Kommentar: Nein, wir sind keine „Scheißegal-Nation“
In der Bevölkerung gibt es angesichts der Energiekrise einen Stimmungsumschwung.
Foto: imago images/photothekDer IT-Unternehmer Ulrich Dietz irrt sich, wenn er meint, aus Deutschland sei eine „Scheißegal-Nation“ geworden. Es stimmt, die Standards bei der Bahn und den Fluggesellschaften sind gesunken. Bei der Digitalisierung laufen wir hinterher. Dass sich die Gesellschaft an all diesen Murks aber gewöhnt hat und alles hinnimmt, stimmt nicht. Die Bürgerinnen und Bürger ärgern sich zu Recht maßlos über die Unpünktlichkeit und die überbordende Bürokratie im Land.
Doch im Moment erlebt die Gesellschaft wegen des Energieschocks einen rasanter Stimmungswandel. Natürlich gibt es die „Scheißegal-Politiker“ wie Wolfgang Kubicki, der sich um nichts schert. Einem kleinen Teil der Bevölkerung geht es wirtschaftlich so gut, dass er sich das Sparen sparen kann.
Schizophrene Energiepolitik
Der Rest ist jedoch schon Land unter. Die Leute halten ihr Geld zusammen und brauchen ihr Vermögen auf. Kleine und mittlere Unternehmen realisieren wie viele andere, dass die Energiekrise nicht wie Corona oder die Flutkatastrophe über uns als Schicksal hereingebrochen ist. Statt eines Scheißegal-Gefühls kriecht eine Wut über eine geradezu schizophrene Energiepolitik hervor. Die Bundesregierung importiert Kohle, steigt aber aus der Kohleproduktion aus. Wir kaufen Atomstrom aus dem Ausland, schalten aber die eigenen Kraftwerke ab.
Überall auf der Welt werden neue Gasfelder erschlossen, nur nicht bei uns. Die Politik koppelt sich von der Wirklichkeit ab, und der Bürger lagert seine Meinung in eine innere Bad Bank aus. Noch. Eine Scheißegal-Nation war Deutschland nie. Eine Wut-Nation auch nicht. Hoffentlich bleibt Letzteres so.