1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kommentare
  4. Der Fall (von) Uniper zeigt, wie fragil die Energieversorgung ist

EditorialDer Fall (von) Uniper zeigt, wie fragil die Energieversorgung ist

Die Folgen der Gasmangel-Misere rücken näher und ziehen weitere Kreise in Deutschland. Jetzt steuert die Politik im Rekordtempo gegen. Doch reicht das?Kirsten Ludowig 08.07.2022 - 13:20 Uhr Artikel anhören

Kirsten Ludowig ist stellvertretende Chefredakteurin des Handelsblatts.

Foto: Max Brunnert für Handelsblatt

Deutschland im Juli 2022: Es ist Sommer, die Sonne scheint. In den ersten Bundesländern sind schon Ferien. Nach zwei Jahren Coronapandemie mit all ihren Entbehrungen ist die Sehnsucht nach Entspannung und Erholung groß. Wer will da an die dunkle Jahreszeit denken?

Wirtschaftsminister Robert Habeck kann noch so sehr zum Gassparen und Schnellduschen anhalten, die Verbraucherzentrale noch so sehr das „böse Erwachen“ im Winter prophezeien, die Industrie noch so sehr vor Produktionsstopps warnen: Deutschland ist ein Stück weit im Verdrängungsmodus. Zwar fragen sich alle, ob das Gas aus Russland bald ganz wegbleibt.

Aber die düsteren Gedanken, was das in den kommenden Monaten für die Wohnzimmer, Fabriken und Jobs in Deutschland bedeuten könnte, schieben viele weg. Das ist menschlich.

Aber nicht länger durchzuhalten. Die Folgen der Gasmangel-Misere rücken näher und ziehen weitere Kreise. Der Fall (von) Uniper hat gezeigt, wie fragil die Energieversorgung in Deutschland ist – und wie groß die Gefahr, dass der nächste Winter nicht nur teuer, sondern auch kalt wird.

Sollte es tatsächlich so kommen, dass es im Winter nicht genügend Gas für Verbraucher und Unternehmen gibt, dann würde die Bundesnetzagentur das knapp gewordene Gas zuteilen. Die Wirtschaft müsste zuerst verzichten. Private Haushalte sind bei Engpässen besonders geschützt, gewisse Einschränkungen könnte es jedoch auch für sie geben.

Uniper, der größte Gashändler Deutschlands und einer der größten Europas, braucht milliardenschwere Hilfe vom Staat. Bekommt er sie nicht, droht der Zusammenbruch – und zwar von großen Teilen des Systems, das Deutschland mit Gas versorgt. Insofern ist der Einstieg des Bundes alternativlos.

Zur bitteren Wahrheit gehört aber auch, dass sich Uniper leichtfertig an Russland gebunden hat. Gut die Hälfte der Gasimporte, auf die auch Hunderte Stadtwerke, Versorger und Firmen im Land angewiesen sind, stammt aus Russland. Ein klassisches Klumpenrisiko.

Ein solches hat nicht nur Uniper – sondern ganz Deutschland. In Angela Merkels 16-jähriger Amtszeit stieg der russische Anteil an der deutschen Gasversorgung von etwa 40 auf 55 Prozent. Trotz der Annexion der Krim, trotz des imperialistischen Gebarens von Wladimir Putin hat sich Deutschland seit 2015 sogar in eine noch größere Abhängigkeit begeben. Der Preis schien wichtiger als Versorgungssicherheit.

Staatliche Hilfen für Uniper an Bedingungen knüpfen

Nun wird im Rekordtempo gegengesteuert. Der Bundestag hat am späten Donnerstagabend beschlossen, staatliche Hilfen für angeschlagene Energiefirmen wie Uniper zu erleichtern. Zudem kann, wenn nötig, ein Umlagesystem eingerichtet werden, damit Preissprünge beim Gas gleichmäßiger an Kunden weitergegeben werden können.

Und auch bei Uniper muss der Bund darauf drängen, dass sich das Unternehmen möglichst schnell möglichst viel (Flüssig-)Gas aus unterschiedlichen Quellen und Ländern beschafft – Stichwort Diversifizierung – und sich stärker an der Energiewende beteiligt.

Dabei geht es nicht darum, dass die Politik im operativen Geschäft mitmischt. Der Staat ist selten der bessere Unternehmer. Aber er kann und muss seine Hilfen an Bedingungen knüpfen. Vielleicht fällt irgendwann sogar ein kleiner Gewinn ab. Mit dem Corona-Krisenfonds hat der Bund 2021 rund 104 Millionen Euro verdient.

Verwandte Themen
Erdgas
Deutschland
Russland
Wirtschaftspolitik

Doch erst mal müssen wir zusehen, dass wir irgendwie durch den Winter kommen.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt