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Morning Briefing Plus – Die WocheUniper-Rettung, Abgang des VW-Chefs, Arbeiterlosigkeit: Der Wochenrückblick des Chefredakteurs

Die deutsche Energiepolitik spaltet Europa bis heute. Deutschland rettet lieber den Atomausstieg und lässt dafür sogar die Braunkohlemeiler wieder anlaufen.Sebastian Matthes 23.07.2022 - 09:00 Uhr Artikel anhören

Düsseldorf. Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wenn es um Solidarität in Europa ging, dann spielte Deutschland bislang immer eine Rolle, die irgendwo zwischen sanftmütigem Mäzen und strengem großen Bruder schwankte. In der Eurokrise etwa maßregelte die Bundesregierung die hoch verschuldeten Länder Südeuropas mehrfach und wachte streng darüber, dass sich die Regierungen auch wirklich auf einem Reformkurs bewegten.

Diese Geschichte wiederholt sich gerade – nur mit einem Rollentausch: Statt Schulden-Rettungsschirme für Südeuropa müssen nun Gas-Rettungsprogramme für das wirtschaftlich stärkste EU-Land aufgespannt werden. Französische Ingenieure überlegen, wie sie künftig die Pumprichtung ihrer Gaspipelines umdrehen können, um Deutschland im Fall der Fälle beliefern zu können. Zugleich hofft Berlin, mehr Flüssiggas über die Häfen europäischer Nachbarn beziehen zu können. Und von deutscher Seite wurde auch schon ein erster Blick auf die vollen Gasspeicher in Polen geworfen.

Unterstützung kommt von der deutschen EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, die fordert, dass alle Mitgliedstaaten ihren Gasverbrauch um 15 Prozent senken. Doch das stößt auf massive Kritik. Besonders deutliche Worte fand die spanische Umweltministerin Teresa Ribera.

Es ist klar, wer gemeint ist: Die Bundesrepublik, die jahrelang auf billiges Pipelinegas setzte, während andere Länder in LNG-Häfen investierten.

Deutschlands Energiepolitik spaltet Europa – bis heute. Erdgas soll lieber aus den Niederlanden kommen als aus Deutschland, trotz Erdbebengefahr. Atomstrom? Lieber nicht, es sei denn, er wird aus Frankreich geliefert. Der einstige Klimastreber Deutschland rettet lieber den Atomausstieg als das Klima und lässt die Braunkohlekraftwerke wieder anlaufen.

Kein Wunder, dass sich der Rest Europas gerade etwas verwundert die Augen reibt.

Bleibt nur zu hoffen, dass nicht schon bald eine Troika aus Spanien, Frankreich und den Niederlanden über die Duschzeiten der Deutschen wacht, wie einst die Troika aus EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) über die Haushaltsplanung der Südeuropäer.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat

Viele Beobachter hatten mit der Personalie gerechnetund doch ist der Abgang von VW-Chef Herbert Diess ein Paukenschlag. Sieben Jahre war er im Konzern. Und schon mehrfach stand er kurz vor dem Rauswurf, zuletzt Anfang Dezember 2021, als er sich den Zorn der Arbeitnehmerseite zuzog, weil er den Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen am Stammsitz in Wolfsburg ins Spiel brachte. Das sei „ein glatter Rausschmiss, damit der Konzern wieder arbeitsfähig wird“, berichtet ein Insider. Sein Nachfolger ist nun Oliver Blume, der Chef der Sportwagen-Tochter Porsche, der wiederum in Personalunion Porsche-Chef bleiben soll. Eine heikle Mission, weil Blume gerade den Börsengang des Unternehmens vorbereitet. Mein Kollege Martin Buchenau hat ihn für Sie porträtiert.

Der „Lehman-Moment“ der europäischen Energiewirtschaft ist vorerst abgewendet: Die Bundesregierung hat sich auf ein Rettungspaket des strauchelnden Gashändlers Uniper geeinigt. Der Staat steigt mit 30 Prozent des Energieversorgers ein und will bei Bedarf noch einmal 7,7 Milliarden Euro zusätzlich drauflegen. Was das für die Branche bedeutet, erklärt unser Energieteam.

Es ist ein schwieriger Weg, der da hinter der EZB und ihrer Chefin Christine Lagarde liegt. Fast trotzig verschanzte sich die Leitung der Notenbank im Frankfurter EZB-Tower hinter den immer gleichen Begründungen für den Niedrigzinskurs.

Nun steuerte die EZB kräftig um. Nach elf Jahren erhöht die Notenbank erstmals die Leitzinsen. Diese Zinswende musste kommen - doch sie kommt zu spät, schreiben Jan Mallien und Frank Wiebe im großen Wochenend-Report. Die späte Wende führt Europa womöglich direkt in die Rezession.

Wer es nicht erlebt hat, kann sich das Ausmaß des Chaos an europäischen Flughäfen nicht vorstellen. Überall stapeln sich Koffer, für viele Urlauber gibt es kaum Hoffnung, dass sie ihr Gepäck überhaupt noch in den Ferien bekommen. Und doch seien die „aktuellen Probleme erst der Anfang “, sagt etwa Michael C. Wisser vom Bodendienstleister Wisag. Das nur zur Info für Sie, falls Sie in den nächsten Tagen auf dem Weg in den Urlaub sein sollten. Vielleicht packen Sie lieber sparsam.

Grund für das Chaos an den Flughäfen ist auch die Arbeiterlosigkeit, die längst alle Winkel der Wirtschaft erreicht hat. Das bewegt auch die Bundesregierung, die nun die formalen Anforderungen für die Einreise von Fachkräften senken will. Die Eckpunkte des neuen Einwanderungsplans haben Innenministerin Nancy Faeser und Arbeitsminister Hubertus Heil (beide SPD) diese Woche im Handelsblatt skizziert. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Viele weitere müssen nun folgen.

Auf diesen Podcast habe ich mich lange gefreut: Für die aktuelle Folge von Handelsblatt Disrupt hatte ich den 1&1-Gründer Ralph Dommermuth zu Gast. Wir sprachen über den Zufall, durch den sein Unternehmen entstanden ist, über die Zeit des New Economy Crashs, in dem sein Unternehmen fast untergegangen wäre - und über seinen Plan, Deutschlands modernstes Mobilfunknetz aufzubauen. Es ist ein sehr offenes, ein sehr persönliches Gespräch geworden, das sich viele Unternehmer so nicht trauen würden. Und ja, wir haben auch über seine Ferraris gesprochen. Dommermuths Maxime lautet übrigens: „Wer in die Fußstapfen eines anderen tritt, wird ihn nicht überholen.“

Ralph Dommermuth im Podcast Handelsblatt Disrupt.

Foto: Handelsblatt

Die Coronakrise hat die Arbeitswelt drastisch verändert. Aber das war nur der Anfang, zeigt der große Report meines Kollegen Mathias Peer aus Bangkok: Er beschreibt, wie immer mehr Länder sonnenhungrige Remote-Worker anziehen wollen – als Ersatz für ausbleibende Touristen. Von einigen großen Unternehmen weiß ich, dass immer mehr Angestellte von der Möglichkeit Gebrauch machen. Mehr als 25 Staaten – darunter Estland, Malta, Bermuda, Costa Rica und Griechenland - haben mittlerweile spezielle Visa für Remote-Arbeiter eingeführt. „Work-from-Thailand Professionals“ heißt die neue Spezies. Denn in Thailand ist die Hoffnung auf diese digitalen Nomaden besonders groß, schreibt Peer.

Nirgends auf der Welt entstehen so viele neue Unternehmen auf der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Wissenschaft wie in den USA. Und das ist kein Zufall. Denn nirgends wird der unternehmerische Erfolg wissenschaftlicher Durchbrüche so systematisch geplant, beschreibt meine Kollegin Hannah Krolle, die dafür in die USA gereist ist. Für den Erfolg seien laut Krolle vor allem drei Strategien entscheidend.

Vor drei Jahren zog meine Kollegin Dana Heide als Handelsblatt-Korrespondentin nach China. Das Land, das sie damals kennenlernte, war ein anderes als das Land, das sie heute verlässt. Es ist verschlossener, autoritärer und unfreier. „Die herrschende Kommunistische Partei ist dabei, so gut wie alles abzuwickeln, was China erfolgreich gemacht hat“, schreibt sie in einem Essay zum Abschied.

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Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.

Herzlichst,
Ihr
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt

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