Branchentreffen in Baden-Baden: Cyberattacken, Naturkatastrophen, Inflation: Die Rückversicherer bekommen die Multikrise zu spüren
Wegen der hohen Schäden klagen die Versicherer dennoch über ein Verlustgeschäft.
Foto: E+/Getty ImagesMünchen, Frankfurt. Wenn sich die großen Rückversicherer ab dem Wochenende zum traditionellen Treffen mit ihren Kunden in Baden-Baden versammeln, dann mag auf den ersten Blick alles wie immer wirken. So wie vor der Pandemie werden mehr als 2600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Dreieck zwischen Kurhaus, Kongresszentrum und Brenners Parkhotel über die Konditionen zur Absicherung von Großschäden verhandeln.
Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zu früheren Jahren: Weil die Häufung der Schäden Teile der Branche in die Verlustzone geführt hat, steigen die Preise.
Das sorgt bei den Rückversicherern aber nur teilweise für Entlastung. „Die gesamte Entwicklung führt zu sinkender Profitabilität der Versicherer, auch wenn sie einige der Kosten an ihre Kunden weiterreichen können“, ist sich Matthew Mosher, Chef der Ratingagentur AM Best, sicher.
Mit Hochdruck arbeiten die Branchengrößen Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück an der Preisgestaltung mit ihren Großkunden. Selten gab es in den vergangenen Jahren eine solche Vielzahl an Herausforderungen, die allesamt zu erheblichen finanziellen Schäden führen können. An der Spitze steht neben den Naturkatastrophen vor allem die Absicherung gegen einen Cyberangriff.
Der britische Spezialversicherer Hiscox, der bereits 2011 Cyberschutz in Deutschland eingeführt hat, wertet die Bedrohung durch Hackerangriffe laut einer Kundenumfrage inzwischen als Risiko Nummer eins für Unternehmen – noch vor einem Wirtschaftsabschwung, der Pandemie oder dem Fachkräftemangel.
Homeoffice, die digitale Vernetzung und damit die Verwundbarkeit der Firmen habe deutlich zugenommen, und es komme immer häufiger zu kritischen Sicherheitslücken, die viele Unternehmen gleichzeitig betreffen, beobachtet Managing Director Markus Niederreiner.
Für die Versicherer hat das dramatische Folgen. Aus der erhofften Erfolgsgeschichte mit Cyberversicherungen, die der Branche gerade im Geschäft mit Gewerbekunden neue Einnahmen einbringen sollte, ist ein Verlustgeschäft geworden.
Zwar ist die Zahl der Gewerbe- und Privatkunden, die im vergangenen Jahr eine Cyberversicherung abgeschlossen haben, um rund ein Viertel auf 243.000 gestiegen. Weil gleichzeitig aber die Zahl der Cyberschäden auf 3700 und damit um 56 Prozent gewachsen ist, muss die Branche erstmals deutliche Verluste verkraften. Einem Euro an Einnahmen standen 1,24 Euro an Ausgaben gegenüber, heißt es beim Branchenverband GDV.
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Besser läuft es nach eigener Aussage bei der Munich Re, die mit einem Anteil von rund 20 Prozent Marktführer für Cyberversicherungen in Deutschland ist und weltweit einen Anteil von 14 Prozent hält. Schwerpunkte der Münchener sind Unternehmen oder private Haushalte. Die sogenannten Limits, die das maximal versicherte Risiko angeben, werden dabei tendenziell klein gehalten.
„Damit sind wir bisher gut gefahren“, so Munich-Re-Vorstand Thomas Blunck. Die Schaden-Kosten-Quote, die bei Werten unter 100 Prozent einen Gewinn für die Versicherer signalisiert, liegt bei den Münchenern in Europa unter 90 Prozent, weltweit sind es 85 Prozent.
Der Rückversicherer ist Marktführer für Cyberversicherungen.
Foto: Munich REAktuell verändert sich allerdings der Markt für Cyberversicherungen rasant. Die Prämieneinnahmen in Europa haben in den vergangenen fünf Jahren nach Angaben der Munich Re von rund 400 Millionen Euro auf zwei Milliarden Euro zugelegt. Wegen gestiegener Schäden fährt die Branche aber derzeit Angebot und Deckungssummen herunter. Die Folgen sind teilweise Preissteigerungen von bis zu 300 Prozent, wie Makler berichten.
Gleichzeitig wurden die Selbstbehalte erhöht und die Limits für das Einzelrisiko reduziert. Lagen die Risikogrenzen davor in der Regel noch bei zehn Millionen Euro, so sind heute eher fünf Millionen Euro der Normalfall. Manche Einzelschäden, die zuletzt Dimensionen im hohen einstelligen Millionenbereich erreicht hatten, werden so nicht mehr komplett abgedeckt.
Immer öfter kommt es ebenfalls vor, dass sogenannte Hauptschadenursachen in den Bedingungen ausgeschlossen werden. Dazu zählen vor allem Schäden durch Ransomware-Attacken, also die Erpressung von Lösegeld durch das illegale Eindringen in Systeme. Dass die Kunden über weniger Leistungen bei deutlich steigenden Prämien nicht glücklich sind, versteht sich. Weil der Trend aber branchenweit gleich ist, fehlen die
Ausweichmöglichkeiten. Zumal das Risiko in Art und Umfang weiter zunimmt. Erst vor wenigen Tagen wurden Angriffe gegen das Verlagshaus Heilbronner Stimme und den Babynahrungshersteller Hipp bekannt. Ein großes Thema in Baden-Baden dürften damit die Verhandlungen um den Cyberschutz der Zukunft darstellen.
Damit ist jedoch nur ein kleiner Teil der Herausforderungen umrissen, vor denen die Rückversicherer derzeit stehen. Die hohen Schäden durch Naturkatastrophen, mit denen die Branche seit Jahren zu tun hat, erreichten kürzlich mit Hurrikan „Ian“ im US-Bundesstaat Florida einen weiteren traurigen Höhepunkt.
Nachdem anfangs die Schätzungen weit auseinanderlagen, gehen die Experten der Swiss Re inzwischen von versicherten Gesamtschäden von 50 bis 65 Milliarden Dollar aus. Der Schaden für den Schweizer Rückversicherer soll bei 1,3 Milliarden Dollar liegen. Für den Konzern hat der Wirbelsturm Auswirkungen auf das Ergebnis. Im dritten Quartal erwartet Swiss Re nun einen Verlust von einer halben Milliarde Dollar. Für das Gesamtjahr rechnet Berenberg-Analystin Kathryn Fear jetzt nur noch mit einem Jahresgewinn von 947 Millionen Dollar, nach 1,4 Milliarden Dollar im Vorjahr.
Auch bei der Hannover Rück reagierten die Börsianer zuletzt verunsichert, als die Führung des Konzerns beim Investorentag die finanziellen Auswirkungen durch „Ian“ noch nicht genau beziffern konnte. Vorstandschef Jean-Jaques Henchoz versuchte zwar zu beruhigen und argumentierte, dass der Marktanteil der Hannoveraner in Florida geringer sei als im Rest der USA. Der Aktienkurs geriet dennoch unter Druck. Bei der Munich Re arbeitet man laut Vorstand Blunck noch an den Schadenberechnungen zu „Ian“ und geht von einer Gewinnspanne im dritten Quartal im Rahmen der bisherigen Erwartungen aus.
Teure Naturkatastrophen
Absehbar ist schon jetzt, dass die Absicherung gegen Naturkatastrophen deutlich teurer werden dürfte. Die Ratingagentur Fitch erwartet eine schwierigere Erneuerungsrunde für viele Verträge zum 1. Januar als in den Vorjahren. Die Gründe sind vielfältig.
Zum einen zeigen sich die Auswirkungen des Klimawandels in immer deutlicheren Konsequenzen. Neben Hurrikan „Ian“ in Florida gab es auch in Europa in diesem Jahr bereits zahlreiche Extremwetterereignisse – von Winterstürmen über Hagelunwetter bis hin zu Waldbränden. Zum anderen zeichnet sich bereits ab, dass in besonders gefährdeten Gebieten wie in Küstenregionen die Versicherung faktisch unbezahlbar werden könnte. Munich-Re-Vorstand Torsten Jeworrek hatte sich im Handelsblatt-Interview zuletzt entsprechend geäußert.
„Die Nachfrage nach einer Risikoabsicherung steigt in den aktuell unsicheren Zeiten in allen Regionen deutlich an. Zugleich gibt es Rückversicherer, die in manchen Gegenden ihre Kapazitäten zurückfahren“, beschreibt Frank Reichelt, der bei Swiss Re für das Geschäft in Nord-, Zentral- und Osteuropa verantwortlich ist, die schwierige Gemengelage. Allein für die Naturkatastrophenrisiken in Deutschland erwartet er, dass die Erstversicherer für das Jahr 2023 zwischen zwei und zweieinhalb Milliarden Euro mehr Rückversicherungsschutz einkaufen wollen.
Das liegt auch daran, dass die massiv gestiegene Inflation zu höheren versicherten Werten führt. Bemerkbar macht sich das in allen Sparten, besonders deutlich aber in der Kfz- und in der Wohngebäudeversicherung. In Baden-Baden wird Swiss Re mit seinen Kunden daher auch über höhere Selbstbehalte sprechen müssen, in denen sich die Schadeninflation Reichelt zufolge bisher nicht widerspiegelt.
Schäden in Millionenhöhe durch Krieg
Der russische Angriffskrieg in der Ukraine und seine Folgen sind eine weitere Herausforderung für die Versicherungswirtschaft. Weltweit gestörte Lieferketten führen dazu, dass Reparaturen länger dauern und die Schäden damit nochmals teurer werden.
Zwar beteuern Topmanager wie Munich-Re-Chef Joachim Wenning immer wieder, dass der Krieg an sich generell nicht versicherbar sei. Dennoch meldete der weltgrößte Rückversicherer in indirektem Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg im ersten Halbjahr Schäden in Höhe von 200 Millionen Euro. Dabei dürfte es nicht bleiben. Wenning hatte bereits im April im Handelsblatt-Interview angedeutet, dass er die Wahrscheinlichkeit gerichtlicher Auseinandersetzungen für relativ hoch hält. Wegen der vielerorts ungeklärten Lage, beispielsweise um Leasingverträge für in Russland stillgelegte Flugzeuge, dürften weitere Quartale folgen, ehe es genauere Zahlen zu möglichen Schäden gibt.
Zurückgegangen sind hingegen die Belastungen der Rückversicherer in Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie. Sowohl Munich Re als auch Swiss Re und die Hannover Rück hatten im Sommer bereits von deutlich geringeren Belastungen gesprochen als im Vorjahr. Aber dieser positive Trend wird nichts daran ändern, dass die Verhandlungen im Schwarzwald-Kurbad für die Rückversicherer nicht einfach werden: „Baden-Baden ist der Beginn einer Diskussion, die erst am Anfang steht“, erwartet Claudia Hasse, Deutschlandchefin der Munich Re.