Aktien: Welche Richtung schlagen die Aktienmärkte ein? Die Prognosen der Börsenprofis
Ist die Rezessionsgefahr im aktuellen Kursniveau ausreichend abgebildet?
Foto: ReutersFrankfurt. Der unabhängige US-Analyst Ed Yardeni hat eine doppelte Botschaft: Er bezeichnet sich als „Bullen“, glaubt aber, dass für eine Übergangszeit die „Bären“ den Trend an der Börse angeben werden. Kurz gesagt: Bevor der Optimismus sich bewahrheitet, regiert der Pessimismus.
In der „aufbrausenden Debatte“, wie Yardeni die Diskussion um die Richtung an den Märkten beschreibt, geht es um drei Fragen: Flacht die Inflation – vor allem die in den USA – wirklich ab und geht dann allmählich auf Sinkflug? Schaffen es wenigstens die USA, eine schwere Rezession zu vermeiden? Und drittens: Wie viel ist von einer künftigen Rezession schon im aktuellen Kursniveau enthalten?
Die Citigroup sieht die – inzwischen schon wieder unterbrochene – Erholung der Börsen seit Mitte Juni als typische „Bärenmarktrally“, also als Aufwärtstrend in einem übergeordneten Abwärtstrend. Diese Entwicklung, so die Prognose, dürfte bald wieder ins Negative kippen.
Verglichen mit früheren ähnlichen Bewegungen sei diesmal das zu erwartende Ausmaß schon weitgehend erreicht, heißt es in einer Untersuchung. Diese These wird durch die jüngsten Kursbewegungen bestätigt: Der Wochenauftakt war der schwächste Handel an der Wall Street seit März.
Die Citi-Experten erwarten für das Jahr 2023 eine Rezession und bleiben vorsichtig gegenüber „Risikoanlagen“. Aktien gewichten sie aber nur leicht unter.
Widersprüchliche Aussagen vonseiten der Fed
Die DZ Bank ist der Ansicht, dass die Kurse die Rezession schon abbilden. Die Kürzungen der Prognosen für die Unternehmensgewinne seien bereits weitgehend verarbeitet, meint Chefaktienstratege Sven Streibel.
Dabei steht für die Unternehmen im Deutschen Aktienindex (Dax) jetzt insgesamt sogar weniger Gewinn für 2022 in Aussicht als im Vorjahr. Streibel erwartet für Ende des Jahres den Dax bei 14.500 Punkten und den breiten US-Aktienindex S&P 500 bei 4000 Punkten. Das wäre, verglichen mit dem gegenwärtigen Kursniveau, ein Plus von sechs beziehungsweise ein Minus von knapp drei Prozent.
Yardeni glaubt, dass letztlich die Inflation wie erwartet nachgibt und damit die Notenbanken, allen voran die Fed in den USA, in ihrem Zinserhöhungskurs etwas entspannter vorgehen können, sodass es wieder zu steigenden Aktienkursen kommt.
Aber für eine Weile, heißt es, werden die Bullen es schwer haben. Der Analyst zeichnet die Entwicklung der vergangenen Wochen nach und schaut dann nach vorn. Zunächst wurde im zweiten Quartal der Optimismus an den Märkten durch bessere Unternehmensergebnisse als erwartet, Anzeichen für ein Abflachen der Inflation und relativ entspannte Äußerungen von Fed-Chef Jerome Powell Ende Juli befeuert.
Dann drehten sich die Trends zum Teil wieder ins Negative: Die Analysten kappten ihre Gewinnerwartungen, und Fed-Entscheidungsträger wie James Bullard, Chef der Fed St. Louis, drängten auf entschiedene Inflationsbekämpfung. Das wird laut Yardeni noch eine Weile die Kurse drücken, bis deutlichere Zeichen eines nachlassenden Inflationsdrucks wieder für Optimismus sorgen.