Ukraine-Krieg: Russland soll Kachowka-Staudamm gesprengt haben – Moskau beschuldigt Kiew
Laut russischen Angaben sind rund 22.000 Menschen von Überschwemmungen bedroht.
Foto: via REUTERSRiga. Seit Monaten warnen ukrainische Behörden vor dem Szenario – nun ist der Kachowka-Staudamm im Süden der Ukraine tatsächlich zerstört. Die Stadt Nowa Kachowka, die sich direkt am Staudamm befindet, stehe unter Wasser, wie der von Russland installierte Bürgermeister Wladimir Leontjew der russischen Nachrichtenagentur Tass zufolge sagte. Die Gegend im Gebiet Cherson wird teilweise von russischen Truppen kontrolliert.
Laut ukrainischen Angaben liegen rund 80 Siedlungen im Überschwemmungsgebiet. Rund 600 Häuser waren am Mittag infolge des Bruchs bereits überflutet, wie Rettungsdienste der russischen Nachrichtenagentur Tass mitgeteilt haben. Der Staudamm ist laut Tass-Informationen auf der Hälfte seiner Länge zerstört und stürze weiter ein. Laut russischen Angaben sind rund 22.000 Menschen von Überschwemmungen bedroht.
Behörden und Politiker in der Ukraine und im Ausland warnen vor massiven kurz- und langfristigen Folgen für die Bewohner, die zivile Infrastruktur sowie die Tier- und Pflanzenwelt in der Region.
An den Plänen zur Gegenoffensive wolle man aber festhalten, heißt es aus Kiew. Seit Monaten wird ein Zurückdrängen der russischen Besatzer durch die Streitkräfte der Ukraine erwartet. Verbündete westliche Staaten haben das Land mit Waffen ausgestattet.
Auch vor diesem Hintergrund beschuldigt die Ukraine Russland, den in den 1950er-Jahren errichteten Damm absichtlich gesprengt zu haben. Präsident Wolodimir Selenski berief am Dienstagvormittag den nationalen Sicherheitsrat ein und schrieb auf dem Nachrichtendienst Telegram, die Zerstörung bestätige, dass die „russischen Terroristen“ von jeder Ecke ukrainischen Bodens vertrieben werden müssten. Nur der Sieg der Ukraine könne Sicherheit zurückbringen.
Ukraine und Russland wollen Sicherheitsrat zu Damm einschalten
Laut Selenski hätten russische Truppen den Damm von innen heraus gesprengt, die Sprengung sei um 2:50 Uhr in der Nacht auf Dienstag vorgenommen worden, so der Präsident.
Präsidentenberater Michailo Podoljak schrieb auf Twitter, Russland habe das Wasserkraftwerk gesprengt und dabei „die größte Umweltkatastrophe in Europa seit Jahrzehnten“ verursacht. Podoljak bezeichnete den Vorgang als Terroranschlag, viele Siedlungen würden in der Folge von der Landkarte verschwinden.
Die Ukraine forderte eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates – und weitere Sanktionen gegen Russland. Auch Russland will seinerseits eine solche Sitzung einberufen, wie die russische Nachrichtenagentur RIA unter Verweis auf einen russischen Gesandten meldete.
Tatsächlich soll die Zerstörung des Staudamms noch an diesem Dienstag den UN-Sicherheitsrat in New York beschäftigen. Eine Dringlichkeitssitzung sei für 16 Uhr Ortszeit (22 Uhr MESZ) anberaumt worden, teilten Diplomatenkreise der Deutschen Presse-Agentur mit.
Das russische Außenministerium beschuldigt die Ukraine, den Staudamm zerstört zu haben. „Der Vorfall ist ein Terroranschlag, der sich gegen zutiefst zivile Infrastruktur richtet“, heißt es in einer am Dienstag veröffentlichten Mitteilung. Die russischen Besatzungsbehörden nannten einen Beschuss durch die ukrainische Armee als Grund für die Zerstörungen an Damm und Kraftwerk.
Laut dem Außenministerium in Moskau handelt es sich um eine geplante und gezielte Aktion des ukrainischen Militärs im Rahmen der eigenen Gegenoffensive. Kiew habe den Staudamm nicht nur beschossen, sondern den Wasserstand durch die vorherige Öffnung einer Schleuse am Oberlauf des Dnipro auf ein kritisches Niveau angehoben.
Kachowka-Staudamm: Nato-Chef Stoltenberg bezeichnet Zerstörung als „ungeheuerliche Tat“
Durch den Dammbruch würden die Landwirtschaft und das Ökosystem der Region Cherson geschädigt und die Wasserversorgung der Krim beeinträchtigt, so der Vorwurf aus Moskau. Die Angaben beider Seiten ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.
Es gibt aber auch noch eine dritte plausible Möglichkeit: ein Unfall. Der amerikanische Journalist Geoff Brumfiel geht davon aus, dass die russischen Besatzer die durch die Schneeschmelze angefallenen Wassermassen nicht richtig handhabten.
Als Beleg führt er unter anderem Satellitenbilder an, die zeigen, wie die Straße auf dem Damm bereits Anfang Juni weggeschwemmt wurde. Zwei Tage vor dem Dammbruch war der Pegel des Kachowka-Stausees demnach auf einem historischen Höchststand. Vermutlich waren der Übergang und das Kraftwerk auch bereits bei den Kämpfen um Cherson im vergangenen Herbst beschädigt worden.
Viele ausländische Staats- und Regierungschefs verurteilten die Zerstörung unterdessen, Bundeskanzler Olaf Scholz bezeichnete sie als „neue Dimension“ im Krieg. Man werde die Ukraine so lange unterstützen, wie dies nötig sei, sagte Scholz.
Der Präsident des Europäischen Rats, Charles Michel, schrieb, die Zerstörung ziviler Infrastruktur gelte „eindeutig als Kriegsverbrechen – und wir werden Russland und seine Stellvertreter zur Rechenschaft ziehen“.
Laut Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg gefährde die Zerstörung des Damms Tausende Zivilisten und verursache schwere Umweltschäden. „Das ist eine ungeheuerliche Tat, die einmal mehr die Brutalität des russischen Krieges in der Ukraine zeigt.“
Russischer Sabotageakt, um die Ukraine-Gegenoffensive auszubremsen?
Die Zerstörung dürfte darüber hinaus das weitere Kriegsgeschehen beeinflussen, vor allem vor dem Hintergrund der lange erwarteten Gegenoffensive von ukrainischer Seite, für deren Beginn sich die Anzeichen in den vergangenen Tagen verdichteten.
Der Wasserstand hinter dem Damm ist laut Tass bereits um zehn Meter gestiegen.
Foto: IMAGO/ITAR-TASSDer in der Sowjetunion geborene britische Historiker Sergey Radchenko von der Johns Hopkins School of Advanced International Studies bezeichnet die Sichtweise Kiews in diesem Kontext als glaubwürdiger als die „üblichen Dementis“ aus Russland. Zum einen habe die Ukraine schon im vergangenen Oktober gewarnt, dass Russland den Damm vermint habe, so Radchenko. Zum anderen würden die Russen der ukrainischen Armee die Überquerung des Flusses stromabwärts von Nowa Kachowka erschweren und so Zeit gewinnen.
Laut Angaben des US-Thinktanks Institute for the Study of War (ISW) vom Dienstag setzt die ukrainische Armee derzeit ihre Bodenangriffe in den Gebieten West-Donezk und Ost-Saporischschja fort, am Montag hätten sie so „begrenzte taktische Fortschritte“ erreicht. Im Süden der Ukraine zielten die ukrainischen Streitkräfte weiterhin auf hintere russische Stellungen. Seit Montag berichten sowohl Moskau als auch Kiew von ausgedehnten Kämpfen entlang der Frontlinien, während die Erwartung steigt, dass Kiews geplante Gegenoffensive nun tatsächlich beginnt.
Spekuliert wird, dass der Vorfall um den Damm ein russischer Sabotageakt sein könnte, um gezielt die ukrainische Gegenoffensive auszubremsen. Laut der Sprecherin des ukrainischen Militärkommandos Süd, Natalia Humeniuk, hätte die russische Armee den Staudamm gesprengt, um die ukrainischen Streitkräfte an der Überquerung des Flusses Dnipro zu hindern.
Den russischen Truppen sei klar gewesen, dass es zu einer Bewegung der ukrainischen Verteidigungskräfte kommen würde. „Sie versuchten auf diese Weise, Einfluss auf die Verteidigungskräfte zu nehmen, damit die von ihnen befürchtete Überquerung des Dnipro nicht zustande kommt.“
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Der Militärstratege Toms Rostoks sieht tatsächlich Auswirkungen auf die mögliche Gegenoffensive der Ukraine: Unter der Annahme, dass die russischen Streitkräfte den Damm gesprengt hätten, sichere dies ihre linke Flanke „für eine Weile“, so Rostoks. Es werde nun mehrere Tage dauern, bis sich der Stausee entleert habe und die Gebiete flussabwärts überschwemmt seien, was es für die ukrainischen Streitkräfte unmöglich mache, eine „amphibische Operation“ durchzuführen, sofern sie sich auf eine solche vorbereiten.
Das ukrainische Militär hatte zuvor mitgeteilt, die Zerstörung werde die geplante Gegenoffensive nicht verhindern. Das Militär sei mit allem nötigen Gerät ausgestattet, um Wasserhindernisse zu überwinden. „Obwohl Russland mit einem Mangel an qualifizierten Truppen und Verbänden konfrontiert ist, möchte es wahrscheinlich die Anzahl der Richtungen reduzieren, aus denen die Ukraine angreifen kann“, sagt Rostoks.
Auch der Sicherheitsexperte Carlo Masala sagte, Russland gehe es darum, eine bereits begonnene ukrainische Gegenoffensive zu verlangsamen. Eine Flussüberquerung sei die schwierigste Operation überhaupt für Streitkräfte, so der Professor der Bundeswehr-Universität München. Mit steigendem Wasser und der Überflutung beider Flussufer würden ukrainische Offensivoperationen an jener Stelle faktisch unmöglich.
Die Zerstörung könne zwar dazu führen, dass die Ukraine ihre Pläne anpasst, erklärte Präsidentenberater Podoljak am Dienstagmorgen. Kiews Wunsch, die besetzten Gebiete des Landes zu befreien, habe sie aber nur verstärkt. In einer Fernsehsendung sagte Podoljak: „Eine Offensive nicht durchzuführen ist für uns keine Option.“
Mitarbeit: Ivo Mijnssen