Morning Briefing: Bei Continental wird ein Alptraum zur Realität
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
was für zehntausende von Firmenchefs (und mindestens ebenso viele IT-Leiter) ein schlimmer Alptraum ist, wurde bei Continental zur Realität: Vergangene Woche bestätigte der Automobilzulieferer Handelsblatt-Informationen, nach denen die Hacker- und Erpresserbande „Lockbit 3.0“ im August eine erhebliche Menge Daten des Unternehmens gestohlen hat. Es ist das erste Mal, dass ein solch massiver Datenklau bei einem Dax-Konzern bekannt wurde.
Die Hacker erbeuteten offenbar sensible Daten. Das geht aus einer Liste hervor, die die Angreifer auf ihrem Blog im Darknet veröffentlicht haben. In der Liste finden sich unter anderem Budget-, Investitions- und Strategiepläne, Unterlagen aus dem Personalbereich sowie vertrauliche Dokumente und Kommunikation der Vorstände und Aufsichtsräte.
Continental wollte sich auf Anfrage nicht zu der Liste äußern. Lockbit hat die Conti-Daten Ende vergangener Woche für 50 Millionen Dollar zum Verkauf gestellt, nachdem das Unternehmen offenbar kein Lösegeld zahlen wollte. Frage am Rande: Lautet das Passwort für Ihren Firmenrechner eigentlich auch „Start123!“? Dann besteht Handlungsbedarf.
Hacker der Ransomware-Gruppe „Lockbit 3.0“ haben etliche Daten des Autozulieferers erbeutet.
Foto: Continental AGEs ist schon ein seltsam zusammengewürfelter Club, der sich da heute auf Bali trifft. Vertreter der absolutistischen Monarchie Saudi-Arabien sitzen an einem Tisch mit Joe Biden, dem Präsidenten der ältesten bestehenden Demokratie der Welt. Das kommunistische Regime in Peking spricht mit dem Mutterland der Marktwirtschaft Großbritannien. Australien mit gerade mal 26 Millionen Einwohnern sitzt gleichberechtigt neben Indien, wo schon im Ballungsraum Delhi mehr Menschen wohnen.
Wahrscheinlich ist es gerade der Verzicht auf ideologische Kohärenz, der den relativen Erfolg der G20 ausmacht: Wenn eh klar ist, dass man über weltanschauliche Fragen besser gar nicht erst anfängt zu diskutieren, kann man schneller zu pragmatischen Lösungen kommen. Weil die Beschlüsse der G20 von den Teilnehmern freiwillig umgesetzt werden, gibt es auch keinen Streit über Abstimmungsmodalitäten. Und weil am Tisch immerhin 86 Prozent der Weltwirtschaft und 62 Prozent der Weltbevölkerung versammelt sind, hat das, was die G20 beschließen und umsetzen, mehr „Impact“ als sämtliche Abstimmungen der UN-Vollversammlung.
Aber diesmal ist etwas anders beim G20-Gipfel. Mit Wladimir Putin fehlt jener Kopf in der Runde, um dessen Politik sich die meisten Diskussionen drehen werden – und den manch ein Teilnehmer wohl am liebsten kleingefaltet im Diplomatengepäck mitnehmen würde zum Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Deutschlands „Mr. Geopolitik“ Wolfgang Ischinger, der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, urteilt im Handelsblatt-Interview: „Dass er nur seinen Außenminister schickt, zeigt: Putin ist sich bewusst, wie isoliert er inzwischen ist. Er hat sich ausgerechnet, dass er bei diesem Gipfel nichts zu gewinnen hat.“
Ja, die Träume von Diplomaten sind klein geworden in diesen Tagen. Gastgeber Indonesien hat erklärt, den G20-Gipfel nicht zu einem „Ukrainekonflikt-Gipfel“ machen zu wollen. Viele Schwellenländer in Afrika, Asien und Lateinamerika betrachten den Krieg in Osteuropa lediglich als regionales Ereignis. „Wir bekommen von diesen Ländern immer wieder zu hören, es gebe auch vor ihrer Haustür Konflikte, für die sich der Westen nicht interessiere“, sagt ein deutscher Regierungsvertreter.
Doch auch die Verhandlungen über gleich zwei große Gipfelthemen, die den Schwellenländern wichtig sind – Ernährungssicherheit und Energiewende – stehen im Zeichen des Ukrainekriegs.
Im Laufe der Nacht gab es auf Bali einen Durchbruch: Die G20 einigten sich auf einen Entwurf für eine Abschlusserklärung. Die EU und die westlichen Staaten sollen dabei gegen den anfänglichen Widerstand Moskaus durchgesetzt haben, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine scharf verurteilt werden kann.
Einige Sparten des Online-Händlers schwächeln.
Foto: ReutersJetzt also auch Amazon: Der weltgrößte Online-Händler will angeblich in den kommenden Wochen mehr als 10.000 Angestellte entlassen, wie „New York Times“, Bloomberg und „Washington Post“ berichten. In den vergangenen Tagen hatten bereits die Technologiefirmen Meta, Twitter und Salesforce den Abbau tausender Jobs angekündigt.
Und dann ist da noch der ukrainische Verdienstorden dritter Klasse, mit dem das Land laut Nachrichtenagentur dpa drei Journalisten des Springer-Verlags auszeichnen will: „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt, den stellvertretenden „Bild“-Chefredakteur Paul Ronzheimer und den verantwortlichen Redakteur im „Bild“-Ressort Politik, Julian Röpcke. Der frühere ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk gratulierte auf Twitter: „Durch Eure mutige Berichterstattung habt Ihr der Bundesrepublik die Augen eröffnet, dass dieser Krieg jeden Deutschen betrifft“, schrieb er am Montag an Ronzheimer und Röpcke.
Vor allem vor den Leistungen von Ronzheimer als Kriegsreporter habe ich einen Heidenrespekt. Aber dafür den Verdienstorden einer der beiden Kriegsparteien zu erhalten, käme mir seltsam vor. Ganz so, als sei ich in meiner Berichterstattung nicht unparteiisch genug gewesen. Andererseits: Wer möchte in diesem Krieg schon unparteiisch bleiben?
Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem Sie für Ihre Verdienste vor allem mit Ihrem Verdienst belohnt werden.
Herzliche Grüße
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
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