Rückversicherung: Hannover Rück erwartet weitere Preiserhöhungen im nächsten Jahr
Zuletzt ist Europa mit steigenden Naturkatastrophenschäden in den Fokus gerückt.
Foto: IMAGO/ANE EditionMonte Carlo, Frankfurt. Der weltweit drittgrößte Rückversicherer Hannover Rück rechnet – wie auch seine Konkurrenten – im nächsten Jahr mit steigenden Preisen im Schaden- und Unfallgeschäft. Die hohe Inflation in vielen Regionen der Welt befeuere den langjährigen Trend zu immer höheren Belastungen für Erst- und Rückversicherer.
Das sagte Hannover-Rück-Vorstandschef Jean-Jacques Henchoz auf einer Pressekonferenz beim traditionellen Branchentreffen in Monte Carlo: „In der Schaden-Rückversicherung sind weitere Ratenerhöhungen deshalb unvermeidbar.“
Nach zwei Jahren Pandemie treffen sich die Rückversicherer erstmals wieder vor Ort im Fürstentum Monaco, um mit Erstversicherern und Maklern über die anstehenden Vertragserneuerungen zum 1. Januar 2023 zu sprechen. Auch die Branchenriesen Munich Re und Swiss Re betonten hier bereits, dass sie weitere Preissteigerungen erwarten.
Moses Ojeisekhoba, Reinsurance-Chef von Swiss Re, sagte, dass die Versicherungsindustrie zusätzlich zu den Auswirkungen der Coronapandemie und den steigenden Schäden aus Naturkatastrophen nun auch mit Themen wie Inflation, Rezessionsrisiko und geopolitischen Spannungen konfrontiert sei. Durch die Zunahme der Kostentreiber müssten die Versicherungsprämien neu kalibriert werden. Munich-Re-Vorstandsmitglied Thomas Blunck erklärte gegenüber dem Handelsblatt, dass die Versicherungsprämien steigen müssten, um das tatsächliche Schadenrisiko widerzuspiegeln.
Das erste Halbjahr 2022 sei für die Erst- und Rückversicherer anspruchsvoll gewesen, betonte auch Henchoz von Hannover Rück. Er verwies auf Großschäden und eine Reihe mittelschwerer Schäden in der Schaden-Rückversicherung sowie pandemiebedingte Kosten in der Personen-Rückversicherung.
Der Krieg in der Ukraine stelle zwar alle diese Herausforderungen in den Schatten. Die Belastungen für die Versicherungsbranche seien derzeit aber noch nicht vernünftig abschätzbar.
Die gestiegenen Zinsen seien positiv für die Versicherer. Sie würden jedoch erst mit Verzögerung das Kapitalanlageergebnis steigern.
Inflation wird sich auf mehrere Sparten auswirken
Preiserhöhungen für Rückversicherungsschutz seien vor allem deshalb notwendig, weil das inflationäre Umfeld infolge des Ukrainekriegs länger anhalte als ursprünglich erwartet, heißt es bei Hannover Rück weiter. Die Inflation sei im Vorjahr bereits bei Naturkatastrophenschäden spürbar gewesen. Nun werde sich der Preisauftrieb auch in Sparten auswirken, die zuletzt nicht von hohen Schäden betroffen waren.
Trotz steigender Versicherungsprämien sieht Hannover Rück bei den Kunden eine weiterhin hohe Nachfrage nach Rückversicherungsschutz, was auch Munich Re und Swiss Re bereits erklärt hatten. Die Ratingagentur Fitch teilt diese Einschätzung, wie aus einem aktuellen Kommentar hervorgeht.
Demnach sollte die Nachfrage im Rückversicherungsgeschäft von der momentanen konjunkturellen Schwäche relativ wenig betroffen sein. Fitch rechnet zudem mit einer stabilen Gewinnsituation der Rückversicherer im Jahr 2022 und 2023. Höhere Preise und Kapitalanlageergebnisse sollten die Inflation der Schadenkosten weitgehend ausgleichen können, prognostiziert die Ratingagentur.
Europa ist stark von Naturkatastrophen betroffen
Geografisch traten Naturkatastrophen zuletzt verstärkt in Europa auf. Nach den Fluten im Jahr 2021 kamen es in diesem Winter zu einer Reihe von schadenträchtigen Stürmen.
Vor allem das Versicherungsgeschäft in Deutschland sei im laufenden Jahr bereits „erheblich durch Naturkatastrophen belastet“, hieß es bei Hannover Rück. In der Rückversicherung von Naturkatastrophenschäden seien daher deutliche Konditionsanpassungen notwendig.
Trotzdem sehe man in Europa weitere Geschäftsmöglichkeiten in der Rückversicherung von Naturkatastrophenschäden, sagte Hannover-Rück-Vorstandsmitglied Silke Sehm. Man sei optimistisch, dass die internen Risikomodelle so gut seien, dass man auch mit den sogenannten sekundären Naturgefahren gut umgehen könne. Dazu zählten Fluten, Dürren und Waldbrände, die mit dem Klimawandel zunehmen.
Auch Munich Re und Swiss Re wollen ihr Naturkatastrophengeschäft generell weiter ausbauen. Andere Anbieter sind zurückhaltender.
Wegen höherer Ersatzteilpreise und Reparaturkosten rechnet Hannover Rück speziell in Deutschland zudem mit „einer deutlichen Eintrübung der Ergebnisse in der Kraftfahrtsparte“ und damit auch einer Notwendigkeit, die Prämien zu erhöhen. Von höheren Rückversicherungspreisen in der Kfz- und der Wohngebäudeversicherung sei auch in Frankreich auszugehen, nachdem es hier zwischen Mai und Juli viele Hagelschäden gegeben hatte. In Großbritannien erwartet Hannover Rück dagegen vor allem Preissteigerungen im Cyber-Geschäft.
In Nordamerika gab es in diesem Jahr bislang wenig Großschäden
Im Gegensatz zu Europa gab es in Nordamerika im ersten Halbjahr 2022 vergleichsweise wenige Großschäden. Die anhaltend hohe Inflation und viele mittelgroße Schäden führten bei den Erneuerungen im Jahresverlauf aber auch hier zu Preissteigerungen.
Insbesondere das Naturkatastrophengeschäft wird aber schwieriger. Die Inflation führt zu höheren Schadenkosten, einige Anbieter limitieren ihre Rückversicherungskapazität. Hannover Rück erwartet daher, dass die Prämien im Jahr 2023 zweistellig steigen werden.
Auch in Lateinamerika erwartet Hannover Rück im Naturkatastrophengeschäft eine steigende Nachfrage nach Rückversicherungsschutz. Der Dax-Konzern musste unter anderem bei der Dürrekatastrophe in Brasilien einspringen und betroffene Landwirte entschädigen.
Die Region Asien-Pazifik gilt weiterhin als Wachstumsmarkt, war in den vergangenen Monaten aber auch von zahlreichen Herausforderungen geprägt. Darunter waren die Überschwemmungen in Australien und die Erdbeben in Japan.
Vom Krieg in der Ukraine ist Hannover Rück vor allem im Spezialgeschäft betroffen. Sowohl bei den Luftfahrt- als auch bei den Transporterneuerungen habe das Unternehmen seit dem Ausbruch des Krieges weitgehende Ausschlüsse in ihren Verträgen vereinbart und zum Teil auch Geschäft abgegeben, um sich vor einer potenziellen Ausweitung des Krieges zu schützen. Bei der Vertragserneuerung sei auch hier mit steigenden Preisen und Restrukturierungen von Rückversicherungsprogrammen zu rechnen.