Impfstoffe: Klimawandel bringt neue Viren nach Europa
Durch den Klimawandel kommen neue Insektenarten nach Europa und werden hier heimisch. Die können tropische Infektionskrankheiten übertragen.
Foto: dpaDüsseldorf, Frankfurt. Es ist eine Krankheit, die laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den zehn größten Gefahren für die globale Gesundheit gehört: das Denguefieber, das mit hohem Fieber, Hautausschlag und manchmal auch lebensgefährlichen Blutungen einhergeht. Bis zu 400 Millionen Menschen sollen laut WHO jedes Jahr daran erkranken. Mittlerweile ist das Virus auch in Deutschland angekommen: 214 Fälle gab es hierzulande zwischen Januar und Ende Mai 2023 – mehr als dreimal so viel wie im Vorjahreszeitraum.
In Zukunft könnte es immer mehr Infektionen mit Tropenviren geben, heißt es vom Robert-Koch-Institut. Neben Dengue dürften auch Zika- und Chikungunya-Viren Europa erreichen. Schuld ist der Klimawandel: Durch höhere Temperaturen und starke Niederschläge steigt das Risiko durch Krankheitserreger, die von Stechmücken oder Zecken übertragen werden.
Einzelne Ausbrüche in Europa zu befürchten
Renke Lühken vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin hält das für „besorgniserregend“, da nur für wenige dieser Erreger zugelassene Impfstoffe existierten. Verschiedene Pharmaunternehmen forschen längst daran, Vakzine gegen solche Viren zu entwickeln. Manche wollen sie sogar in Deutschland produzieren.
Bernhard Fleischer von der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit (DTG) erklärt, wie es zu Infektionen in Deutschland kommen kann: „Menschen fahren in endemische Gebiete, kommen infiziert zurück, haben das Virus einige Tage im Blut. Wenn Mücken vorhanden sind und die Temperaturen stimmen, dann kann es zu einem Ausbruch kommen“, sagt er.
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Er glaubt zwar nicht, dass es hierzulande im großen Stil tropische Infektionskrankheiten geben wird. „Es ist aber zu befürchten, dass wir einzelne, kleinere Ausbrüche in Europa sehen werden“, so der Experte.
Übertragen werden die exotischen Krankheitserreger etwa von der Asiatischen Tigermücke oder von der Gelbfiebermücke. Die asiatische Tigermücke tauchte 2007 das erste Mal in Deutschland auf und breitet sich seither immer weiter aus.
Impfstoffe gibt es nur gegen das Denguefieber
Bisher gibt es nur Impfstoffe gegen das Denguefieber. Der japanische Pharmakonzern Takeda hat Ende vergangenen Jahres eine Zulassung für seinen Reiseimpfstoff in Europa, Asien und Lateinamerika erhalten. Ab sofort soll der Impfstoff in Singen am Bodensee komplett hergestellt, abgefüllt, verpackt und in die weite Welt versandt werden.
Takeda hat über die vergangenen Jahre über 300 Millionen Euro in seinen deutschen Standort investiert. Zuletzt flossen 50 Millionen Euro, um noch mehr Dengue-Vakzin produzieren und in die ganze Welt verschicken zu können. An diesem Dienstag hat das Unternehmen die neuen Produktionshallen eingeweiht.
Der japanische Konzern weitet seine Impfstoffproduktion in Deutschland aus.
Foto: IMAGO/BelgaNeben dem Dengue-Impfstoff von Takeda gibt es auch einen von Sanofi, der 2018 zugelassen wurde. Er wird aber nur für Menschen empfohlen, die sich bereits einmal mit dem Virus infiziert haben, und nicht als Reiseimpfstoff.
Die meisten Pharmaunternehmen, die an Vakzinen gegen Tropenviren forschen, sitzen in Ländern, wo diese verbreitet sind. Außerdem sind es vor allem kleine und mittelgroße Anbieter. Viele Projekte werden von globalen Organisationen wie den Impfstoffallianzen Gavi oder Cepi unterstützt, in denen sich öffentliche und private Partner – darunter auch große Pharmakonzerne – engagieren, um lebensrettende Impfungen für Menschen in einkommensschwachen Ländern zu finanzieren.
Auch der US-Konzern Moderna, der den Coronaimpfstoff Spikevax entwickelt hat, forscht an Vakzinen gegen Tropenviren. Am weitesten ist ein Mittel gegen das Zika-Virus. Bevor ein Impfstoff in die Zulassung geht, durchläuft er vorklinische Phasen und dann drei klinische Prüfphasen, in denen er am Menschen getestet wird. Das Zika-Vakzin befindet sich gerade in der zweiten Phase.
In der klinischen Phase I hat Moderna gerade einen Impfstoff gegen das Nipah-Virus. Dieses kann eine Gehirnentzündung auslösen, die oft tödlich verläuft. Bislang gab es in Europa nur einen dokumentierten Fall in Großbritannien. Andere Impfstoffe gegen Tropenviren, etwa auch gegen Denguefieber, sind bei Moderna noch in der vorklinischen Entwicklung.
Experte: Auf keinen Fall sinnvoll, sich in Deutschland gegen Krankheiten impfen zu lassen, die noch gar nicht da sind
„Zu unserer globalen Strategie für die öffentliche Gesundheit gehört auch, unsere mRNA-Impfstoffe für die Prävention von Infektionskrankheiten voranzubringen“, sagt Shannon Klinger, Chief Legal Officer von Moderna. Deshalb habe Moderna 15 Krankheiten ausgewählt, die es vorrangig zu bekämpfen gelte – basierend auf Empfehlungen der WHO und der Cepi.
Gegen das Chikungunya-Virus, das Fieber und schwere Gelenkschmerzen hervorrufen kann, dürften bald Impfstoffe verfügbar sein: Sowohl das US-Unternehmen Emergent Biosolutions als auch die französisch-österreichische Valneva haben die dritte klinische Phase abgeschlossen. Valneva hat bereits einen Zulassungsantrag in den USA und Kanada gestellt, in Europa soll das in der zweiten Jahreshälfte passieren.
Tropenmediziner Bernhard Fleischer spricht sich dafür aus, prophylaktisch Impfstoffe zu entwickeln und zu produzieren, die man etwa bei lokalen Ausbrüchen Menschen in der Region anbieten könnte. Er weist aber auch darauf hin, dass die meisten der Tropenkrankheiten, die nach Deutschland und Europa schwappen, nicht so gefährlich sind, wie man denken könnte.
„Da, wo die Mücken schon sind und es immer warm ist, kommt es trotzdem nicht zu Ausbrüchen“, sagt Fleischer. „Es ist auf keinen Fall sinnvoll, sich in Deutschland gegen Krankheiten impfen zu lassen, die noch gar nicht da sind.“
Dass Malaria, die wohl bekannteste Tropenkrankheit, nach Europa kommt, ist übrigens laut Experten sehr unwahrscheinlich. Dafür braucht es besonders viele infizierte Menschen und Mücken als Überträger.