Pharmabranche: Teure Energie bedroht Medikamenten-Herstellung in Europa
Vor allem die Produktion von Generika in Deutschland könnte bedroht sein.
Foto: imago images/Cavan ImagesDer Schweizer Novartis-Konzern fertigt hier Penicillin V, als einziger Hersteller des Antibiotikums in Europa. Die Herstellung des lebenswichtigen Mittels ist längst in Asien angesiedelt – so wie es bei den meisten wichtigen Arzneiwirkstoffen der Fall ist, die in Fernost deutlich preiswerter hergestellt werden können.
Die Politik will diese Abhängigkeit verringern und wichtige Produktionen wieder in Europa ansiedeln – aufgeschreckt von den Lieferengpässen während der Coronapandemie. Doch in der Praxis wird der Standort Europa und Deutschland für die Pharmabranche immer unattraktiver. Gesetzliche Regelungen, die die Medikamentenpreise drücken, belasten das Geschäft. Nun verschärfen die Energiepreise die Lage.
Eine bisher unveröffentlichte Studie des IW Köln, die dem Handelsblatt vorliegt, kommt zu dem Schluss, dass Pharmaunternehmen bereits geplante und zukünftige Investitionsentscheidungen in Deutschland überdenken könnten. Die Forscher führen als Grund explizit das höhere europäische Energiepreisniveau und die daraus resultierende Schwächung des Wirtschaftsstandorts an – eine denkbar schlechte Basis für „Rückholaktionen“ von Fertigungen.
Die Pharmaindustrie gilt zwar nicht als energieintensiv, anders als etwa die Chemie- oder Stahlindustrie. Die direkten Energiekosten machen nur ein Prozent der Gesamtkosten aus. Einen Großteil ihrer Vorprodukte bezieht die Branche aber aus energieintensiven Industrien.
Steigende Energiekosten treffen Pharmaunternehmen doppelt
Diese Produkte sind wegen der Energiepreissteigerungen deutlich teurer geworden. Durch die gedeckelten Medikamentenpreise können höhere Kosten aber nicht einfach an die Konsumenten weitergegeben werden. Darunter leiden die Gewinnspannen gerade bei den Herstellern von preiswerten, patentfreien Nachahmerprodukten (Generika), also etwa bei gängigen Schmerzmitteln.
„Steigende Energiekosten treffen uns als Unternehmen doppelt“, klagt der Generikahersteller Teva, der in Deutschland vor allem für Arzneimittel unter der Marke Ratiopharm bekannt ist. „Einmal direkt über unsere Energiekosten, aber auch über unsere Vorprodukte, die teurer werden, wenn die Energiekosten steigen.“
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Die Pharmabranche bezieht etwa die Hälfte ihrer Vorprodukte aus ihrer eigenen Branche. Die andere Hälfte sind Chemikalien, Papier und Pappe, Glas und Kunststoff. Im Dezember 2022 hatte sich der aggregierte Erzeugerpreis in diesen vier Industrien um gut 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr verteuert – im gesamten verarbeitenden Gewerbe sind die Preise nur um 13 Prozent gestiegen, heißt es in der Studie des IW Köln.
„Steigende Energie- und Rohstoffpreise sind eine große Herausforderung, da es derzeit kaum Möglichkeiten gibt, die Preise auf den europäischen Märkten weiterzugeben“, moniert etwa Novartis.
Herstellung von Generika in China 20 bis 60 Prozent günstiger
„Butter, Fahrräder oder Flugreisen können teurer werden, für lebenswichtige Arzneimittel gilt das aber nicht“, echauffiert sich Bork Bretthauer, Geschäftsführer des Lobbyverbands Pro Generika. „Hier sind die Preise im Kellerniveau einbetoniert.“
Vor allem die Produktion von Generika in Deutschland könnte bedroht sein, schlussfolgert die Studie des IW Köln. Für die ist der Standort schon seit Langem unattraktiv: 2017 schloss der letzte deutsche Antibiotikahersteller seine Pforten, seither ist Deutschland bei Antibiotika noch abhängiger von Asien. In China etwa ist die Herstellung verglichen mit der Produktion in westlichen Ländern zwischen 20 und 60 Prozent günstiger, heißt es in einer Studie von Teva.
Werden bestimmte Medikamente bald nicht mehr in Deutschland hergestellt?
„Die Frage macht sich breit, ob es sich noch lohnt, bestimmte Präparate herzustellen“, sagt ein Sprecher des Generikaherstellers. Eine Folge der hohen Energiekosten könnte damit sein, dass noch mehr Anbieter bestimmte Produkte nicht mehr in Deutschland produzieren und eine Neuansiedlung der Produktion von billigen Basismedikamenten gar nicht erst einsetzt.
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Zwar sind die Strom- und Gaspreise in der Zwischenzeit gesunken, doch Ökonomen gehen davon aus, dass sich die Kosten für Energie auf den europäischen Märkten mittelfristig auf einem höheren Niveau als vor der Krise einpendeln werden.
Unternehmen könnten geplante Investitionen überdenken
„Die Gefahr ist, dass Unternehmen wegen des wirtschaftlichen Drucks bereits geplante Investitionen überdenken und in Zukunft Ansiedlungsentscheidungen für Forschungs- und Produktionsstandorte zugunsten anderer Länder treffen“, sagt Simon Schumacher, Ökonom für den Pharmastandort Deutschland beim IW Köln und Mitautor der Studie.
Das gilt auch für die Wirkstoffe, die schon zum Großteil aus China und Indien kommen. Einer der letzten verbliebenen Wirkstoffhersteller ist Euroapi, eine Ausgründung des französischen Pharmaunternehmens Sanofi.
„Es gibt keinen fairen Wettbewerb mit China und Indien“
An sechs Standorten in Europa produziert Euroapi insgesamt 200 Wirkstoffe, in Frankfurt sind es 25. Einer davon: Metamizol. Für Metamizol sei Euroapi der einzige übrig gebliebene westliche Hersteller, „ansonsten gibt es die nur noch in China“, sagt Pierre Haller, General Manager des Unternehmens.
„Die Energiepreise spielen für uns eine große Rolle und führen zu einer Verteuerung“, sagt Haller. Auch bei Metamizol: Es sei mittlerweile schwierig, den Wirkstoff kostendeckend zu produzieren. „Das ist eines der Dinge, die auf den Prüfstand kommen.“
Es gebe keinen fairen Wettbewerb mit China und Indien, „zum Beispiel im Hinblick auf unsere höheren Umweltstandards, von denen wir auch nicht abrücken werden“, sagt Haller. Ohne staatliche Förderung sei es deshalb nicht möglich, bei der Wirkstoffproduktion wieder unabhängig von Asien zu werden. Im Gegenteil: Dann würde die Abwanderung weitergehen.
„Völlig klar ist: Es macht den Standort nicht attraktiver, wenn die Energiekosten höher sind als an anderen Standorten“, schlussfolgert Claus Michelsen, Chefvolkswirt des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen. „Das beschneidet uns letztlich in den Wachstumsmöglichkeiten, die Investitionen und die Forschungs- und Entwicklungsbudgets leiden unter der Entwicklung.“