Konjunktur stagniert: Keine Rezession mehr, Euro-Zone hängt Deutschland ab
Im Vergleich zu 2019, also unter Einbezug des Coronaschocks, könnte die deutsche Wirtschaftsleistung bis Ende 2024 um bloß 1,7 Prozent wachsen.
Foto: dpaBerlin. Die deutsche Wirtschaft ist erneut nicht gewachsen – immerhin aber auch nicht geschrumpft. Im zweiten Quartal stagnierte das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das hat das Statistische Bundesamt am Freitag bekannt gegeben und damit seine vorige Schätzung bestätigt.
Die deutsche Wirtschaftsleistung hat damit drei Quartale in Folge nicht zugenommen. Im letzten Vierteljahr 2022 ging sie um 0,4 Prozent zurück. Im ersten Vierteljahr 2023 stand ein Minus von 0,1 Prozent.
Damit befindet sich Deutschland nicht mehr in einer technischen Rezession. Davon sprechen Fachleute bei mindestens zwei Quartalen nacheinander mit schrumpfender Wirtschaftsleistung.
Statistikamt-Chefin Ruth Brand sprach zwar davon, dass sich die deutsche Wirtschaft nun stabilisiert habe. Deutschland kommt allerdings ohne Wachstum weiter nicht vom Fleck und kann die Einbußen aus den vergangenen Jahren nicht aufholen. Hinzu kommt: Die Bruttowertschöpfung, also die reine ökonomische Aktivität, nahm im zweiten Quartal um 0,5 Prozent ab.
Einiges spricht dafür, dass das auch in den nächsten Monaten nicht passiert. „Im dritten Quartal 2023 wird die deutsche Wirtschaftsleistung wohl erneut weitgehend unverändert bleiben“, schrieb die Bundesbank vor einigen Tagen in einem Bericht.
Der wichtige Ifo-Geschäftsklimaindex ist ebenfalls weiter gefallen. Er ist im August auf 85,7 Punkte gesunken, nach 87,4 Punkten im Juli. Das ist der vierte Rückgang in Folge.
Die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage fiel auf den niedrigsten Stand seit August 2020. Zudem blicken die Unternehmen pessimistischer auf die kommenden Monate. „Die Durststrecke der deutschen Wirtschaft verlängert sich“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest.
Kurzfristige Konjunkturdelle oder langfristige Wachstumsschwäche in Deutschland?
Die deutsche Wirtschaft hat weiterhin allerhand Probleme. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für 2023, dass sie um 0,3 Prozent schrumpft und erst 2024 wieder um 1,3 Prozent wächst. Die Bundesrepublik ist die einzige Industrienation, für die der IWF einen Rückgang der Wirtschaftsleistung prognostiziert.
Deutschland hat zwar auch einen geringeren Einbruch in der Coronapandemie erlebt, also weniger aufzuholen. Doch Handelsblatt-Berechnungen zeigen: Im Vergleich zu 2019, also unter Einbezug des Coronaschocks, wird das deutsche BIP bis Ende 2024 nur um 1,7 Prozent gewachsen sein, wenn sich die IWF-Prognosen bewahrheiten. Die Euro-Zone kommt insgesamt auf 4,8 Prozent.
Die staatliche KfW-Förderbank geht in ihrer neuen Konjunkturprognose sogar noch weiter und erwartet für Deutschland 2023 ein Minus von 0,4 Prozent und für 2024 bloß ein Wachstum von 0,8 Prozent.
Das im zweiten Quartal erneut ausgebliebene Wachstum rückt den Fokus auf die Frage, ob Deutschland sich bloß in einer vorübergehenden Konjunkturschwäche befindet oder daraus eine anhaltende Wachstumsschwäche wird. Oder anders gefragt: Wird Deutschland wieder zum „kranken Mann Europas“?
Ist die Konjunktur bloß kurzfristig geschwächt, folgt darauf zeitnah wieder ein Aufschwung. Eine nachhaltige Schwächung würde hingegen bedeuten, dass das Wachstum in Deutschland dauerhaft gering bleibt.
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Diese Frage ist auch für die wirtschaftspolitische Reaktion entscheidend. Eine kurzfristig geschwächte Konjunktur kann kaum durch politische Maßnahmen verhindert werden. Sie ist vielmehr ein Stück weit gewünscht: Die Notenbanken haben die Zinsen in Rekordgeschwindigkeit angehoben. Das dämpft die Nachfrage, schwächt zwar die Konjunktur, erfüllt aber das Ziel der Notenbanken: Die Inflation geht zurück.
Bei einer nachhaltigen Wachstumsschwäche hingegen sind es strukturelle Faktoren, die das Wachstum blockieren. Auf diese hat die Politik durchaus Einfluss.
Die wirtschaftlichen Indikatoren aktuell in Deutschland sind nicht so klar, als dass sie eine eindeutige Antwort auf die Frage nach Konjunktur- oder Wachstumsschwäche geben könnten. Viele Faktoren sprechen für einen langfristigen Trend, einige aber auch dagegen. Darauf kommt es an:
Sorge: Exportwirtschaft vor harten Zeiten
Seinen Wohlstand hat sich Deutschland auch durch eine starke Exportabhängigkeit aufgebaut. Annähernd jeder vierte Arbeitsplatz in der Wirtschaft besteht, weil die Nachfrage nach deutschen Produkten so hoch ist. Die USA sind der wichtigste Handelspartner Deutschlands. Und nicht zuletzt China wurde für die deutsche Exportwirtschaft in den 2000er-Jahren immer wichtiger.
Doch der Außenhandel mit beiden Partnern stockt. Die USA versuchen deutsche Industriegüter zunehmend durch eigene Produkte zu ersetzen. Und vor allem die Wachstumsschwäche Chinas lässt die Nachfrage nach deutschen Gütern schrumpfen. Insgesamt gingen die deutschen Exporte im zweiten Quartal um 1,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal zurück.
Im ersten Halbjahr 2023 exportierte Deutschland Waren im Wert von 53,4 Milliarden Euro nach China – neun Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2022.
Die inländischen Probleme der Volksrepublik beeinflussen auch die deutsche Exportwirtschaft.
Foto: dpaGerade die Schwäche Chinas könnte zu einem anhaltenden Phänomen werden: Die Volksrepublik verliert immer mehr von seiner Rolle als globaler Wachstumschampion. Die chinesische Wirtschaft war im zweiten Quartal nur um 0,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen.
Harvard-Volkswirt Kenneth Rogoff erwartet in den kommenden zehn Jahren im Schnitt maximal ein Wachstum von zwei bis drei Prozent pro Jahr. Die deutsche Wirtschaft muss möglicherweise einen wichtigen Teil ihres Exportgeschäfts über längere Zeit abschreiben.
Sorge: Wettbewerbsnachteil Energiepreise
Die aktuellen Konjunkturzahlen sind auch deshalb so schwach, weil die Industrie ihre Produktion kaum hochfährt. Energieintensive Branchen wie Chemie oder Stahl könnten stattdessen zunehmend ins Ausland abwandern.
Denn Deutschland dürfte durch seine hohen Energiepreise weiterhin einen Wettbewerbsnachteil haben. Im ersten Quartal lag der durchschnittliche Großhandelsstrompreis bei 116 Euro je Megawattstunde. Das ist deutlich weniger als zu Hochzeiten der Energiekrise im Jahr zuvor, aber immer noch deutlich mehr als in anderen Ländern.
Die deutschen Strompreise dürften in den nächsten Jahren weiter sinken. Das Marktforschungsunternehmen Prognos erwartet bis 2030 einen Preis von 76 Euro im Großhandel. Möglich machen soll das vor allem der Ausbau der vergleichsweise günstigen erneuerbaren Energie, bis 2030 soll diese 80 Prozent des Bedarfs decken.
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Trotzdem wird Deutschland wohl nicht mit Konkurrenten wie den USA mithalten können. Dafür sind die Rahmenbedingungen beim Energieausbau zu schlecht. Energie war in Deutschland zwar schon immer vergleichsweise teurer. Das lag in der Vergangenheit aber eher an Steuern und Umlagen. Mit Abschaffung der EEG-Umlage ist ein Großteil davon schon weggefallen. In Zukunft ist es die Energie selbst, die zum Standortnachteil werden dürfte.
Sorge: Immer weniger Arbeiter, Trendwachstum flacht ab
Diese Probleme treffen auf eine übergreifende Entwicklung, die es der deutschen Wirtschaft in den kommenden Jahren ohnehin schwer gemacht hätte: den demografischen Wandel. Gegenüber dem Jahr 2000 mit 42 Millionen Erwerbspersonen in Deutschland droht diese Zahl nach aktuellem Stand bis 2050 auf 30 Millionen Personen zu sinken.
Letztlich führt die Reihe der strukturellen Probleme dazu, dass sich das Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft immer weiter einschränken dürfte. Das IfW prognostiziert, dass sich der Wachstumspfad bis 2027 auf nur noch 0,4 Prozent pro Jahr abflacht.
Das wäre gerade einmal ein Drittel des vormals langjährigen Durchschnitts von 1,3 Prozent. „Deutschland steht ein schwieriges Jahrzehnt bevor, das mehr als bislang durch Verteilungskonflikte geprägt sein wird“, sagt IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths.
Hoffnung: Stabile Preise
Bei all den schlechten Nachrichten: Es gibt auch Hoffnung für die mittelfristige Entwicklung der deutschen Wirtschaft. Vor allem die langsame, aber stetige Normalisierung der Inflation gehört dazu.
Aufgrund der historischen Preissteigerungen im vergangenen Jahr ist es sinnvoll, sich heute nicht wie sonst üblich die Vergleiche mit dem Vorjahresmonat anzuschauen, sondern den mit dem Vormonat. Im Juli hat sich das Preisniveau dabei um 0,3 Prozent erhöht.
Zuvor haben die Preise im Vormonatsvergleich aber stetig abgenommen. Das dürfte sich in den nächsten Monaten auch wieder zeigen. Denn der wichtigste Frühindikator, die Erzeugerpreise, zeigt deutlich nach unten. Die Preise ab Werk sind im Juli im Vormonatsvergleich um 1,1 Prozent gesunken.
Die Befürchtung, Deutschland könnte seine hohe Inflation in den nächsten Jahren gar nicht mehr loswerden, wird damit unwahrscheinlicher. Auch Warnungen vor einer Dekade der Inflation, wie sie etwa der britische Ökonom Charles Goodhart aufgrund des demografischen Wandels erwartet, sind daher zumindest weniger berechtigt.
Die Bundesregierung rechnet für 2024 noch mit einer Teuerung von 2,7 Prozent, was schon nah dran am Ziel der Notenbanken von zwei Prozent wäre.
Diese Entwicklung hat einen doppelten wirtschaftlichen Vorteil: Hohe Inflation ist per se schlecht für die Wirtschaft. Sie schafft Unsicherheit und lässt die Kaufkraft sinken. Im zweiten Quartal stagnierte der private Konsum aus diesen Gründen noch immer. Außerdem reagieren die Notenbanken mit Zinserhöhungen, was die Nachfrage zusätzlich dämpft.
Hoffnung: Industrieller Strukturwandel
Die hohen Energiepreise in Deutschland müssen nicht nur eine Gefahr sein. Sie könnten auch einen Fortschritt auslösen, den das Land dringend nötig hat. Unter dem Druck der hohen Energiepreise passen Unternehmen ihre Geschäftsmodelle an, produzieren effizienter mit weniger Energie und modernisieren so die industrielle Basis des Landes insgesamt.
Deutschland könnte einiges aufholen: In den 2000er-Jahren betrug der technologische Energiefortschritt im Schnitt bloß 1,8 Prozent jährlich. Im Zuge der hohen Preise änderte sich das im vergangenen Jahr: Laut Wirtschaftsministerium lag der Fortschritt 2022 bei sieben Prozent.
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Hoffnung machen auch die Erfahrungen aus der Ölkrise. Die hatte seinerzeit in Deutschland einen enormen technologischen Fortschritt ausgelöst. Ein Industriestrompreis würde die Lage der energieintensiven Branchen zwar entspannen, diesen Effekt aber verkleinern.
Sicher ist nur, dass Deutschland wirtschaftlich schwere Zeiten bevorstehen. Doch der Rückfall zum „kranken Mann Europas“ folgt daraus nicht automatisch.
Erstpublikation: 15.08.2023, 08:10 Uhr (zuletzt aktualisiert: 25.08.2023, 10:14 Uhr).