Medikamentenentwicklung: Pharmabranche fordert mehr klinische Studien in Deutschland
Deutschland fällt bei der Pharmaforschung im internationalen Vergleich zurück.
Foto: Your_Photo_TodayFrankfurt. Deutschland verliert im internationalen Vergleich als Pharmaforschungsstandort an Boden. Diese Sorge treibt die innovativen Pharmaunternehmen bereits seit Längerem um.
Wie ernst die Branche die Lage einschätzt, zeigt eine neue Studie der Strategieberatung Kearney in Zusammenarbeit mit dem Verband der Forschenden Pharmaunternehmen (VFA). Danach gehen derzeit rund 70 Prozent der befragten Pharmaunternehmen davon aus, dass der Forschungs- und Entwicklungsstandort Deutschland für sie an Bedeutung verlieren wird.
Lange Jahre war Deutschland bei der Anzahl klinischer Studien die weltweite Nummer zwei hinter den USA und Spitzenreiter in Europa. Mittlerweile hat nicht nur China Deutschland als Studienstandort überholt, auch in Europa ziehen immer mehr Länder davon.
In ihrer gemeinsamen Studie zeigen der VFA und Kearney auf, wie sich Deutschland von Ländern wie Spanien oder Dänemark den Rang als Studienstandort in Europa abjagen lässt, weil die Studiendurchführung hierzulande durch zu viel Bürokratie, langsame Prozesse und einen mangelnden Zugang zu Gesundheitsdaten heruntergebremst wird.
So fanden im Jahr 2021 in Deutschland nur 33 Studien pro einer Million Einwohnern statt. Und pro einer Million Einwohnern nahmen im Jahr 2021 nur etwa 1500 Menschen an klinischen Studien teil. Dänemark war in beiden Kategorien Spitzenreiter. Dort wurden 192 Studien pro einer Million Einwohnern durchgeführt. Und pro einer Million Einwohnern nahmen 29.311 Menschen an klinischen Studien teil.
Die abnehmende Attraktivität Deutschlands wurde Anfang des Jahres sichtbar. Damals hatte das Mainzer Unternehmen Biontech eine mehrjährige Forschungskooperation mit der britischen Regierung angekündigt.
Die Entscheidung fiel bewusst auf Großbritannien, weil dort die entsprechenden Gesundheitsdaten zur Verfügung stehen. Nationaler Gesundheitsdienst, Forschungseinrichtungen, Aufsichtsbehörden und Privatsektor arbeiteten auf der Insel eng zusammen, lautete die Begründung von Biontech.
„Es liegt im Interesse aller, den Pharma-Innovationsstandort Deutschland wieder stark zu machen“, sagt Marc P. Philipp, Partner und Geschäftsführer bei Kearney. Fachkräfte in Kliniken und Arztpraxen würden sich durch klinische Forschung schon heute mit der Medizin von morgen vertraut machen.
Patienten erhielten durch die Forschung zusätzliche Chancen auf wirksame Behandlung und beste Betreuung. Und Unternehmen könnten neue Medikamente schneller zur Zulassung bringen.
Wie gegengesteuert werden kann, dazu haben VFA und Kearney konkrete Handlungsempfehlungen: Besonderes Augenmerk gilt dabei einer Erhöhung der Geschwindigkeit bei klinischen Studien. Denn heute kann es in Deutschland schon mal neun bis zehn Monate dauern, bis der Vertragsabschluss für eine klinische Studie zwischen Sponsor und durchführendem Zentrum unter Dach und Fach ist, während in anderen europäischen Ländern auch im längsten Fall weniger als die Hälfte der Zeit benötigt wird.
Harmonisierung der Anforderungen
Eine Beschleunigung kann etwa dadurch erreicht werden, dass die Anforderungen der verschiedenen Ethikkommissionen auf Bundes- und Landesebene harmonisiert werden, ebenso wie die Datenschutzrichtlinien für klinische Studien. Hier sollte nach Ansicht der Autoren die Zuständigkeit beispielsweise bei einer Bundesbehörde gebündelt werden, um die Anwendung bundeseinheitlicher Regelungen sicherzustellen.
„Die Stärkung des Innovationsstandorts kann gelingen, wenn Forschung wieder in konkurrenzfähigem Tempo ablaufen kann“, sagt Matthias Meergans, Geschäftsführer Forschung & Entwicklung beim Branchenverband VFA. Ein Blick auf andere Länder könne Deutschland dabei helfen: So hat Frankreich die Bedingungen für klinische Forschung verbessert, indem etwa Musterverträge als Ausgangspunkt für Vertragsverhandlungen zwischen Pharmaunternehmen und Kliniken eingeführt wurden. Und Dänemark ermöglicht innovative – auch digital unterstützte – Studienmodelle und motiviert gezielt zur Teilnahme an Studien.
Ein großes Thema ist auch der Zugang zu Gesundheitsdaten. Andere Länder wie Großbritannien, Israel und Frankreich haben bereits große Forschungsdatenbanken aufgebaut.
Für Deutschland fordern die Studienautoren einen gezielten Aufbau von Registern, die die zentralisierte Aufbereitung von Gesundheitsdaten zu Forschungszwecken ermöglichen. Zudem sollten die Digitalisierungspläne der Bundesregierung wie die Einführung der elektronischen Gesundheitsakte jetzt schnell in die Gesetzgebung überführt werden.
Zur Verbesserung der Forschungssituation braucht es nach Einschätzung der Studienautoren eine Gesamtstrategie, die über eine kleinteilige Diskussion von Einzelmaßnahmen hinausgeht, und eine Bündelung der Kräfte von Politik, akademischen Forschungseinrichtungen und Industrie.
Deutschland muss endlich aus dem Dornröschenschlaf erwachen und eine neue „Deutschland-Geschwindigkeit“ erreichen, so die Studienautoren. Damit Patienten auch zukünftig von medizinischer Innovation profitieren können, seien mehr Dynamik und interdisziplinäre Kooperation erforderlich.