Elon Musk: Wieso der Multimilliardär jetzt doch Twitter übernehmen will
Der eigentlich geplatzte Deal findet nun doch statt. Wie es jetzt weitergeht.
Foto: ReutersNew York, Düsseldorf. Auf Elon Musks Kehrtwende beim anvisierten Twitter-Kauf folgt – die Kehrtwende: Er will das soziale Netzwerk jetzt doch für die im April vereinbarten 44 Milliarden Dollar kaufen. Schon am Freitag könnte die Übernahme offiziell werden.
Musk wehrte sich viele Monate mit Händen und Füßen gegen die Akquisition, die Nutzerzahlen von Twitter würden nicht stimmen. Der Kurznachrichtendienst pochte auf den Vertrag und klagte, der entsprechende Prozess hätte bald begonnen.
Das Hin und Her wirft einige Fragen auf. Warum änderte Musk seine Meinung? Und wie will er die Übernahme finanzieren? Wie geht es mit dem Kauf weiter und wie will er das Unternehmen führen?
Elon Musk kauft Twitter doch: Warum kommt nun die Kehrtwende?
Elon Musk zieht im letzten Moment die Notbremse. Schon in wenigen Tagen hätte der Prozess um den zunächst geplatzten Deal begonnen. Am Freitag hätte Musk unter Eid aussagen müssen.
Der Gerichtsprozess hätte viel Zeit und Geld gekostet und zu einer Schlammschlacht geführt. In den USA können Anwälte beider Parteien mit sogenannten Zwangsvorladungen viel erwirken. Auch ohne Richterspruch müssen die jeweiligen Parteien Briefe, E-Mails und alle anderen Nachrichten zum Klagethema herausrücken. Ein Umstand, der beispielsweise Volkswagen im Zuge der Klage um den Dieselskandal in Kalifornien einige Kopfschmerzen bereitet hatte.
Einen Vorgeschmack bekam Musk am vergangenen Donnerstag, als Gerichtsakten mit privaten Textnachrichten von Musk an die Öffentlichkeit drangen. Nachzulesen waren Anbiedereien, Angebote und Schmeicheleien von Freunden, Bekannten und Geschäftspartnern. Insgesamt knapp 500 Personen und Twitter-Nutzer sind in der Akte aufgeführt, darunter Larry Ellison, Gründer von Oracle, Medienzar Rupert Murdoch oder Mathias Döpfner, Chef von Axel Springer.
Letztlich war klar, dass Musk schlechte Karten in dem Prozess hat. Ein Warnsignal: Die Richterin Kathaleen McCormick schlug sich in den Vorbereitungen mehrfach auf die Seite Twitters. Musk hatte Ende April einen Kaufvertrag mit Twitter geschlossen, machte dann jedoch einen Rückzieher. Angeblich gäbe es viel mehr Fake-Konten, sogenannte Bots, als Twitter vorher eingeräumt hatte.
Allerdings hatte Musk zuvor auf eine Due-Diligence-Prüfung verzichtet, also eine eingehende Prüfung der Bücher. Damit hätte er die Frage mit den Bots klären können. Dieser Umstand wiegt vor Gericht schwer. „Musk hört endlich auf seine Anwälte“, sagte Anat Alon Beck, angehender Juraprofessor an der Case Western Reserve University.
Wie finanziert Elon Musk die Twitter-Übernahme?
Es gibt Gewinner und Verlierer der neusten Kehrtwende. Hedgefonds-Manager wie Carl Icahn hatten sich groß bei Twitter eingekauft, als Elon Musk die Übernahme absagte und der Kurs abstürzte. Sie wussten um die schlechten Chancen des Multimilliardärs im Prozess, wetteten darauf, dass er den Vertrag erfüllen muss. Allein Icahn strich durch den Kursanstieg der vergangenen Tage Gewinne in Höhe von 250 Millionen Dollar ein.
Verlierer des Hin und Her sind Banken, allen voran Morgan Stanley. Denn ein Konsortium unter Führung der Investmentbank gibt Musk für den Deal 12,5 Milliarden Dollar. Aus der Verpflichtung kommen sie laut einhelliger Meinung von Experten nicht heraus. „Sie haben keine andere Wahl“, sagt Dan Ives, Analyst von Wedbush.
Die Verzögerung des Deals kostet die Banken dabei viel Geld, nach Einschätzung von Finanzfachleuten einige Hundert Millionen Dollar. Seit April sind die Leitzinsen stark gestiegen, damit sinken die Renditen der sogenannten „gehebelten Kredite“, die die Banken Musk geben. Reichen Morgan Stanley, Bank of America oder Barclays die Darlehen an Investoren weiter, erhalten sie nun weniger Geld. „Die Banken hängen mit Twitter am Haken“, sagte Chris Pultz, Portfoliomanager bei Kellner Capital dem Nachrichtendienst Reuters.
Musk selbst kann der Finanzierungsfrage gelassen entgegensehen. Mehrfach verkaufte er große Mengen an Tesla-Aktien, zuletzt im August fast acht Millionen Stück im Wert von knapp sieben Milliarden Dollar. Insgesamt beschaffte sich Musk 32 Milliarden Dollar. Dabei gehören ihm noch immer 15 Prozent von Tesla.
Wichtig für Musk und seine Berater sind Großinvestoren, die mehr als sieben Milliarden Dollar beisteuern. Darunter sind der Pensionsfonds Katars oder die Kryptobörse Binance. Dazu gelang Musk ein Coup: Der saudi-arabische Prinz Walid bin Talal wollte anfangs seine Twitter-Aktien im Wert von fast 1,9 Milliarden Dollar verkaufen. Doch inzwischen will er dabei bleiben, die Charmeoffensive von Musk wirkte. „Ein ausgezeichneter Chef“ sei Musk für Twitter und ein „neuer Freund“, sagte der seit vielen Jahrzehnten als Investor bekannte Prinz.
Was will Tesla-Chef Elon Musk bei Twitter verändern?
Allem Anschein nach wird Musk selbst Twitter führen. Unter vielen Angestellten ist der Milliardär nicht gut gelitten. „Die Leitung Twitters stellt eine zusätzliche Ablenkung für Musk dar“, sagt Mark Spiegel, Geldmanager von Stanphyl Capital. Er verweist damit auf die hohe Arbeitsbelastung des 51-Jährigen, der neben Twitter auch Tesla, SpaceX und andere Firmen führt oder vorantreibt.
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Eine der ersten Aktionen wird sein: die Bots verbannen. Als Musk im April mit Twitters Verwaltungsrat sprach, kündigte er laut Gerichtsakten „drastische“ Aktionen an. „Das kann man als an der Börse gelistetes Unternehmen nur schwer tun, die gelöschten Fake-Konten lassen die Nutzerzahlen schrecklich aussehen“, sagte Elon Musk demnach. Deswegen müsse die Restrukturierung als privat geführtes Unternehmen stattfinden. Später will Musk das Unternehmen aber wieder als Aktiengesellschaft listen.
Der reichste Mensch der Welt will die Kurznachrichtenplattform zudem weniger abhängig von Werbeerlösen machen. 2021 machten diese 90 Prozent der Umsätze aus. Musk sieht darin zu große Einflussnahme der Werbetreibenden auf die Inhalte. Er setzt, zumindest für staatliche und gewerbliche Accounts, auf Abo-Modelle.
Um Nutzer anzuziehen, soll Twitter wie Wechat werden, sagte Musk im Juni in einer Fragestunde mit Twitter-Angestellten. Wechat ist eine Plattform in China, auf der nicht nur Nachrichten ausgetauscht werden können, sondern mit der man auch bezahlen oder einkaufen kann. „Die Menschen leben mit Wechat in China“, sagte Musk, „wenn wir das nachmachen können, wird Twitter ein großer Erfolg.“ Dass die App auf einem komplett anders erlernten Onlineverhalten basiert, auch zu staatlichen Zwecken genutzt wird und zudem praktisch alle Informationen mit der Regierung in Peking teilt, lässt er dabei außen vor.
Auch eine andere chinesische App sieht Musk als Vorbild: Mithilfe von neuen Algorithmen, ähnlich denen von der Videoplattform Tiktok, soll Twitter besser „sich anbahnende Neuigkeiten“ aufdecken: „Wir könnten Twitter ähnlich interessant machen.“
Erstpublikation: 05.10.2022, 16:47 Uhr.