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  5. Analyse der Ratingagentur Fitch: Öffentliche Versicherer könnten zu Fusionen gezwungen sein

VersicherungÖffentliche Versicherer unter Druck – doch ein Miteinander gestaltet sich als schwierig

Weil die Kosten steigen, sollten die zahlreichen Versicherer der Sparkassen über Zusammenschlüsse nachdenken, fordern Experten. Die verweisen auf bereits bestehende Kooperationen.Susanne Schier, Christian Schnell 11.04.2023 - 17:50 Uhr Artikel anhören

Die öffentlichen Versicherer haben einen hohen Marktanteil bei Gebäudeversicherungen.

Foto: imago images/Gottfried Czepluch

Frankfurt, München. Die stark steigenden Kosten könnten zu Zusammenschlüssen unter den öffentlichen Versicherern führen. Viele Anbieter stünden unter einem zunehmenden Ertragsdruck, hieß es von der Ratingagentur Fitch kürzlich. Vor allem kleine öffentliche Versicherer könnten vor diesem Hintergrund zu Fusionen und Geschäftsaufgaben gezwungen sein.

Die öffentlichen Versicherer sind der stille Riese in Deutschlands Versicherungsmarkt. Würden alle Versicherer der Sparkassen-Finanzgruppe unter einem Dach operieren, lägen die jährlichen Bruttobeitragseinnahmen bei 24 Milliarden Euro. Die Versicherer der Sparkassen wären somit hierzulande der zweitgrößte Spieler nach der Allianz und noch vor der Ergo.

Doch meist operieren sie eigenständig. Für die Fitch-Experten ist das wenig effizient. Mögliche Synergien nützten die Versicherer nicht ausreichend, monieren sie. Stattdessen kämpfen alle mit denselben Kostensteigerungen und einem Rückgang der Margen.

Vor allem in der Schadenversicherung sehen die Fitch-Experten große Herausforderungen. Die Inflation treibt die Kosten in die Höhe, Fachleute sprechen von „Schadeninflation“. Besonders betroffen sind Gebäudeversicherungen, bei denen öffentliche Versicherer traditionell einen hohen Marktanteil haben.

Zudem haben die Rückversicherer, bei denen sich die öffentlichen Versicherer absichern, ihre Preise kräftig erhöht. Das lässt sich nur langsam kompensieren. „Prämienerhöhungen können sie insbesondere im Privatkundengeschäft erst nach und nach durchsetzen“, sagt Fitch-Analyst Christoph Schmitt.

Versicherer selbst halten sich für gut aufgestellt

Die öffentlichen Versicherer selbst weisen die Kritik der Ratingspezialisten zurück. „Im Unterschied zur Meinung von Fitch erwarten die öffentlichen Versicherer durchaus einen schrittweisen Ausgleich der gestiegenen Rückversicherungsprämien durch Anpassungen des Prämienniveaus“, heißt es vom Verband öffentlicher Versicherer (VOEV). Die Versicherungskammer Bayern (VKB) – die größte Unternehmensgruppe des Sektors – habe mit Rückversicherern frühzeitig verhandelt, betont eine Sprecherin.

Unverständnis auch in Stuttgart bei der SV Sparkassen Versicherung, dem nach Prämieneinnahmen drittgrößten öffentlichen Versicherer. „Wir fühlen uns in der Wohngebäudeversicherung und auch generell gut aufgestellt.“

Die öffentlichen Versicherer sehen somit vorerst keinen Druck zur Konsolidierung. Der müsste ohnehin von deren Trägern kommen. Das sind bei fast allen öffentlichen Versicherern die Sparkassen, die Landesbanken und Landschaftsverbände sowie die regionalen Sparkassen- und Giroverbände. Doch auch hier teilt man die Fitch-Kritik nicht. Stattdessen verweist man wie beim Sparkassenverband Bayern, einem Träger der VKB, besonders auf ein anderes Fitch-Rating. Das hat dem Versicherer gerade erst ein ausgezeichnetes Zeugnis ausgestellt.

Somit dürfte zumindest kurz- bis mittelfristig alles beim Alten bleiben. Die VKB agiert in Bayern, Berlin, Brandenburg sowie im Saarland. Die SV operiert in Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen und Teilen von Rheinland-Pfalz.

Die Provinzial mit Sitz in Münster und die VGH Versicherungen aus Hannover sind vor allem im Westen und Norden des Landes am Markt vertreten. Was auf den ersten Blick wie ein friedvolles Aufteilen des deutschen Marktes wirkt, stößt jedoch auch wegen seiner Kleinteiligkeit abseits der großen Namen auf Kritik. Gibt es doch nach dem Fitch-Bericht noch immer 42 öffentliche Versicherer.

Fusionen würden zu Skalen- und Synergieeffekten führen

Diese Zahl gibt den Fitch-Analysten zu denken. Denn stünde hier ein einziges Unternehmen, hätte dieses „eine bei Weitem größere Marktmacht“, sagt Fitch-Analyst Schmitt. Ein gemeinschaftlicher Versicherer der deutschen Sparkassen könnte eine höhere Rentabilität als die Konkurrenz erzielen.

Denn gerade die stark steigenden Kosten sind es, die die zahlreichen öffentlichen Versicherer derzeit belasten. Viele Anbieter stünden unter einem zunehmenden Ertragsdruck, heißt es bei Fitch. Vor allem kleine öffentliche Versicherer könnten vor diesem Hintergrund zu Fusionen und Geschäftsaufgaben gezwungen sein.

Besonderer Wettbewerbsdruck kommt zudem vom genossenschaftlichen Sektor. Die Volks- und Raiffeisenbanken haben mit der R+V Versicherung und der DEVK vergleichsweise starke Versicherer an ihrer Seite.

Dass Konsolidierungen bei den öffentlichen Versicherern möglich sind, zeigt die Vergangenheit. Die Versicherungskammer in Bayern hat schon mehrfach Unternehmen unter ihrem Dach vereint – wie etwa die Feuersozietät Berlin Brandenburg und die Saarland Versicherungen. An anderer Stelle klappte nach jahrelangen Versuchen die Fusion von Provinzial Nordwest und Provinzial Rheinland. Dort erwarten die Fitch-Experten nun weitere Kosteneffizienzen durch die Standardisierung von Prozessen und IT-Systemen.

Versicherer kooperieren in verschiedenen Bereichen

Insgesamt sollte dieser Prozess weitergehen, fordern die Analysten. Zusammenschlüsse zwischen größeren Anbietern mit Prämieneinnahmen von mehr als einer Milliarde Euro würde deren geografische Diversifikation stärken und die Kapitalanforderungen senken. Eine Ausweitung des Geschäftsgebiets hätte auch den Vorteil, nicht mehr so stark von regionalen Katastrophen getroffen zu werden – wie etwa die Provinzial von der Flut im Ahrtal.

Kurzfristig hält aber selbst Fitch größere Zusammenschlüsse für unrealistisch. Fusionsüberlegungen würden mit einem jahrelangen, auch politisch getriebenen Hin und Her einhergehen, wie Beispiele aus der Vergangenheit zeigten, sagt Schmitt.

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Er rät den öffentlichen Versicherern trotzdem, gemeinsam als Marke aufzutreten, um bei Verbrauchern besser wahrgenommen zu werden. Die winken aber ab. Wegen der hochkomplexen Eigentümerstrukturen der verschiedenen Versicherer sei selbst das schwer umsetzbar, findet der Sparkassen- und Giroverband Hessen-Thüringen.

Stattdessen setzen die Anbieter auf eine gegenseitige Unterstützung ohne Fusion. Anfang vergangenen Jahres haben sie beispielsweise einen gemeinsamen Naturkatastrophen-Schadenpool eingerichtet. Er soll künftig Schäden abfedern, die einem öffentlichen Versicherer nach einem regionalen Naturereignis entstehen, aber über den bestehenden Rückversicherungsschutz hinausgehen.

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