabine Gusbeth exklusiv vorab vorliegt.

Darin heißt es: Die Verlockung eines höheren Absatzes und der günstigeren Produktion in China hätten bereits mehrere europäische Hersteller von Elektrolysegeräten dazu verleitet, sich mit lokalen Anbietern zusammenzuschließen und in China zu fertigen. Zur Erinnerung: China ist auch deswegen in der Solarbranche so stark geworden, weil Deutschland und Europa ihre Technologien exportiert haben.

China selbst hat sich zum Ziel gesetzt, spätestens ab dem Jahr 2030 die CO2-Emissionen zu reduzieren und bis 2060 klimaneutral zu werden. Um das zu erreichen, setzt der größte Kohlendioxid-Emittent der Welt zunehmend auf Wasserstoff.

Und dann ist da noch das Comeback einer gar nicht mal so betagten Dame, die sich jäh ins Abseits geschoben sah und nun plötzlich wieder gefragt ist. Die Rede ist von der A380, dem größten Verkehrsflugzeug der Welt. Die Maschine ist je nach Lesart entweder unangefochtene Königin der Lüfte oder trinkfreudiges Symbol des technologischen Größenwahns.

Als die Lufthansa ihre A380-Flotte im Zuge des Coronaeinbruchs stilllegte, und Airbus kurz darauf die Produktion einstellte, hatte sich wohl niemand ausgemalt, was die Fluggesellschaft gestern verkündete: Die A380 kehrt zurück in die Kranichflotte. Die Gründe: Unerwarteter Ansturm auf Flugtickets und Lieferprobleme bei effizienteren, kleineren Jets.

Gerade die Passagiere auf den billigen Plätzen wird es freuen, denn das fliegende Doppelstock-Dickschiff bietet den Passagieren auch in der Economy Class unangefochten viel Platz.

Ich wünsche Ihnen einen Tag mit reichlich Ellenbogenfreiheit.

Herzliche Grüße
Ihr

Verwandte Themen
China
NATO
Russland
Olaf Scholz
Litauen
Europäische Union

Christian Rickens
Textchef Handelsblatt

Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren:

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt