Ausstellung: Künstlerbücher: Wenn Tentakel zwischen den Deckeln ausfahren
Als wären sie fleischfressende Pflanzen, recken sich die minuziös ausgeschnittenen Staubblätter der halluzinogenen Pflanze dem Buchfreund entgegen. Quelle: Atelier Morello
Foto: HandelsblattDüsseldorf. Künstlerbücher sind ein eigenes, reizvolles Sammelgebiet, ist man doch sehr nahe an dem, was die Künstlerin, der Künstler denkt und fühlt. Kenner unterscheiden zwischen den in kleiner Auflage gedruckten Büchern und unikaten Bänden, die es so nur in einem Exemplar gibt. Bei Letzteren fehlen oft die Worte, meist dominiert die Malerei. Das muss aber nicht so sein.
Es gibt auch wortlose Künstlerbücher, die wie eine Skulptur mächtig und dreidimensional daherkommen. So erobern die buchstäblich einmaligen Künstlerbücher von Nicole Morello den Umgebungsraum, sobald man den Buchdeckel anhebt.
Wie eine sinnliche 3D-Illustration greift eine halluzinogene Pflanze in dem Buch „Der große grüne Peyote-Kaktus“ nach der Betrachterin, die das große Unikat aufklappt. Als wären sie fleischfressende Pflanzen, recken sich die minutiös ausgeschnittenen Staubblätter des Kaktus wollüstig dem Buchfreund entgegen.
Meskalin ist eine der vielen Substanzen, die Peyote enthält. In Mexiko kam es einst bei schamanistischen Kulten zum Einsatz. Für die Künstlerin sind sie „wie kleine Monster, die aus dem Kaktus springen und den Betrachter in eine Welt der Träume führen.“
Der untere Teil der Buch-Skulptur in grün stellt den in dünne Scheiben geschnittenen, blühenden Kaktus dar. Für 7000 Euro wechselt das faszinierende Werk, das fast mehr Skulptur als Buch ist, den Eigentümer.
Für das „Muschel-Buch“ hat die Französin Nicole Morello eine fortlaufende Spirale aus verstärkten Buchseiten geschnitten. Das architektonische Element ‚frisst‘ sich tiefer und immer kleiner in die Tiefen des Buchblocks.
Der Betrachter taucht - gleich einem Leser im Text - immer tiefer in die Materie ein. Der Buchdeckel schimmert wie das Innere der Muschel. Er ist gewölbt wie das Meerestier, von dessen Organismus die Spiralform abgeleitet ist. Erwartet werden für das museale Werk 3000 Euro.
Pinguine auf Buchseiten
Die Bücher der in Düsseldorf und Paris lebenden Französin sind in zahlreichen Bibliotheken und bibliophilen Privatsammlungen der Welt vertreten. Ein Bestseller waren die in der Komposition ähnlichen, in der Ausführung aber stets variierten „Pinguin“-Bücher. Drei Exemplare sind in der aktuellen Ausstellung in Morellos Atelier in der Düsseldorfer Ackerstraße nach Voranmeldung zu besichtigen und für je 2000 Euro zu erwerben.
Anrührend und komisch sitzen die Pinguine auf angeschnittenen Buchseiten wie auf Eisschollen. Sie recken die Hälse in alle Richtungen. Vorn sind die Seiten tiefer ausgeschnitten, so dass sich eine Staffelung der Herdentiere nach hinten ergibt.
Abstrakte Ornamentik
Irgendwann ist Nicole Morello von der Figuration zur Abstraktion gewechselt. Aus Jahr für Jahr aufgehobenen Papierschnipseln hat sie sich charakteristische Formen gebaut. Die legt sie auf den Bildträger und umrundet sie mit Deckfarben. Die Komposition ist dabei mal dichter, mal lockerer, im Kolorit recht unterschiedlich.
Statt Text entdeckt der Kunstfreund hier eine Spiral-Skulptur. Abgeleitet ist sie aus dem Aufbau der Weichtiere. Der Buchdeckel ist entsprechend gewölbt und schimmernd. Quelle: Georges Waysand für Atelier Morello
Foto: HandelsblattDiese Ornamente auf Pergaminpapier wirken wie gestempelt, sind aber mit der Hand gemalt. Dabei entstehen je nach Farbe unterschiedliche Stimmungen. Oft liegen Assoziationen zum Garten nahe, „Jardinage“ lautet ein Titel. Die ganze Serie heißt „Ressac des Couleurs“, zu Deutsch Farb-Brandung.
Meeressound aus Büchern
Diese Künstlerbücher, in denen Farben sich wie in einer Brandung mischen, appellieren nicht nur an die Vorstellungskraft der Betrachterin, weil sie ohne Worte auskommen und Stimmungen evozieren. Morellos Bücher sind darüber hinaus auch ein akustisches Spektakel. In Performances bringt Nicole Morello eine Reihe von ihnen buchstäblich zum Klingen.
Das Umblättern der Seiten erinnert stark an das zeitversetzte Brechen von kleinen Wellen am Sandstrand. Sind mehrere Bücher im Einsatz, wird daraus ein Konzert. Ganz im Sinne der Fluxus-Kunst, für die Geräusche der Musik ebenbürtig war. Das fasziniert das Publikum jedesmal aufs Neue. Die handgebundenen Hefte im Format 64 x 49 cm bestehen aus zehn Pergaminblättern. Sie kosten je Heft 2000 Euro.
Bücher in jeder Größe
Die aktuelle Retrospektive im Ausstellungsraum Ackerstraße 29a versammelt aber nicht nur monumentale Künstlerbücher. Es werden zudem kleine, mittlere und Minibücher ausgestellt. Alle geben einen verblüffenden Einblick in Nicole Morellos abstrakte Bildsprache und Erfindungsreichtum.
Blick in die Ausstellung im Atelier, Ackerstraße 29a in Düsseldorf. Quelle: Uwe A. Kirsten für Atelier Morello
Foto: HandelsblattDort, wo nicht Worte Geschichten erzählen, sind es Kompositionen über Zentrales oder Randständiges, die den Betrachter gefangen nehmen. Dazu kommen Farbgebung und Intensität des Abdrucks. Oft ist das Kolorit rauschhaft und löst Gefühle aus. In einem früheren Film werden die abstrakten Bilder auf einen Frauenkörper projiziert.
Neu ist der Einsatz von Buntstiften, die mal zarter, mal stärker aufgetragen sind. Das zeigt die aktuelle Ausstellung im Showroom der Designerin und Strickkünstlerin Tina Miyake deutlich. Hier präsentiert Nicole Morello erstmals eine zehn Meter lange Papierrolle, die durch den Laden schwappt.
Tagebuch der Coronazeit
Diese non-verbalen Tagebucheinträge bestehen nur aus abstrakten Zeichen. Notiert im ersten Corona-Jahr, kann der Betrachter durchaus unterschiedliche Stimmungen und Verbindungen ablesen: Isolation und Nachdenklichkeit, aber auch Freude und Heiterkeit. Noch bis 8. Oktober 2022 zu sehen in der Ackerstraße 39 nach Terminabsprache.
Weil Morellos Sammlerschaft ihre sogenannten „Schmetterlingskästen“ so schätzt, ist ein weißer stellvertretend in die Retrospektive integriert. Sein Preis: 1200 Euro. Die polygonalen, weiß getünchten Formen stecken in einem tiefen Glaskasten im Grund.
Von dort aus senden die ungegenständlichen Zeichen nonverbale Botschaften durch den Glasdeckel. Zu entschlüsseln sind sie allerdings nur von den Betrachtenden. Licht und Schatten verleihen den individuellen Zeichen und Chiffren zusätzlichen Reiz.
Kontakt Nicole Morello: www.lophora.de
„codex, rotulus, leporello“: Ausstellung Nicole Morello bis 8. Oktober 2022 im Showroom Tina Miyake: www.tinamiyake.de
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