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BankenkriseDie EZB-Bankenaufseher sind besorgt wegen der Nervosität an den Märkten

Andrea Enria, der oberste Bankenaufseher der Euro-Zone, will mehr Transparenz für Kreditausfallversicherungen. Sie gelten als einer der Auslöser für die jüngsten Turbulenzen um Bankaktien.Elisabeth Atzler, Yasmin Osman, Andreas Kröner 28.03.2023 - 19:39 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Der EZB-Chefbankenaufseher blickt aufmerksam auf die aktuelle Situation.

Foto: Handelsblatt

Frankfurt. Der jüngste Absturz von Bankaktien hat Europas obersten Aufseher über die Branche einen Schrecken eingejagt. „Was mich wirklich beunruhigt, war das Ausmaß an Nervosität, das ich in den Märkten wahrgenommen habe“, sagte Andrea Enria, der Chef der EZB-Bankenaufsicht, am Dienstag auf der Handelsblatt-Tagung Bankenaufsicht.

Nach der Pleite der Silicon Valley Bank (SVB) und der Rettung von Credit Suisse war die Aktie der Deutschen Bank am vergangenen Freitag zeitweise um 15 Prozent eingebrochen. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach dem Geldhaus daraufhin demonstrativ sein Vertrauen aus.

„Wir sehen natürlich eine echte Nervosität im Markt“, erklärte Raimund Röseler, der oberste Bankenaufseher der deutschen Finanzaufsicht Bafin. Geldhäuser mit ähnlichen Problemen wie SVB und Credit Suisse gebe es in der Bundesrepublik nicht. „Natürlich haben wir Probleme bei manchen deutschen Banken, aber kein Problem des deutschen Bankensektors“, sagte Röseler.

„Ich sehe ganz ehrlich nicht die Gefahr einer Systemkrise.“ Doch die jüngsten Schieflagen befeuerten Diskussionen über weiteren Reformbedarf im Bankensektor.

Risiko durch Kreditausfallversicherungen

EZB-Chefaufseher Enria bereite es beispielsweise Bauchschmerzen, welche Bedeutung der „undurchsichtige und illiquide“ Markt für Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) für einzelne Banken hat. Mit dem Einsatz weniger Millionen Euro am Kreditderivatemarkt könne man die Aktie einer Bank mit einer Billionen-Bilanzsumme beeinflussen, ihre CDS-Risikoprämien bewegen sowie möglicherweise Einlagenabflüsse auslösen, sagte Enria. Das beunruhige ihn.

Mit Kreditausfallversicherungen können sich Anleger gegen den Zahlungsausfall eines Unternehmens absichern. Man kann aber auch in diese Derivate investieren, wenn man auf eine negative Entwicklung bei einem Institut spekulieren will.

„Wir sollten mehr Transparenz auf diesen Märkten haben. Vielleicht sollte der Finanzstabilitätsrat FSB überprüfen, wie diese Märkte wirklich funktionieren“, sagte Enria. Der FSB überwacht im Auftrag der G20-Staaten Gefahren für das Finanzsystem.

Inzwischen untersuchen die Aufseher nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg gezielt ein CDS-Geschäft, das beim Kursrutsch der Deutschen Bank und damit der gesamten Branche eine Schlüsselrolle gespielt haben könnte. Dabei handelte es sich um eine Transaktion im Umfang von rund fünf Millionen Euro.

In Finanzkreisen heißt es, dass es am Donnerstagabend ein auffälliges Geschäft mit CDS der Deutschen Bank gegeben habe. Dabei habe ein Marktteilnehmer einen höheren Preis für die Kreditausfallversicherungen bezahlt als unbedingt nötig. Dieser Deal habe ein deutlich höheres Risiko für die Deutsche Bank signalisiert.

Der vermutete Folgeeffekt war, dass Bankaktien am Freitag abstürzten, Staatsanleihen anstiegen und die Risikoprämien für CDS für Banken in die Höhe schnellten. Die Marktkapitalisierung der Deutschen Bank sank um etwa 1,6 Milliarden Euro, die des europäischen Bankenindexes um mehr als 30 Milliarden Euro.

Es gibt aber auch Stimmen, die den Verdacht, dass der Kurssturz der Deutschen Bank durch wenige gezielte Geschäfte ausgelöst worden sei, nicht teilen. „Es gab nicht die eine entscheidende Transaktion“, sagte eine mit dem Sachverhalt vertraute Person. „Es gab mehrere Marktteilnehmer, die sich mit CDS-Kontrakten abgesichert haben“, hieß es. Hedgefonds und andere Marktteilnehmer hätten sich nach den Vorgängen bei Credit Suisse gegen ein Deutsche-Bank-Risiko absichern wollen.

Manche Experten haben den Eindruck, dass Finanzaufseher und Politiker die Lage der europäischen Banken rosiger darstellen, als sie wirklich ist, um den Ausbruch von Panik zu verhindern. Röseler weist diesen Verdacht zurück. „Ich lüge im Regelfall nicht. Und jetzt wirklich nicht.“

DZ-Bank-Finanzchefin Ulrike Brouzi sieht ebenfalls keinen Grund für Panikmache. Sie habe zwar „Verständnis für die Nervosität“, sagte sie. Für eine Rettungsaktion ähnlich wie bei Credit Suisse bestehe in der Bundesrepublik aber kein Bedarf. „Es gibt keine andere Bank, von der man schon seit Monaten weiß, dass sie bei den Aufsehern in der Diskussion ist.“

Karolin Schriever, geschäftsführendes Vorstandsmitglied beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV), beurteilt die Lage ähnlich: „Ich halte das Bankensystem für sehr robust.“ In Europa und Deutschland gebe es mehr Banken als in den USA, darunter viele kleine Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Das wirke stabilisierend.

Die Pleite der SVB hatte die Verwerfungen am Bankenmarkt ausgelöst. Wenig später geriet die Schweizer Bank Credit Suisse ins Wanken und wurde mit der UBS verschmolzen. In beiden Fällen zogen Anleger ihre Einlagen schnell ab. In der Folge drohte den Instituten die Liquidität auszugehen – und sie mussten geschlossen oder notfusioniert werden.

Man müsse nach diesen Bankruns prüfen, ob die in den Liquiditätsmodellen der Banken getroffenen Annahmen noch die richtigen seien, sagte Enria. Röseler sagte: „Wir müssen da sicherlich über die aufsichtsrechtlichen Kennzahlen und Regeln sprechen.“

SVB und Credit Suisse hätten die geltenden Liquiditätsvorgaben bis kurz vor ihrem Zusammenbruch eingehalten, sagte Röseler unter Verweis auf die Liquidity Coverage Ratio (LCR). Kontrolleure nutzen diesen Indikator, um die Liquiditätsrisiken bei Banken einzuschätzen. „Der hat hier nicht funktioniert“, sagte Röseler.

Möglicherweise sei eine höhere Quote nötig, vielleicht müsse man „die Mechanik anpassen, wie man die LCR berechnet“. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht, in dem Notenbanker und Bankenaufseher aus 27 Ländern vertreten sind, wolle über dieses und andere Themen diskutieren und im Juni erste Ergebnisse veröffentlichen.

Der oberste Bankenaufseher der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht gibt sich mit Blick auf die Bankenwelt gelassen.

Foto: Handelsblatt

Liquiditätsvorschriften zwingen Banken dazu, genug Bargeld und andere schnell verfügbare Mittel zu halten, falls Einleger ihr Geld abziehen. Die LCR definiert den Mindestbestand an hochliquiden Aktiva, den Institute als Liquiditätsreserve vorhalten müssen, um im Falle eines Stressszenarios über einen Zeitraum von 30 Tagen auftretenden Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können.

Dass Einlagen in Stresssituationen heute schneller abgezogen werden, führen Bankenaufseher darauf zurück, dass Nachrichten und Gerüchte schneller verbreitet werden – auch über soziale Medien.

Zudem ist es durch die Digitalisierung für Kunden einfacher geworden, Einlagen kurzfristig abzuziehen. Viele Geldhäuser treibt die Frage um, wie sie sich besser gegen Bankruns schützen können. „Wie erkennt man das? Wie kann man das steuern? Das sind Themen, die man sicher auch mit der Aufsicht besprechen wird“, sagte Brouzi.

Debatte über Anpassungen bei der Einlagensicherung

In den USA und in Europa wird darüber diskutiert, ob der Schutz von Kundengeldern durch die Einlagensicherung erhöht werden sollte, um Bankruns zu verhindern. „Nicht versicherte und kurzfristige Bankeinlagen sind einer der Hauptgründe, warum wir Bankruns beobachten“, sagt Florian Heider, Direktor des Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE. Er plädiert dafür, alle kurzfristig kündbaren Sichteinlagen abzusichern.

Für US-Privatanleger sind Einlagen aktuell bis zu 250.000 Dollar abgesichert, in der EU gesetzlich bis 100.000 Euro. In Deutschland ist der Schutzumfang durch zusätzliche, freiwillige Einlagensicherungsfonds deutlich höher.

Bafin-Aufseher Röseler ist offen dafür, über Anpassungen bei der Einlagensicherung zu sprechen, warnt jedoch vor kurzfristigen Änderungen. Das deutsche Einlagensicherungssystem habe immer gut funktioniert. Man dürfe nicht in Aktionismus verfallen. „Ein zentrales Element der Einlagensicherung ist das Vertrauen, und damit sollte man nicht experimentieren.“

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Die Sparkassen, die Marktführer im deutschen Privatkundengeschäft sind, sehen keinen Bedarf für Anpassungen. „Wir sind in Deutschland und in Europa bei der Einlagensicherung stabiler unterwegs“, sagte DSGV-Vorständin Schriever.

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