Morning Briefing: Verständnisfrage: Warum darf die Ukraine keine Panzer kriegen?
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
als im Frühjahr Millionen Deutsche von Virologe auf Generalstabsoffizier umschulten, war ich nicht dabei – mir fehlte noch das vorherige Weiterbildungsmodul zum Bundestrainer. Deshalb kann ich in der aktuellen Debatte um Panzerlieferungen an die Ukraine leider nur Fragen stellen, keine Antworten geben.
Zum Beispiel: Was macht Kampfpanzer aus westlicher Produktion eigentlich so besonders, dass wir sie nach Ansicht der SPD auf keinen Fall an die Ukraine liefern dürfen – wohl aber alle möglichen anderen schweren Waffen?
Ein Argument, das man dazu aus der Bundesregierung hört: Kampfpanzer seien Offensivwaffen und könnten von der Ukraine zum Angriff missbraucht werden.
Aber warum sind dann die vom Westen bereits gelieferten Panzer sowjetischer Produktion kein Problem? Und überhaupt: Wieso missbraucht? Wir wollen doch, dass die Ukraine ihr Territorium zurückerobert – so wie es in diesen Tagen ja durchaus eindrucksvoll geschieht. Oder fürchten Teile der Bundesregierung, dass die Ukrainer mit unseren Leopard-Panzern gleich bis Moskau durchrollen?
Und was meinte Kevin Kühnert genau, als er RTL zum Thema Kampfpanzer sagte, es gelte weiter die Aussage, „dass wir Russland nicht dazu animieren wollen, am Ende völlig irrational zu handeln und noch ganz andere Staaten anzugreifen.“ Ist der SPD-Generalsekretär also der Ansicht, Russlands Präsident Wladimir Putin habe bei seinem Überfall auf die Ukraine bislang weitgehend rational gehandelt?
Wenn ja, warum sollen dann ausgerechnet westliche Kampfpanzer Putins Irrationalität triggern? Mir erscheint manches an die Ukraine gelieferte Kriegsgerät, von der deutschen Panzerhaubitze 2000 bis zum Himars-Raketenwerfer der USA, an Vernichtungskraft einem womöglich jahrzehntealten Leopard-Panzer durchaus ebenbürtig.
Aber wie gesagt, mit Waffensystemen kenne ich mich nicht wirklich aus. Dafür aber ein bisschen mit dem Verlauf von politischen Prozessen, und deshalb meine Prognose: Das Keine-Panzer-Dogma der Bundesregierung wird sich als ebenso schwer haltbar erweisen wie all die anderen seltsamen Argumente, insbesondere aus der SPD, mit denen Waffenlieferungen oder Russland-Sanktionen verschleppt oder blockiert wurden. Wer gestern die entsprechenden Wortmeldungen verfolgt hat, konnte bereits die Absetzbewegungen der beiden anderen Ampelparteien erkennen.
Eine paradoxe Folge hat der Ukrainekrieg für die Türkei. Das Land leidet unter einer Hyperinflation, die Landeswährung Lira verliert rapide an Wert, und das politische Klima war am Bosporus auch schon kuscheliger. Nicht das Umfeld, in das man als Unternehmerin oder Unternehmer normalerweise gerne hineininvestiert.
Doch die Türkei erlebt seit einigen Monaten einen Boom ausländischer Direktinvestitionen. Im Februar 2022 kamen gerade einmal 464 Millionen Dollar an ausländischen Direktinvestitionen zusammen. Seitdem steigt der Wert Monat für Monat in mächtigen Schritten an. Im Juni, dem letzten gemeldeten Monat, ermittelte die türkische Zentralbank ausländische Direktinvestitionen im Wert von 1,7 Milliarden Dollar.
Gemeinsam haben unser Istanbul-Korrespondent Ozan Demircan und Logistik-Reporter Christoph Schlautmann die Ursache für diesen verblüffenden Trend recherchiert, der sich in einem Wort zusammenfassen lässt „Nearshoring“.
Angesichts der Versorgungsengpässe erst durch die Coronapandemie und dann durch den Ukrainekrieg wollen viele europäische Unternehmen wichtige Zulieferbetriebe in einer Entfernung wissen, aus der sich Waren auch per Bahn oder Lkw anliefern lassen statt per Schiff oder Flugzeug wie beim klassischen „Offshoring“. Die Zulieferer richten sich nach den Wünschen ihrer Kunden – und fertigen immer häufiger in der Türkei statt zum Beispiel in Fernost.
Von derartigen positiven Auswirkungen der Ukrainekrise kann Deutschland nur träumen. Nach den großen Gashändlern wie Uniper geraten hierzulande jetzt auch erste Energieversorger in die Bredouille. Sie müssen mit Millionenbeträgen gerettet werden oder rutschen gar komplett in die Insolvenz. Schwierigkeiten melden kleinere Versorger wie E-Optimum oder Kehag, aber auch erste Stadtwerke wie Bad Säckingen, Bad Belzig und zuletzt Leipzig.
Das ist offenbar nur der Anfang. Nach Handelsblatt-Informationen aus Branchenkreisen haben weitere Stadtwerke Zahlungsschwierigkeiten. Mehrere Energieversorger haben auch schon finanzielle Unterstützung bei der Bundesregierung beantragt, wie es in Regierungskreisen heißt. Das Volumen umfasse einen zweistelligen Milliardenbetrag.
Das Problem: Auch wenn viele Versorger ihre Energie langfristig einkaufen und die Preise abgesichert haben, beschafft jedes Unternehmen auch im kurzfristigen Handel Strom und Gas für seine Kunden – aktuell zu horrenden Preisen. Weil Strom- und Gasverträge mit den eigenen Kunden oft einer Preisbindung unterliegen, können die Einkaufspreise allerdings nicht eins zu eins durchgereicht werden.
Tobias Federico vom Marktforscher Energy Brainpool warnt: „Die Energiekrise hat bereits die Dimension der Krise, die die Lehman-Brothers-Pleite ausgelöst hat.“ Die Insolvenz der US-Bank hatte 2008 in einer Kettenreaktion das gesamte Finanzsystem in Schieflage gebracht und eine weltweite Rezession ausgelöst. Ein übertriebener Vergleich? Wir werden sehen.
Und dann ist da noch die Urfrage, die sich Anleger in jeder Krise stellen: Jetzt schon wieder einsteigen an der Börse – oder geht es erst noch weiter runter? Die Bank of America hat auf der Basis vergangener Börsenzyklen eine Checkliste mit zehn Ereignissen zusammengestellt. Wenn mindestens acht dieser Ereignisse eingetroffen sind, geht es normalerweise wieder aufwärts mit den Kursen. Zum Beispiel muss die US-Notenbank Fed mindestens einmal die Zinsen gesenkt haben. Unser Geldanlageteam hat nachgezählt und kommt lediglich auf vier bislang eingetretene Ereignisse.
Optimisten würden in diesem Fall sagen: Das Glas ist schon halb leer.
Ich wünsche Ihnen einen Tag mit nachhaltiger Bodenbildung.
Herzliche Grüße
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
PS: Die Ukraine hat die russische Armee in Teilen der Ostukraine zurückgedrängt. Ist dies nun der „militärische Wendepunkt“? Was bedeutet die Gegenoffensive für den weiteren Verlauf des Krieges? Sollten Deutschland und der Westen nun mehr Waffen oder sogar Panzer an die Ukraine liefern? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an forum@handelsblatt.com. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.
Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren: