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Autobombe in MoskauWas über den Anschlag auf die Putin-Propagandistin Dugina bekannt ist

Nach dem Attentat auf die Tochter des rechtsextremen Ideologen Alexander Dugin beschuldigt Moskau die Ukraine. Ein angebliches Bekennerschreiben wirft Fragen auf.Maria Kotsev, Claudia von Salzen 23.08.2022 - 12:20 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

Während der Fahrt auf einer Autobahn explodierte das Auto, in dem Darja Dugina unterwegs war.

Foto: via REUTERS

Berlin. Im nächtlichen Moskau steht ein Auto am Straßenrand in Flammen, Sirenen heulen, Autoteile liegen auf der Fahrbahn verteilt. Ein Video, das die Szene im Moskauer Vorort Odinzowo zeigt, verbreitet sich am Samstagabend in den Sozialen Netzwerken.

Bei dem Anschlag stirbt Darja Dugina, die Tochter des rechtsextremen russischen Ideologen Alexander Dugin. Wenig später taucht ein angebliches Bekennerschreiben einer bisher unbekannten Untergrundarmee auf, während der russische Geheimdienst FSB die Ukraine beschuldigt.

Was ist über den Anschlag bekannt?

Den Ermittlern zufolge explodierte der Toyota Land Cruiser, in dem die 29-jährige Dugina unterwegs war, am Samstagabend während der Fahrt auf einer Autobahn. Ersten Erkenntnissen zufolge soll der Sprengsatz an dem Fahrzeug montiert gewesen sein. Am Sonntag kündigten die Ermittler an, wegen eines Auftragsmordes zu ermitteln.

Neben dem Video von dem brennenden Fahrzeug verbreitete sich in den sozialen Medien auch ein Foto Alexander Dugins am Explosionsort. Auf dem Bild ist zu sehen, wie er sichtlich verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Er und seine Tochter waren vor dem Attentat auf einem sogenannten patriotischen Festival namens „Tradition“ zu Gast, wie aus Medienberichten und Statements der Veranstalter hervorgeht. Alexander Dugin hielt dort um 18 Uhr einen Vortrag. Das Festival wird unter anderem vom Präsidialfonds für Kulturinitiativen finanziert. Zu Gast waren außerdem „Künstler aus dem Donbass“, wie es in der Ankündigung heißt.

Der russischen Agentur Interfax zufolge soll geplant gewesen sein, dass Vater und Tochter das Festival gemeinsam verlassen. Darja Dugina verließ das Festival jedoch allein, vor ihrem Vater. Dies deckt sich mit den Schilderungen des rechtsextremen Schriftstellers und Festival-Mitgründers Sachar Prilepin. Im russischen Netzwerk Vkontakte schrieb er am Sonntagmorgen: „Gestern Abend sollte er eigentlich zu seiner Tochter ins Auto steigen, aber zufällig fuhr er mit einem anderen Auto los.“ Prilepin zufolge soll Darja etwas früher losgefahren sein als andere Teilnehmende.

Das Festival fand eine Autostunde vom Moskauer Zentrum entfernt statt. Ob der Anschlag also Dugin, seiner Tochter oder beiden geholten hat, ist unklar. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB behauptete am Montag, dass der Anschlag „von ukrainischen Spezialdiensten vorbereitet und begangen“ worden sei. Er beschuldigte eine Ukrainerin, die angeblich ebenfalls bei dem Festival gewesen sei, den Sprengsatz montiert zu haben und nach der Tat mit ihrer Tochter nach Estland geflüchtet zu sein.

Wer war Darja Dugina?

Die 29-jährige Politologin Dugina arbeitete als Journalistin. In einem Interview behauptete sie kürzlich, die Kriegsverbrechen in der ukrainischen Stadt Butscha seien ein Produkt amerikanischer Propaganda. In Butscha hatten russische Truppen wehrlose ukrainische Zivilisten erschossen.

Darja Dugina wurde bei dem Anschlag am Samstagabend getötet.

Foto: via REUTERS

Duginas Äußerungen waren keineswegs ein Einzelfall. Die britische Regierung warf ihr vor, in verschiedenen Online-Medien häufig „Desinformation in Bezug auf die Ukraine und den russischen Einmarsch in der Ukraine“ zu verbreiten. Deshalb setzte Großbritannien sie im Juli auf die Sanktionsliste und folgte damit den USA, wo die Dugin-Tochter bereits seit März Einreiseverbot hat. Dugina sei die Chefredakteurin der Webseite „United World International“, die einer Organisation des Putin-Vertrauten Jewgenij Prigoschin gehöre, heißt es in der Begründung der US-Regierung zur Aufnahme Duginas auf die Sanktionsliste.

Prigoschin wird sowohl mit einer so genannten „Trollfabrik“ in St. Petersburg als auch mit der russischen Söldnergruppe Wagner in Verbindung gebracht. Die Organisation, die die Webseite erstellte, wird von den USA der versuchten Einflussnahme auf Wahlen beschuldigt.

Welche Rolle spielt Alexander Dugin in Putins Russland?

In westlichen Medienberichten wird Alexander Dugin gelegentlich als „Putins Einflüsterer“ oder gar als „Putins Gehirn“ bezeichnet. Doch diese Zuschreibungen gestehen dem ultrarechten Ideologen mehr Einfluss zu, als er tatsächlich ausübt. „Dugins Einfluss auf den Kreml wird stark überschätzt“, sagte der ukrainische Politologe Anton Shekhovtsov dem Tagesspiegel. So sei völlig unklar, wie Dugin überhaupt das Denken des russischen Präsidenten Wladimir Putin beeinflussen könne. Putin brauche Dugin nicht, um antiamerikanisch, antiwestlich und antiukrainisch zu sein, dies gehöre für den ehemaligen KGB-Offizier und andere „Silowiki“ (frühere Militärs und Geheimdienstler) zum politischen Mainstream.

„Bestimmte Aspekte von Dugins Spielart des russischen Faschismus waren zu esoterisch, um vom Kreml übernommen zu werden“, sagt Shekhovtsov. Dagegen finde sich die Basis von Dugins Ideologie, nämlich Russlands ewiger Kampf gegen den Westen, in allen russischen antiwestlichen Ideologien seit dem 19. Jahrhundert.

Der rechtsextreme Philosoph Alexander Dugin spricht sich für ein europäisch-asiatisches Reich unter russischer Vorherrschaft aus.

Foto: dpa Mikko Stig Lehtikuva

Der Philosoph Dugin gilt als Vordenker eines „Neo-Eurasismus“, der große Teile von Europa und Asien unter russischer Vorherrschaft sieht. Im Kern ist Dugins Ideologie faschistisch. Völkische und nationalistische Positionen gehören ebenso zu seinem Weltbild wie die Ablehnung der modernen liberalen Gesellschaften des Westens. Schon 2014 forderte er, man müsse Ukrainer „töten, töten, töten“. Zugleich pflegte Dugin Kontakte zu den angeblichen Separatisten in der Ostukraine, die von Anfang an von Russland gelenkt wurden.

Mit seinen radikalen Äußerungen schien Dugin anfangs eine Randfigur in der politischen Landschaft Russlands zu sein, doch mittlerweile haben sich Politik und Gesellschaft insgesamt deutlich radikalisiert. Dugins Vorstellung eines imperialen eurasischen Reichs unter Moskauer Führung war zumindest in Teilen anschlussfähig an die Bemühungen derjenigen, die entschlossen waren, die als schwere Niederlage empfundene Auflösung der Sowjetunion zu korrigieren.

Der Kreml ließ Dugin gewähren, und nicht nur das: Sein Name taucht immer wieder auf, wenn es um russische Kontaktanbahnungen mit rechtsextremen Parteien in Europa geht. Als der kremltreue Oligarch Konstantin Malofejew 2014 in Wien Politiker der österreichischen FPÖ, des französischen Front National und der bulgarischen rechtsextremen Partei Ataka zu einem Treffen empfing, war Dugin Hauptredner. Ein Jahr später reisten die AfD-Politiker Alexander Gauland, Markus Frohnmaier und Andreas Kalbitz nach St. Petersburg, trafen sich mit Dugin.

Was hat es mit dem Schreiben einer angeblichen Untergrundarmee auf sich?

Am Sonntag veröffentlichte der ehemalige russische Duma-Abgeordnete Ilja Ponomarjow ein Video auf seinem Youtube-Kanal „Utro Fewralja“, in dem er behauptete, eine Art Bekennerschreiben von einer angeblichen Widerstandsgruppe erhalten zu haben, der „Nationalen Republikanischen Armee“ (NRA). Ponomarjow behauptete, das Manifest sei ihm vor dem Anschlag mit dem Hinweis zugespielt worden: „Warten Sie ab, was als nächstes passiert.“

In dem Youtube-Video verlas Ponomarjow das angebliche Manifest. Es beginnt mit den Worten: „Wir, russische Aktivisten, Militärs und Politiker, jetzt Partisanen und Kämpfer der Nationalen Republikanischen Armee, wir ächten die Kriegstreiber, Räuber und Unterdrücker der Völker Russlands!“ Das Manifest erklärt den russischen Präsidenten zum Kriegsverbrecher und beschuldigt ihn, „einen Bruderkrieg zwischen den slawischen Völkern entfesselt“ zu haben. Deshalb solle Putin „von uns gestürzt und vernichtet werden“, wie es weiter heißt.

Außerdem werden in dem Pamphlet alle russischen Sicherheitsleute, Oligarchen und Militärs, sowie „diejenigen, die am Krieg verdienen und ihn finanziell unterstützen“ zu legitimen Anschlagszielen erklärt. Zugleich wird darin versichert, die „NRA“ werde keine Zivilisten angreifen. „Wir rufen alle Russen auf, sich uns anzuschließen und die weiß-blau-weiße Flagge des neuen Russlands (...) zu hissen“, heißt es. Die weiß-blau-weiße Flagge ist seit März 2022 ein russisches Protestsymbol gegen den Ukraine-Krieg.

Zugleich irritiert an dem „Manifest“ jedoch, dass die russische Armee dazu aufgefordert wird, „nicht mehr auf unsere Brüder aus anderen Ländern zu schießen“, im Text aber nur Georgien und Syrien erwähnt werden. Während Ponomarjow das Manifest verliest, erwähnt er in dieser Aufzählung auch die Ukraine. Dies ist eine von vielen Ungereimtheiten, die Beobachter und Experten stutzig macht. Am Ende des Videos ruft Ponomarjow dazu auf, den Social-Media-Kanälen seines Senders „Utro Fewralja“ sowie der Telegram-Gruppe „Rospartisan“ zu folgen, die er ebenfalls selbst gegründet hatte.

Die einzige Quelle für die Existenz der angeblichen Untergrundarmee ist damit Ponomarjow, weitere Belege gibt es nicht. Unklar ist auch, warum sich eine solche Bewegung einen im Exil lebenden Ex-Politiker als Sprachrohr für ihre Aktivitäten aussuchen sollte. Im russischen Parlament hatte Ponomarjow 2014 als einziger Abgeordneter zwar gegen die Annexion der Krim gestimmt, seit 2016 lebt er in Kiew. Allerdings gilt er in russischen Oppositionskreisen nicht als verlässliche Quelle. Auch der renommierte Geheimdienstexperte Andrej Soldatow sagte dem Tagesspiegel, dass er Ponomarjow und seinen Behauptungen nicht vertraue.

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Hängt der Anschlag mit dem Ukraine-Krieg zusammen?

Dafür gibt es keine objektiven Anzeichen, zumal der Hintergrund der Tat nicht abschließend aufgeklärt ist. Dennoch beschuldigte der russische Inlandsgeheimdienst FSB die Ukraine am Montag, den Anschlag begangen zu haben, und präsentierte eine angebliche ukrainische Täterin.

Bereits am Sonntag wurden ähnliche Äußerungen kremltreuer Akteure laut: So schrieb der Anführer der selbsternannten „Volksrepublik Donezk“, Denis Puschilin, auf Telegram: „Die Terroristen des ukrainischen Regimes haben versucht, Alexander Dugin zu liquidieren und haben seine Tochter in die Luft gesprengt.“ Auch Russlands Chefpropagandistin Margarita Simonjan kommentierte den Anschlag und forderte auf ihrem Telegram-Kanal Russland zu einem Vergeltungsschlag gegen die Ukraine auf. Die „Entscheidungszentren“ in Kiew müssten angegriffen werden.

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Die Ukraine wies die Anschuldigungen entschieden zurück. „Die Ukraine hat natürlich mit der gestrigen Explosion nichts zu tun, weil wir kein krimineller Staat sind – wie die Russische Föderation – und schon gar kein Terrorstaat“, sagte der Präsidentenberater Mychajlo Podoljak. Zugleich warnte er, dass Russland dieser Vorfall gelegen kommen könne, um eine Mobilmachung für den Krieg zu rechtfertigen.

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