Versicherung: Hurrikan „Ian“ trifft Hannover Rück weniger stark als die Konkurrenz
Hurrikan „Ian“ sorgt für Schäden in Millionenhöhe.
Foto: ReutersMünchen. Die Hannover Rück leidet weniger stark unter den schweren Schäden durch Hurrikan „Ian“ als die Wettbewerber Munich Re und Swiss Re. Der drittgrößte Rückversicherer der Welt meldete am Donnerstag eine Schadensumme für den schweren Wirbelsturm von 276 Millionen Euro. Bei der Munich Re sprach Vorstand Thomas Blunck im Oktober von erwarteten Schäden von 1,6 Milliarden Euro, bei der Swiss Re geht man von 1,3 Milliarden Dollar durch Ian aus.
Dennoch summierte sich die Belastung durch Großschäden für die Hannoveraner nach neun Monaten bereits auf 1,484 Milliarden Euro. Sie liegt damit deutlich über den budgetierten Erwartungen von 1,079 Milliarden Euro. „Bereits vor den großen Zerstörungen durch Hurrikan Ian war 2022 ein Jahr mit hoher Großschadenbelastung“, sagte Vorstandschef Jean-Jacques Henchoz in einer ersten Reaktion. Die hohen Inflationsraten verteuerten dabei die Wiederaufbaukosten zusätzlich.
Weil auf der Gegenseite die eingeleitete Zinswende zu einem Kapitalanlageergebnis über den Erwartungen führte und auch die Personen-Sachversicherung einen hohen Gewinn beisteuerte, erreichte die Hannover Rück nach neun Monaten dennoch einen Nettokonzerngewinn von 871 Millionen Euro. Er lag damit sogar leicht über den 856 Millionen Euro aus dem Vorjahr.
Für das Gesamtjahr rechnet der Dax-Konzern trotz der schwierigen Rahmenbedingungen weiter mit dem Gewinnziel von 1,4 bis 1,5 Milliarden Euro, das zu Jahresbeginn ausgegeben wurde. Allerdings würde man wohl nur das untere Ende der Spanne erreichen, hieß es.
Zugute kommt der Hannover Rück allerdings die Zinswende. Die Kapitalanlagerendite von zuletzt 2,9 Prozent übertraf die Erwartungen von 2,5 Prozent deutlich. Das Kapitalanlageergebnis profitierte vor allem vom hohen Anteil inflationsgesicherter Anleihen im Depot, die in den Monaten von Januar bis September 301 Millionen Euro zum Gewinn beigetragen haben.
Lage für Rückversicherer bleibt herausfordernd
Im operativen Geschäft zeichnet sich allerdings weiter ab, dass das Geschäftsjahr 2022 für die Rückversicherer sehr herausfordernd wird. Der Angriffskrieg in der Ukraine, die hohe Inflation, dazu weiterhin die Belastungen aus der Coronapandemie, dies alles sorgte im Jahresverlauf bereits für hohe Schäden, der schwere Wirbelsturm Ian verschärfte zuletzt die Summe der Schadenzahlungen. Insgesamt rechnet die Branche für Ian mit versicherten Schäden zwischen 50 und 65 Milliarden Dollar.
Das schwere Unwetter gehörte damit zu den fünf teuersten Wirbelstürmen aller Zeiten. Dadurch verschärft sich für die Branche der Trend aus dem ersten Halbjahr. Bei der Hannover Rück lagen die Gesamtschäden durch Naturkatastrophen mit 850 Millionen Euro zu diesem Zeitpunkt bereits weit über dem Doppelten des Vorjahreszeitraums. Überflutungen in Australien, Stürme in Europa und Überflutungen in Südafrika waren die Treiber.
Die hohen Schäden, gepaart mit einer anhaltend hohen Inflation, führen bei den Rückversicherern allerdings auch zu deutlich steigenden Prämieneinnahmen. Bei der Hannover Rück wuchsen die Bruttoprämieneinnahmen in den ersten neun Monaten um 21 Prozent auf 26,3 Milliarden Euro. Damit sind nach einem Dreivierteljahr beinahe schon die 27,8 Milliarden Euro erreicht, die der Dax-Konzern im vergangenen Jahr erzielt hatte. Im sonst schwachen Dax war die Hannover Rück am Donnerstagmorgen mit einem Plus von einem Prozent der größte Gewinner.
Trotz der weiterhin hohen Nachfrage hält der Konzern an seiner Prognose von einem erwarteten Prämienplus von 7,5 Prozent im Gesamtjahr fest. Vorstandschef Henchoz mahnt gerade wegen der hohen Nachfrage nach Versicherungsschutz zur Disziplin beim Abschluss von Neuverträgen. „In den kommenden Monaten gilt es mehr denn je, die technische Profitabilität unseres Geschäfts zu bewahren“, so der Schweizer. „Qualität statt Quantität“ laute die Devise im Neugeschäft.
Aufseher warnen vor hoher Inflation
Tendenziell könnte das kommende Jahr herausfordernder für die gesamte Branche werden als die aktuell bereits schwierige Phase. Wer dabei jetzt angesichts der hohen Kundennachfrage allzu sorglos bei Vertragsabschlüssen agiere, der könnte womöglich in Zukunft Verluste einfahren, so der Tenor in Hannover.
Frank Grund, der bei der Bafin für die Versicherungsaufsicht zuständig ist, hatte erst am Donnerstag von klaren Auswirkungen der hohen Inflation für die Rückversicherer gesprochen. „Das dürfte sich in der Erneuerungsrunde zum Jahreswechsel in Form deutlicher Preissteigerungen für die Erstversicherer bemerkbar machen“, sagte Grund. Die Folge wäre höhere Prämien für Privatkunden. Ende Oktober hatte die Hannover Rück für die Kfz-Versicherung Preiserhöhungen von mindestens zehn Prozent für das kommende Jahr in Aussicht gestellt.
Auf der Gegenseite belasten die hohen Schadenzahlungen. Am deutlichsten machte sich das zuletzt bei Swiss Re, der Nummer zwei am Markt, bemerkbar. Nach neun Monaten stand dort ein Verlust von 285 Millionen Dollar. Für Naturkatastrophen mussten die Schweizer im laufenden Jahr bereits 2,7 Milliarden Dollar begleichen, mit 1,3 Milliarden Dollar war Hurrikan Ian dabei fast für die Hälfte der Summe verantwortlich.
Beim Marktführer Munich Re schlugen die Schäden durch das schwere Unwetter im Südosten der USA nach vorläufigen Schätzungen gar mit 1,6 Milliarden Euro zu Buche. Dennoch dürften die Münchener am kommenden Dienstag wohl einen Gewinn von rund einer halben Milliarde Euro präsentieren. Auch das Jahresziel von 3,3 Milliarden Euro wollen sie noch immer erreichen.